In der Stadt musste Dembowski immer eine Platstiktüte mit den besten Getränken mit sich führen. Was blieb ihm sonst schon übrig? 
„Was aber treibt Dich an?“ war die Frage der Parkbanksitzerin. 
Der Transferbombenmontag hatte mich mürbe gemacht und ich war raus in die Natur. Erst nur ein paar Schritte in Richtung Walter-Nicklitz-Promenade, dann immer weiter, immer schneller und immer zielstrebiger aus der Stadt raus. Ich konnte nicht ohne Stadt leben, aber ich konnte auch nicht in ihr Leben. Vielleicht war es mein Alter, das mich immer empfindlicher auf diese alltägliche Unruhe reagieren ließ. Vielleicht war es aber auch einfach meine Sehnsucht nach dem inneren Frieden, den ich, auch wenn ich mir immer wieder „niemals war ich glücklicher“ einredete, noch lange nicht gefunden hatte.
Die nervösen Zuckungen, die die immer gleichen Bewegungsabläufe in mir hervorriefen, die Nervosität, die ich trotz aller Beteuerungen nicht abschütteln konnte, die Sehnsucht nach Ruhe, die meine Gedanken abschweifen ließ und die immer stärker werdenden Abneigung gegen jedwede musikalische Beschallung meiner Alltagsbemühungen – all das bereitete mir die größte Sorge. Was ich dereinst geliebt, wofür ich noch vor wenigen Wochen gelebt hatte, musste ich mir eingestehen, zerfiel immer mehr in seine Bestandteile, löste sich auf, bedrückte und zerstörte mich zugleich. 
Es fiel mir selbst unfassbar schwer, mir mein eigenes, und wiederholtes Scheitern, einzugestehen. Was war wirklich wichtig – die Lama-Farm, der Oderbruch, die Ruhe, Dörte!, waren meine Antworten – und wieso schmiss ich all das für ein paar Krumen von was eigentlich hin? Immer wieder, mit beängstigendem Gleichmut. Ich war längst in – mindestens – zwei Teile zerbrochen. Manchmal gelang es mir mühevoll, eine Seite zu bändigen oder der anderen Seite sogar ein paar positive Dinge abzugewinnen, aber ich musste mir schon bald eingestehen, dass der jahrelange Alkoholkonsum, das Abhängen in Kneipen, das Warten auf Veränderungen, das Verharren an mir feindlich gesinnten Orten und das Festhalten an Belanglosigkeiten letztendlich zu meinem Verfall geführten hatten. 
Obwohl ich in der Sonne aus der Stadt spazierte, hatte mich die Kälte im Griff. Ich fühlte nicht, der Nebelschleier hatte meine Gedanken im Griff. Ich musste mir eingestehen, dass meine Bemühungen immer nur zum Scheitern verurteilt waren. Dass Piotr und seine gottverdammte Konstrukteursbande mein Leben in den letzten zwei Jahren vielleicht gedreht, aber beileibe nicht in eine mir angenehme Richtung gedreht hatten. Die dunklen Gedanken hatten meinen Körper fest im Griff und jedwede Befreiungsversuche zogen mich am Ende des Tages nur tiefer in Richtung Abgrund. 
Wenn nicht einmal mir es gelang, dachte ich irgendwo an der Karower Teichen, einen Sinn hinter meinem Streben zu finden, wieso sollte es dann überhaupt von Interesse sein. Dembowski schafft sich ab, mich jetzt auf eine Parkbank niederlassend. Erst die Euphorie, dann der Zweifel, dann der Verfall. Dann die Euphorie, dann der Zweifel und bald der Zerfall. Die Spirale drehte sich unweigerlich und mit jeder neuen Euphoriewelle stellte ich weniger Ansprüche und jeder Zweifel war stärker und größer und schmerzhafter. Ich versuchte meine Arme zu ertasten, aber da war nichts. Ich berührte meine Beine und sie waren nicht da. Ich versuchte zu schreien, aber ich schwieg. Ich versuchte mich zu bewegen und saß still auf der Bank an den Karower Teichen. Die Sonne berührte meinen Kopf, bis auf ein paar Vogelgeräusche und das ferne Dröhnen der Motoren war es ruhig. Aber ich wollte nur zurück auf die Lama-Farm, und steckte doch im Großstadtmoloch fest. 
Es war unerträglich. Doch war mir klar, dass ich gegen mich kämpfen musste. 
„Entschuldigung. Ich habe zugehört. Was ist nur los?“ fragte mich jemand. Jemand, so stellte sich raus, war Melanie, 44, verheiratet, 3 Kinder, die wohl schon einige Zeit neben mir gesessen haben musste. „Du, sag ich jetzt einfach mal, hast so laut geredet.“ „Was?“ „Geredet. Über Dich. Mit Dir. Mit zwei Stimmen.“ „Was?“ „Du hast geredet. Mit Dir!“ „Aha“ 
Davon hatte ich keine Ahnung. Es war mir zumindest nicht aufgefallen. Melanie schien nicht überrascht davon. Sie erzählte mir von ihrem Leben, ihrer Ehe, dem Mann, den sie liebte und ihrem Glück. „Irgendwann habe ich mir keine Sorgen mehr gemacht. Ich war nicht mehr auf der Suche. Ich war da. Auf einmal war ich nicht mehr die Melanie, die sich ihr Leben vorstellte, sondern die Melanie, die ihr Leben lebte!“ „Mit 3 Kindern? In Karow. Und Urlaub an der Ostsee!“ „Wieso nicht. Wir müssen irgendwann zufrieden sein, mit dem was wir erreichen können. Was nützt es schon, danach zu streben, was wir erreichen wollen? Wir kommen doch nie an!“
Melanies Weisheiten nervten. Aber sie wollte nicht locker lassen. 
„Was aber treibt Dich an?“ fragte Melanie mich auf der Parkbank an den Karower Teichen sitzend. 
„Das willst Du wissen? Wirklich? Die Wahl zum Spieler der Saison zum Beispiel. Der nächste Transferscoop. Der Aufreger des Jahres. Kannst Du Dir eventuell – und trotz Deiner kleingeistigen Weisheiten – vorstellen, dass es da draußen Leute gibt, die weiter träumen wollen, die Ziele haben, die sich nicht mit dem Ist-Zustand abfinden wollen, die niemals ankommen werden, weil es immer eine nächste Sache gibt, die wichtiger, die spannender, die größer ist als alle Sachen davor. Das kannst Du Dir nicht vorstellen, was? Du mit Deinen 3 Kinder und Deiner glücklichen Ehe, Du mit Deinem Reihenendhaus in Karow und Deinen Urlauben am Meer. Du mit Deinem Verstand und Deiner Vernunft. Wer hat Dich überhaupt gefragt?“
Innerhalb weniger Minuten war ich in der S-Bahn, weniger später hang über dem Tresen im Oldie-Eck und trank und trank und trank, bis ich wieder bei mir war. Nur wenn ich trinke, dachte ich, sehe ich den Abgrund nicht. Nüchtern stürze ich immer schneller und tiefer hinein. Noch ne Runde, Marianne, es ist Zeit zu lachen, zu tanzen, und zu weinen.
das elendige großstadtleben