Ich war gerade dabei die neue Taktik der Borussia auszutüfteln. Mit ein paar Zetteln legte ich das neue Spielsystem immer wieder noch neuer. Als ich in meinen Gedanken gerade den guten Robert Lewandowski aufgegeben hatte und zeitgleich Verletzungen von Schmelzer, Hummels, Bender, Gündogan und Piszczek simulierte, also mit folgender Aufstellung in das nächstjährige Derby ging

Weidenfeller – Kuba, Santana, Subotic, Halstenberg – Großkreutz, Kehl, Sahin – Reus, Götze – Ginczek

klingelte es an der Tür. Ein paar finster dreinblickende Typen stürmten die Treppe hoch. Ich hörte sie schnaufen. Durch den Spalt zwischen den Treppen beobachte ich sie. Sie sahen wirklich nicht nach guter Laune aus, ihr Tempo machte klar: Sie wollten Antworten sofort. Ob sie wohl eine Dienstwaffe auf mich richten werden, fragte ich mich den schnellen Sprüngen der Heranstürmenden lauschend.

„Was ist los?“, fragte ich sie. Nahm gleich mal das Ruder in die Hand. „Das wollten wir Dich fragen, Dembowski!“ „Duzen wir uns jetzt?“ „Und wenn Dortmund erst in 10 Jahren Meister wird, bin ich zufrieden!“ War das ein Codewort? Was wollten diese drei Typen, die zwar nicht ihre Dienstwaffe auf mich richteten, allderweil sie aber ihre Hände verdächtig in Hüftnähe hielten. Das konnten ihre Trenchcoats nicht verbergen. „Hören wir etwa Paul McCartney?“, frage mich der bulligste Typ der Truppe, schritt ein wenig in Richtung Tür, die ich mit meinem Körper versperrte. „Wissen Sie, alles war gut. Ich saß da, schob die Aufstellung hin und her. Es war kompliziert, viele Verletze, zum Glück hatten wir Ginczek von St.Pauli zurückgeholt, aber Julian Koch war noch nicht einsatzbereit. Und das im Derby. Sie werden sich erinnern werden. Wir hatten auch in der Rückrunde nicht gewonnen. Klopp wieder mit Dreierkette. Konnte das gut gehen?“

Sie schauten mich an, schüttelten ihre Köpfe im Gleichtakt. „Und nur weil man die Gewerkschaft vorschickt, weils einen riesen Radau gäbe, wenn mans offiziell täte, entschärft es das nicht“ Ich verstand einfach nicht, worauf sie hinauswollten. „Darf ich mich vorstellen?“, bemerkte der bullige Typ meine Unsicherheit. „Alle nennen mich den Säbel. Weil ich gerne mal…“ er trat an mich heran und drückte mich in Richtung Tür. „Wo zudem noch der Vater dahinter steckt“, brülllte er mich jetzt an. „Was zum Teufel ist hier los?“ „Und wann biste genau ins rechte politische Lager gewechselt?“, fragte „Säbel“ mich scharf.

„Ich habe keine Ahnung, was Sie von mir wollen und warum Sie mich duzen! Was wollen Sie?“ Die Typen begannen mich zu nerven, so richtig. „Und nein, das ist nicht McCartney. Das ist Robert Love! Alabama 3? Anyone? Der Typ, der The Sopranos geschrieben hat? Die Musik dafür?“ „“Aber es ist gut immer als erstes was zu bedenken, auch wenn sich andere dann aufspielen und frech werden“ Ich konnte Säbel nicht ernst nehmen, seine Kollegen offensichtlich auch nicht.

„Dürfen wir reinkommen? Geht um den Tunnelbau in Steglitz. Sagt Ihnen der Name Piotr etwas?“ „Kommen Sie rein!“ Robert Love untermalte diesen Moment mit einer der schönsten Liebeserklärungen der Musikgeschichte. „I am gonna lift up your name! I am gonna lift it up like the FA Cup, I’m gonna lift up your name.” “Rob Love! Da ist doch auch She’s More Rock And Roll Than Me drauf? “Genau!” “Cool, dann haben wir das geklärt. Wer ist Piotr?“ Ich ging zum Kühlschrank, holte mir noch ein Bier aus dem Kühlschrank und bot den Jungs einen Platz an.

„Ich habe keine Ahnung, wo der ist!“ Es machte aber auch keinen Sinn, Piotr zu verleugnen. Ich hatte ohnehin noch ne Rechnung mit ihm offen und arbeitete jetzt für die andere Seite. „Die Steglitz-Nummer?“ „Gut erkannt! Eine Organisation namens Die Konstrukteure hat die Tiefgaragen angemietet. Du wurdest Freitag mit ihm gesehen.“ Ich breitete noch einmal meine ermüdende Geschichte aus, legte die ersten Masernvirenfressenkrebszellen-Demos auf und fragte sie, was sie davon halten würden. Die Ohren zu, war ihre Antwort. Dabei gefiel mir der Refrain von „(Du bist) Wie ein Leguan“ immer besser. „Können wir die Musik mal für einen Moment ausmachen?“ „Klar. Die Aufstellung vielleicht? Also natürlich ist da entscheidend, ob die defensive Dreierreihe einigermaßen vernünftig agiert und nicht nur reag…“ „Dembowski, wir sind wegen Piotr hier“ „Und ich erklärte gerade, dass die Vergangenheit der Konstrukteure unsere Zukunft ist. Wenn also das Derby noch nicht gespielt wurde, dann gilt das vielleicht für uns, aber Piotr wird da ganz andere Erfahrungen gemacht haben.“ „Was zum Teufel?“ „Er mag zwar am Freitag dagewesen sein, aber seine Zeitlinie ist eine andere Zeitlinie. Ich habe das auch nie so ganz verstanden. Aber es klang schön, wenn er von der Vergangenheit, der Zukunft sprach. Und natürlich der Gegenwart. Dafür hatte er gekämpft!“

„Dembowski! Manchmal würde es wirklich hilfreich sein, wenn Du bei einer Geschichte bleiben würdest!“ Mittlerweile resignierten bereits zwei der drei Typen. Säbel starrte gedankenverloren aus dem Fenster, sagte hin und wieder Sätze wie „Wo das Volk aufbegehrt und sich auch mal widersetzt“ und war ansonsten in seiner eigenen Welt. „Was macht der eigentlich hier?“, fragte ich und deutete auf Säbel. „Ach, den müssen wir durchschleppen. Manchmal fällt ihm ein entscheidender Hinweis ein. Ansonsten sollte man nicht auf ihn hören! Zurück zu Dir. Was ist mit der Vergangenheit? Was hat das mit dem Tunnel zu tun?“


Vor uns lagen jetzt ein paar Skizzen und Aufnahmen aus der Wrangelstraße. Sie hatten wirklich gut gearbeitet. Natürlich, dachte ich mir, könnte das Piotr gewesen sein. Was hätte er sonst hier machen sollen? Mit mir reden? „Tut mir leid. Ich kann nicht sagen, wo Piotr ist. Er hat mich in Anklam aus dem Zug geworfen!“ „Das erzähltest Du bereits!“ „Lass uns die EAV hören!“, sagte ich, nahm mir noch ein Bier und widmete mich wieder der Aufstellung. Das wird eine verdammte harte Nuss dachte ich. Säbel sagte: „So musst du es mal betrachten“ und die Jungs gingen wieder, auf dem Tisch lag ihre Visitenkarte. Ich konnte ihnen nicht helfen. Nicht in dieser Zeit.

das derby 2013/2014 – ode an einen säbel