Und wie ich da so sitze, verkatert, mit geschundenem Körper fällt mir einfach kein Gegenmittel ein. Ich gehe meine Plattensammlung durch. Doch Zevon will nicht zünden, Songs:Ohia werfe ich mit den Worten „hör auf zu leiden, Weichei“ gegen die Wand und schäme mich im nächsten Moment, Weezers Insel in der Sonne kämpft vergebens gegen die dunklen Wolken der durchzechten Nacht, Tony Joe White war noch nie was für die Morgenstunden, Kristofferson zählt nur am Sonntag, auf Ramblin Jack Elliott zu hoffen, wäre in meiner Situation fatal und von Santigold habe ich schon lange nichts mehr hören wollen. Mies! Mindestens.

Nachschauen, was der Computer zu bieten hat. Ein paar Nachfragen zum Ausflug ins Café King, ein paar Bitten um Tipps für den kommenden Spieltag, die natürlich direkt mit meinem Abstecher zusammenhängen. Nichts bleibt verborgen. Nichts aber erregt meine Aufmerksamkeit. Konterbier? Vielleicht die rettende Idee? Nicht wirklich. Das Kronen verliert sich im Spülbecken. Vermischt sich da mit den letzten glimmenden Sekunden der zwanzigsten Ernte des Morgens. Auf in die Samenhandlung. Das Straßengrau der Menschen an der Osloer Straße. Hallo Tristesse! Der Gemüsehändler verscherbelt grüne Paprika im Sturm. Die Biertrinker reihen sich am U-Bahn-Abgang auf, vertrieben von den schwerbewaffneten Security-Burschen auf der Mittelebene. Am vietnamesischen Blumenhändler (Adventskränze! Alle müssen raus! 3€!) vorbei, den Burgerstand rechts liegen lassen, wieder hoch. Doch ein Konterbier? Zurück in die Wohnung. Es gibt nichts mehr zu ermitteln. Alles hat seine Zeit.

In der Wohnung. Das Chaos. Der Gestank kalter Zigaretten und halb ausgetrunkener Kronen. Die speckige Ledercouch, auf der ich die Nächte verbringe, wenn ich es wieder nicht ins Bett schaffe. Der süße Duft der Liebe, den ich schon so lange nicht mehr gerochen habe. Dörte! Ich bin jetzt okay reich! War es das, was Du brauchtest? Meine Vergangenheit ist Deine Zukunft! Dich werde ich nicht sehen. Trotz meiner langen Suche. Doch aufgeben werde ich nie. Du bist meine Vergangenheit, Du bist meine Zukunft! Nichts wird so sein, wie es war. Diese verdammten Kopfschmerzen! Dieser Wegwerfkörper, in dem mein Restgeist die Schmerzen der Einsamkeit erträgt. Die Hoffungslosigkeit, die allein meine Plattensammlung ausstrahlt. Schmerzen! Wie ich mich auch bewege, was ich auch trinke, was ich auch gewinne, wieviel Kippen ich auch rauche. Der Rauschzustand. Mein Feind am nächsten Morgen. Diese niemals endenden Schmerzen.

Vielleicht ist da noch was auf dem Computer. Vielleicht habe ich eine Mail übersehen. Vielleicht, vielleicht. Wie der Marienkäferknubbel im Winter, warte ich auf den nächsten Frühling. Irgendwann wird er kommen. My Latest Novel. All in all in all is all. Endlich. Ein Hoffnungsschimmer. Die Mail. Von einem Redakteur eines bekannten Sportmagazins.

„Dembowski! Du kennst mich nicht, ich verehre Dich! Dein Stil. Unerreicht! Der Boulevard? Gegen „Der Samstag!“ eine Lachnummer. Wie Du die Bayern in die Wahnsinn treibt. Akzeptiere mein Bewerbungsschreiben. Du wirst es verstehen. Ich bin mir sicher. Dein: Hahnke“ Das sogenannte Bewerbungsschreiben von Hahnke ist dann aber der größte Rotz. Ohne Sinn und Verstand. Runtergeschrieben. Mit dem Wissen, dass es mit dem Süden nichts mehr wird. Kein Glamour, Hallo Tristesse. Der Junge muss noch viel lernen, ich sage ihm ab!

das bewerbungsschreiben