Was ist der Preis für Erfolg? Wohin geht die Reise? Und wieso schauen wir aus dem Fenster? Dembowski hat Fragen, aber keine befriedigenden Antworten. Die Dame im Bild kann dem Ermittler dabei auch nicht helfen. 

Als der Frühling einzog, sortierte ich meine Plattensammlung mal wieder neu. Ich kam nicht weit. Eigentlich hatte ich ohnehin nur nach der No Protection gesucht, die ich Jahr für Jahr am ersten warmen Tag des Jahres bei aufgerissenen Fenstern rauf und runter spielte, in diesem Jahr aber war es anders. Unter einem großen Haufen seit Jahren ungespielter Platten fand ich die Club Classics Vol. One. Musste ich ebenfalls seit beinahe einer Dekade nicht mehr gehört haben, dachte ich, legte die Nadel direkt auf Back To Life, Back To Reality und riss die Fenster meiner Wohnung auf.

Auf der Wollankstraße trugen sie ihre Sonnenbrillen spazieren, alte Dame schoben ihren Rollator bedächtig über die Straße, vor dem Intim-Kino unterhielt sich ein paar Arbeiter, ein Gruppe Jugendlicher amüsierte sich an der Ecke stehend, den Mädchen in ihren Addias-Trainingsjacken nachschauend. Einer schnippte seine Zigarette weg, nahm einen Schluck aus seiner Fanta-Flasche und zeigte in meine Richtung. Sie mussten mich für einen der gewöhnlichen Spinner halten. Und wahrscheinlich lagen sie damit nicht ganz verkehrt. Aber solange Soul II Soul sangen, konnte mir das alles egal an.

Manchmal mochte ich es platt und von Back To Life, Back To Reality zu der seltsamen Woche der Borussia war es nicht weit. Der Verein war an der Spitze des Spiels angekommen, das hatte allein der unsägliche, aber ungemein unterhaltsame Nachklang des Bayern-Spiels bewiesen. Dass Borussia auf dem Platz geantwortet hatte, war in der allgemeinen Euphorie über einen neu entfachten Streit innerhalb der Bundesliga ebenso untergangen wie die Anti-Nazi-Banner im Westfalenstadion.

Die auch jetzt, ein paar Tage nach Samstag, immer noch geflissentlich ignoriert wurden. Natürlich kümmerten sich die lokalen Medien ein wenig um das Thema, aber ein Großteil der Presse ignorierte das Thema weiterhin. Aus der breiten Masse des Schweigens erhob sich eigentlich nur der Ruhr Nachrichten-Mann, der in der ganzen Ehrenrettung-Aufregung weiterhin auch den Blick auf das Wesentliche richtete. Doch würde das genügen?

Für einen Tag aber, das nahm ich mir am Fenster stehend vor, würde auch ich mich ausschließlich auf den Fußball konzentrieren. Alles andere fiel mir an Spieltagen ohnehin schwer und Dienstag war es wieder soweit. Weiterkommen oder nicht. Do or die. Tod oder Gladiolen. Es gab viele Begriffe für das KO-Format. Ehrenrettung war neu hinzugekommen. Und ich fragte mich, welche Ehre hier eigentlich gerettet werden sollte. Es war klar: Ein Ausscheiden gegen Donetsk würde einer Beleidigung des deutschen Fußballs gleichkommen. Sie hatten bereits ihre Texte geschrieben und mussten nur auf „publish“ drücken, um ihre Abgesänge auf die Dortmunder Mannschaft, die in einer Drucksituation nicht mehr funktionierte, zu veröffentlichen.

Wir waren schon ein bemitleidenswerter Haufen. Jetzt mussten wir uns mit dem Alltagsgeschäft einer Spitzenmannschaft auseinandersetzen. Wir hatten es so gewollt, und wenn wir es nicht so gewollt hatten, so waren wir während der kurzen Blüte der Romantik zumindest bereit gewesen, dies als Preis für die unglaublichen zwei Jahren zu bezahlen. Jetzt standen wir an der Kasse und reagierten genervt, dachte ich. Das war wenig erstaunlich. Für eine überraschend lange Zeit hatten wir die Sache namens Romantik zurück ins Spiel gebracht, doch sobald es um großes Geld, um große Erfolge, um gesteigerte Erwartungen ging, verschwand die Romantik und es war an der Zeit, sich endlich der Realität zu stellen.

Borussia Dortmund im Jahre 2013 war ein perfekt geölte Marketingmaschine, die sich, wie Cramer es ausdrückte, mittlerweile ihre Nischen auch außerhalb Deutschlands suchte. Sie lief dabei, auch durch die ständige Wiederholung des Claims „Echte Liebe“, der mich ohnehin immer zweifeln ließ, ob Liebe jemals etwas anderes als echt war, Gefahr den Blick auf das Wesentliche zu verlieren. Nur stellte sich auch die Frage, was wir überhaupt wollten? Wollten wir wirklich einen Verein, der von außerhalb nicht wahrgenommen wurde? Oder erfreute es nicht auch uns Fans, dass wir, egal wohin wir reisten, mit dem Namen Borussia Dortmund auf Gegenliebe trafen. Dafür zahlten wir nun den Preis, und vielleicht war er etwas hoch, aber bislang war er für die letzten Jahren durchaus angemessen. Jetzt mussten wir uns akklimatisieren, ein wenig Luft holen, weniger reagieren, weniger angespannt sein und einfach nur genießen. Heute gegen Donetsk. Back to life, back to reality. Manchmal gar nicht so schlecht.

borussia vor dem achtelfinalrückspiel – back to life, back to reality