Auch am Kottbusser Tor blieb dem Ermittler nur die Zuschauerrolle. Die Aufholjagd war abgeblasen. 


Irgendwie war es mir Samstag noch gelungen, in die Kneipe zu fahren. Die Begrüßung dort war aber das Gegenteil von freundlich. Die paar Leute, die sich im Angesicht der großen Dortmunder Krise, noch dort eingefunden hatten und die Saison weiterhin für wirklich okay hielten, merkten wahrheitsgemäß an, dass ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Ich solle mich besser mal ruhig verhalten, machten sie mir deutlich und wiesen mir einen Platz in der hintersten Ecke zu. Einer blaffte mich an: „Dembowski, Deine dümmliche Eitelkeit nervt.“

Von dort verfolgte ich das Spiel. In den ersten Minuten war ich erschrocken. So pomadig, so willenlos, so fahrig. Immer ein Stück weit von den aggressiven Freiburgern weg, die mit uns spielten, die mit uns machten was sie wollten. Nach rund 15 Minuten hatten wir uns befreien können, der Götze-Schuss war trotz der Abseitsstellung Lewandowskis ein gelungener Weckruf, dachte ich. Aber Freiburg spielte weiter, öffnete das Spiel mit langen Seitenwechseln und nachdem Subotic kurz eingeschlafen war, gingen sie verdient mit 1-0 in Führung. Das war es mit der Aufholjagd. Ich spielte kurz die Worst-Case-Scenarios durch und kam zum erschreckenden Ergebnis: Einer März-Meisterschaft der Bayern, die ich gerade noch in der Mega-Krise gewähnt hatte, stand überhaupt nichts mehr im Wege.

Mir fielen die Augen zu. Vor Erschöpfung und Enttäuschung. Der Weckruf war zu spät gekommen. Die 20 Probleme würden sich nach diesem Spieltag zu 23 Problemen auftürmen. Und ich war ein Großteil davon. Das war mir klar. Wieder legte Sahin sich den Ball hin. Einer seiner, gerade nach seiner Rückkehr, so gefürchteten Freistöße aus der Mitte der gegnerischen Hälfte. Ich erinnerte mich kurz an seinen ersten Torschussversuch im Spiel, den ein Dortmunder noch kurz vor der Seitenauslinie erwischt hatte. Sahin lief an, Lewandowski sprang hoch, der Ball war im Netz. Ich reagierte nicht. Beinahe in den Torjubel hinein drehte sich Kuba mit dem Ball, brach in Richtung Strafraum durch und über ein Freiburg Abwehrbein gelangte der Ball zu Sahin, der diesen aus 14 Metern versenkte. Dann wieder Lewandowski, der sich die Abwehrversuche Baumanns im Sitzen anschaute, aufstand, den Ball um einen Verteidiger trug und versenkte. 3-1 zur Halbzeit. Die Aufholjagd war on! Und ich hatte keinen Plan, wie das hatte passieren wollen.

Die ersten 40 Minuten waren von der erstaunlichen Arroganz der Angst geprägt und Freiburg hatte bis dahin einen richtig starken Auftritt abgeliefert. Auf meinem Handy las ich eine SMS von Redermann, der mich auf das Video im Stadion hinwies. Ich würde es mir später anschauen. Scheinbar passierte etwas. Immer wieder. Das war gut so.

In der zweiten Halbzeit ging es mir ein wenig besser, Freiburg hatte sich ergeben, spielte, nunmehr nicht einmal mehr um Schadensbegrenzung bemüht, erschöpft dem Ende entgegen. Davor aber gelangen der Borussia noch zwei Treffer und es hätten sicher auch ein paar mehr Tore sein können. Es blieb beim 5-1 und der Gewissheit: Die März-Meisterschaft konnten wir den Bayern noch verderben. Immerhin. Irgendwas. Irgendwelche Ziele. Am Ende des Tages lagen wir 4 Punkte vor Leverkusen, 10 vor dem nächsten Verfolger, der auch am Ende des Wochenendes noch Frankfurt sein würde, die sich trotz Niederlage einen Platz nach vorne schoben.

Zwischen Platz 4 und Platz 15 lagen nur noch 10 Punkte und schaute ich mir die Tabelle, die aktuelle Form und all das an, hatte der Clubb aktuell jede Chance, im nächsten Jahr in zwei Spielen den Versuch zu unternehmen, in die Champions League einzuziehen. Es war, dachte ich, eine sehr sehr seltsame Bundesliga-Saison. Was aber würde die finale Wendung sein? Und wer würde dafür verantwortlich sein?

Frank Berg nicht. Den aber traf ich am Sonntag endlich mal wieder. Er hatte einen Umschlag dabei und ich ein paar neue Informationen.

borussia 5 freiburg 1 – das ende der aufholjagd