Was passiert eigentlich, wenn die Wut weg ist? Nichts! Die Wut war weg und ich fühlte nichts. Keine Freude, kein Schmerz, kein Gewinn und kein Verlust. Es war einfach passiert. Und nichts hatte sich geändert. Ich war aufgewacht und die Wut war weg. Wie lange würde das anhalten? Ich hatte keine Ahnung. Wie auch? Es hatte sich nichts verändert.
Vielleicht war es einfach die Entschleunigung. Vielleicht war es auch einfach totale Erschöpfung. Ich tippte auf die Entschleunigung. Ich nahm mir die Meinung anderer Menschen nicht mehr zu Herzen. Ich ignorierte sie, indem ich mich aus allen sozialen Verpflichtungen raushielt und wenn ich in Kneipen saß und natürlich tat ich das noch und hatte vor, das in Kneipen sitzen auch nicht dran zu geben, so saß ich in der Kneipe und vielleicht hörte ich den Gesprächen zu, und vielleicht warf ich hin und wieder auch ein Wort ein.
Doch wenn ich ein Wort einwarf, so warf ich das Wort nur ein, um die Unterhaltung am Laufen zu halten. In einem anderen Leben hatte mir ein Musiker aus Portland davon erzählt, niemals hatte ich mir das vorstellen können. Doch jetzt war es auch mit mir passiert. Während der Musiker aus Portland in Kneipen saß und an seiner Musik arbeitete – Musik, die zwar von tiefer Traurigkeit durchdrungen stets lebensbejahend war – saß ich für das Grundrauschen in Kneipen. In der Tat konnte ich in Kneipen meine Gedanken ordnen. Das Rauschen erzeugte in mir Ruhe.
In einem noch anderen Leben stand ich einmal in einem Gebirge. Um mich herum herrschte Stille. Doch der Kopf war diese Stille nicht gewohnt. Er legte mir ein Rauschen auf das Ohr. Im Gebirge stehend, an einem schneereichen Apriltag irgendwann in den späten 90ern, wurde mir klar, dass ich, so sehr ich mich der Natur auch verbunden fühlte, ich nicht für sie gemacht war. Für meine Existenz brauchte ich den Lärm und Schmutz der Stadt, brauchte ich die Hektik, die Niedergeschlagenheit, die verlorenen Seelen und hin und wieder brauchte ich ein gutes Buch, eine gute Platte. Aber niemals würde ich mich zurückziehen können, obwohl das es war, wonach ich strebte.
Wie oft hatte ich in letzter Zeit über Ehre, Moral, Einstellung nachgedacht und wie wenig zielführend war in Wirklichkeit gewesen. Auch das war egal. Indem ich mich den Menschen näherte, sie jedoch weitestgehend ignorierte, war ich langsam auf die Spur meines inneren Gleichgewichts gekommen. All das Sinnieren über Ehre, Moral und Einstellung hatte mich nicht von meiner Wut befreien können, ich hatte einfach aufgehört nach dem Ursprung zu suchen. Und – zumindest für den Moment – die Lösung gefunden. Wie oft war der Nebel wieder aufgezogen und wie oft wurde ich dadurch im Innersten zutiefst erschüttert? Mit dem Nebel leben, ihn zu akzeptieren, das war mir bis dahin fremd. Jetzt nicht mehr. Er würde kommen, so wie der nächste Morgen kommen würde, so wie der nächste Sieg der Borussia kommen würde.
Die Rolle der Borussia war mir hingegen immer noch nicht ganz klar. Was hatte die Borussia für mich getan? Konnte ein Verein, ein Sportverein überhaupt etwas für mich tun? Ja! war ich mir sicher. Ein Sportverein konnte einem Ablenkung bieten und immer auch dieses Grundrauschen erzeugen. War der Nebel da, so lichtete er sich beim Eintreten ins Stadion, beim Eintreten in die Kneipe. Der Außenseiter als Teil einer Gemeinschaft. Ein erstaunlicher Gedanke. Aber so war es. Für 90 + 15 Minuten die Wut kanalisieren, den Nebel vertreiben, den aufgestauten Ärger in einige wenige Momente legen.
Da konnte das Spiel noch so scheiße laufen, meist reichte mir eine einzige Ecke, um mich zu befreien. Einmal aufstehen, einmal „Hinein! Hinein! Hinein!“ schreien, mehr brauchte es meist nicht. Einmal sehen, wie sich die Tribünen erheben, wie sich die Süd nach vorne beugt und der Ball sich allein durch das „Hinein! Hinein! Hinein!“ gefährlich in Richtung Tor drehte. Das hatte damals sogar bei Micky Stevic funktioniert. Es hatte beim Stand von 0-3 im 2008er Heimderby funktioniert und es taugte jetzt immer noch. Es waren die Konstanten. Das hatte auch der Verein begriffen. Die Konstanten. Es waren nun mehr nicht nur wir Fans, sondern es war auch die gesamte Vereinsführung.
Bis 2016 würde noch viel Nebel durch meinen Kopf geistern. Bis 2016 würde die Wut kommen und gehen. Bis 2016 würde ich noch etliche hundert Male in Kneipe sitzen und viel zu lange, viel zu viel Bier trinken. Bis 2016 würde es Mahner und Spinner geben. Bis 2016 würden Mahner und Spinner ihre Rollen tauschen und zurücktauschen. Bis 2016 würden vielleicht noch vier, vielleicht noch fünf Spieler der Meistermannschaft das Trikot der Schwatzgelben tragen. Bis 2016 würden aus Allesfahrern Familienväter, die mit Milde und manchmal auch Stolz auf ihre Vergangenheit zurückblicken. Bis 2016 würden 14-jährige 18 sein. Sie würden aus Gelegenheitsfans Allesfahrer werden, die voller Verachtung auf die heutigen Allesfahrer und baldigen Familenväter schauen. Bis 2016 würde Hoffenheim in der Versenkung verschwunden sein und RB Leipzig im Profifußball mitmischen. Bis 2016 würde Kein Zwanni immer noch für faire Eintrittspreise kämpfen, dann vielleicht schon mit professionelle Strukturen, die dann den Kämpfern vorgeworfen werden, die aber im Laufe des Kampfes notwendig waren, um sich mit dem Apparat zu messen. Bis 2016 würde es Kriege, Hungersnöte, Naturkatastrophen, Flugzeugabstürze, Finanzkrisen, Attentate und Regierungswechsel geben. Bis 2016 aber würde sich an der Vereinsspitze der Borussia nichts tun. Das war fantastisch.
bis 2016 passiert genau nichts

Ein Gedanke zu „bis 2016 passiert genau nichts

  • Februar 15, 2012 um 10:43 am
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    Bis 2016 wirst Du hoffentlich auch noch viel schreiben.

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