“Superbia, Avaritia, Luxuria, Ira, Gula, Invidia, Acedia. Diese Stadt wird uns nicht entkommen.“ Hatte Reiser am Ende bereits in dieser Saison ins Schwarze getroffen. Ein ruhiger Tag voller schwerer Gedanken liegt hinter mir. Nach der Pleite in Gladbach, so viel istmir an diesem Tag bewußt geworden, hat sich das Blatt zugunsten der Meisterredaktion gewendet. Sogar Koslowski und Schulze scheinen wieder voller Tatendrang und nehmen ihren sinnlosen Ermittlungen wieder auf. Tief im Herzen hoffe ich natürlich, dass die sieben Sünden erst im nächsten Jahr Einzug halten würden. Ich würde mein Herz bloß nicht zur Schau stellen. Das habe ich einmal getan, es hat mich vernichtet.

Immer wieder komme ich auf Avarita und Invidia zurück. Beide haben es den Fans der Borussia schon jetzt angetan. „Die Saat geht auf“ sind dann auch die wenigen Worte, die Reiser dafür findet. Ich gehe die Versuche noch einmal in Gedanken durch und erkenne kein Muster. Die Stimme mit ihrem Iglu, die Schalstricker vom Borsigplatz, der Anschlagsversuch, der Flashmob, das Foto mit der Meisterschale, die Fanutensilien, die Meisterredaktion, ich kann mich nicht einmal an all ihre Pläne erinnern, und ich bin mir sicher, ich war nicht in all ihre Pläne eingeweiht. Ich bin nur das Werkzeug, der Schlagzeilengenerator, der trunkene Trottel, der in ihren Diensten steht, der Spatz, den sie mit vertrockneten Brotkrumen füttern, die Nebelkerze, die ihre eigentlichen Attacken verschleiern soll. Es muss ein perfider Plan sein, den sie da ausgeheckt haben. Am Ende entzündet sich alles an einer Auswärtsfahrt nach Gladbach.

Kein Wort haben sie darüber bis jetzt verloren. Sie warten und warten und warten. Und sogar ich tappe im Dunkeln. Ich soll mich treiben lassen, hat man mir gesagt, erinnere ich mich. Tanzen, wenn es was zu tanzen gibt und feiern, wenn es was zu feiern gibt, mit dem Strom schwimmen und schauen, an welcher Klippe wir zerschellen würden. Dann, erinnerte ich mich an die Worte, müsste ich da sein und blitzschnell handeln. Er würde, so klangen die Worte immer noch nach, den süßen Duft der Missgunst schon noch verbreiten. Aber das ist doch nächste Saison, hat er mir gesagt, erinnere ich mich.

Ich bin erstaunt, ob dieser Weitsicht. Was aber werde ich in den kommenden Tagen machen. Am Samstag wird die Stadt sich wieder auf die größte Party der Geschichte vorbereiten. Schon 2006 gegen Italien hatte es nicht funktioniert und da war die Stimmung definitiv ein wenig optimistischer. Angst führt in manchen Fällen zu einer Angststörung, zu einer Phobie, die sich nicht so einfach zur Seite schieben lässt. An dieser Schwelle steht die Stadt jetzt. Sie haben all ihre Hoffnungen, alle ihre Träume auf diese Schale projiziert und befürchten nun, dass am Ende alles umsonst war. Gemeinsam leben, alleine sterben. Ein heftiger Kampf ist entfacht worden, das Hauptaugenmerk hat sich verschoben. Ich schüttele den Kopf. Wie hat dieser verfluchte Reiser das nur geschafft? Als ich ihn frage, lächelt er nur und sagt: „Betriebsgeheimnis!“

betriebsgeheimnis