Auf der Lamafarm würde Dembowski an süßlichen Schlagermelodien zugrunde gehen, doch manchmal suchte der Ermittler genau das.

Wie sehr ich aber Berlin satt hatte, wurde mir beim Anblick meiner Wohn- und Geschäftsräume in der Wollankstraße klar. Wo eigentlich die Geschäftsräume sein sollten, standen die abgestandenen Bierflaschen. Wo eigentlich meine Wohnräume sein sollten, stapelten sich Pizzakartons, alte Zeitungen, CDs, Schallplatten und Aschenbecher. Sobald ich in die Stadt kam, passte ich mich ihr an und wurde dreckig, wenig zurechnungsfähig und hektisch. Meinen Kopf zerschoss es regelmäßig – am Abend mit der gepflegten Ladung Kronen, am Morgen durch die gepflegte Ladung Kronen vom Vorabend. 
Ich dachte mir die irrwitzigsten Geschichten aus. Ich übertrieb es, wenn mich Leute in der U-Bahn zwischen den Orten nur anschauten. Ich schmiss Tabletten gegen den Schmerz und schmiss Tabletten, um überhaupt etwas zu fühlen. Ich trank für die Inspiration und ich trank, um zu vergessen. Ich spazierte durch die Straßen, an die großen Nichtigkeiten denkend und ich spazierte durch die Straßen, um überhaupt nicht mehr zu denken. 
Sobald ich in der Stadt war, zerriss es mich in meine Einzelteile und allein durch die radikale Selbstzerstörung war es mir überhaupt möglich zu existieren. Diese Selbstzerstörung betrieb ich auf allen Ebenen. Ich schrie nach Aufmerksamkeit. Ich bettelte um Gnade. Ich brach auf den Gehwegen und in den U-Bahnen in unüberhörbare Selbstgespräche aus, die mich unentwegt in Gefahr brachten, da sich meine Selbstgespräche immerfort um das Fehlverhalten der an mir Vorbeigehenden drehten. Ich verachtete den einen Menschen für seine Kleidung und ich verachtete den anderen Menschen für seinen offen zur Schau gestellten Erfolg. Ich verachtete die Armen und viel stärker noch verachtete ich die Reichen, die Erfolgreichen, die, die mit einer Handbewegung, mit einer Geste bereits ihre Umgebung zu Versagern abstempeln konnten und dies mit nahezu jeder Bewegung auch taten. 
Mir war nichts fremder, mir war nichts mehr zuwider als die Musik, die sie an ihren Treffpunkten hörten. Und doch zog es mich immer wieder zu diesen Treffpunkten, die meist Kneipen, manchmal auch sogenannte Bars waren. Mir war nichts fremder, mir war nichts mehr zuwider als ihre Kultur, oder das was sie dafür hielten. Die Einen tranken an Spätis und brüllten bereits ab 18 Uhr über die Widerlichkeiten der Anderen bereits, die Anderen tranken nach ihren Konzert- oder Theaterbesuchen und sprachen dann ihre Gemeinheiten gegen die Existenz der Einen in ruhiger Sprache und der Gewissheit ihrer eigenen Überlegenheit. 
Während ich trank, während ich spazierte war ich mal der Eine und war ich mal der Andere. Ich wechselte meine Meinung, wie es mir gerade passte. Ich justierte meine Ansichten so, dass sie der Situation stets angemessen waren. Brüllten die Einen gegen die Anderen, so war ich die Anderen. Sprachen die Anderen in hochgestochener Sprache abfällig gegen die Einen, rebellierte ich und trank noch mehr, trank noch schneller, sprach noch verworrener und noch unklarer und war die Einen. Ich war die Zielscheibe, die niemand gesucht hatte und ich war der Trinker, der alle nervte.
Mein Verhalten war darauf angelegt, endlich etwas zu fühlen. Viel zu lange schon hatte ich mich vom Leben in der Stadt betäuben lassen und meine Hilfeschreie wurde lauter, wurden unüberhörbarer und doch waren sie still und sendeten keine Signale aus. Gefangen in meinem eigenen Leben fühlte es sich nicht gut an. Meine Foltern endete nie und wenn überhaupt, dann erst außerhalb der Stadtgrenzen, wenn ich in der Natur zu mir kam und sah, was mir wirklich wichtig war. 
So sehr mich die Stadt schmerzte, mich mit ihrer Hektik und ihrem Egoismus provozierte, so sehr aber brauchte ich die Stadt, um mein Handeln voranzutreiben. Würde ich den Rest meines Lebens auf der Lamafarm verbringen, würde ich an lieblichen Schlagermelodien zugrunde gehen. Würde ich den Rest meines Lebens in der Stadt verbringen, würde ich durch den Lärm, der mich in den besten Momenten vielleicht noch an einen Hrubesch Youth-Song erinnerte, nicht nur taub, sondern auch selbstmörderisch werden. 
Wie konnte man überhaupt irgendwo existieren, fragte ich mich, in einer willkürlich gewählten Eckkneipe nahe der Schönhauser Allee sitzend. Der Wirt triumphierte bereits seit Stunden über mich, in dem er meine Bitten nach einem immer neuen Bier erst ignorierte, mich dann zurechtstutzte und mir den vollen Humpen derart auf den Tisch knallte, dass sich auf meiner Hose ein immer neuer Fleck bildete, der es mir letztendlich unmöglich machte, diesen Ort überhaupt zu verlassen. Aus der Anlage knallten mir die lausigen Dream Theater entgegen.
Ich trank und sprach mit zufällig an mir vorbeigehenden Gästen. Ich unterhielt sie mit meiner Geschichte vom Özil-Scoop, verkaufte mich als der, der ich in dieser Stadt manchmal sein wollte. Ich lallte von meinem Insiderwissen, von meinem Stunt und konnte mich gerade noch davor bewahren, Winowski zu verraten, beließ es bei Andeutungen, erzählte von einem befeindeten Redakteur, von dem ich seit langer Zeit nichts mehr gehörte hatte und um den ich mir Sorgen machte. Mein Gesprächspartner aber hatten den Namen noch nie vernommen. 
Ich erzählte von meinen wichtigen und sehr guten Kontakten in die glitzernde Welt des Fußballs und sie schauten auf mich herab, sahen mich an, versuchten meine Augen zu lokalisieren und nickten mitleidig. Ich war nicht die Einen, ich war nicht die Anderen. Alles was ich war, war eine schlechte Karikatur eines armseligen Trinkers und auch in dieser Rolle gab ich keine sonderlich gute Figur ab. Erwähnte ich dann noch Dörte, die Lamafarm und sprach in den höchsten Tönen von Koi, wendeten sich bereits die meisten meiner sogenannten Gesprächspartner, die in Wahrheit nichts mehr als Schaulustige waren, angeekelt von mir ab. Dem verbliebenen Rest erzählte ich von den Zeitreisenden, die mir immer wieder Sorgen bereiteten. Das war dann immer das Ende des Gesprächs, das in Wahrheit nicht mehr als ein Selbstgespräch war. 
Immerhin wußte ich, dass im Oderbruch ein anderes Leben auf mich warten würde. Der Rote Milan, Koi, die Lamas und Dörte, die mich mal wieder anrief und von den neuen Ponys und Eseln erzählte, die nun mit den Lamas für noch mehr Leben auf der Farm sorgten. „Ich bleibe noch einen Moment in der Stadt, Dörte! Es gefällt mir hier gerade so gut.“
berlin vs lamafarm