Das Spiel in Fürth war für mich abgehakt, die Texte über die Fairness hingen mir bereits nach wenigen Sekunden zum Hals heraus. Natürlich musste nun jeder seine Meinung herausschreien. Ob Blogger, Journalist oder Passant. Jeder musste sich zum dem Thema des Tages äußern. Sagte jemand Rassist, sprangen sie alle drauf an, schrieben voneinander ab. Meine Laune konnten sie mir nicht verderben. Wir waren im Finale, die Stadt würde sich im Mai also schwatzgelb färben und allein der Gedanke daran, ließ mich ein paar Kronen köpfen.

Ich saß am Kanal, die Frühlingssonne drückte schwer auf meinen Kopf, die ersten Ausflugsdampfer kamen von ihren Winteranlegestellen. In den kommenden Monaten erfüllten sie ihre Pflicht. Touristen die paar Meter die Spree rauf schippern und Bellevue dann wieder runter. Die Schiffe würden die neuesten Kameras sehen und meist doch nur die Menschen, die ihre iPhones für Kameras hielten und sie dann, das berichtete mir später die RBB Abendschau, an wildfremde Diebe verloren. Wäre ich ein echter Ermittler, ich würde den ganzen Tag Menschen mit iPhones beschatten. Das wäre ein verdammt gutes Geschäft. Einfach im richtigen Moment zuschlagen.

Unweit des Bundeswehrkrankenhauses hatten sie einen riesigen Stuhl aufgestellt. Dort hatte ich mich hochgehangelt, saß da, blickte auf die Schiffe, und weiter auf das riesige Areal des alten Großmarkts. In ein paar Jahren würden dort, wie bereits in meinem Rücken an der Chauseestraße, monströse Gebäude errichtet werden. Die Stadt verlor langsam ihre letzten Rückzugsorte. Ich würde mir neue Orte suchen müssen. Immer weniger Orte aber würden in der Stadt liegen. Die Stadt wurde entwickelt, wie man sagt, und verlor dadurch viel von ihrem alten Charme. Das vergessene Land innerhalb der Stadt machte Berlin zu diesem besonderen Ort.

Man musste nicht lange suchen, um diese Plätze der Weite zu finden. Doch die Baulücken füllten sich, aus Brachflächen wurden Geschäftsgebäude und Einkaufscenter. Zum Glück gab es noch den Soldiner Kiez. Zum Glück gab es die Panke, die, nachdem sie aus dem Bürgerpark in Richtung Wedding geflossen war, ein träges, mit Einkaufswagen durchzogenes Gewässer war. Ich liebte das Auffangbeck, das sich parallel zur Koloniestraße ausbreitete. Hier würde nie gebaut werden. Auf meinen Spaziergängen wählte ich mal die Pankeroute und mal die Wollankroute. Auf der Wollankroute gab es sogar ein paar Bänke.

Überschritt man Richtung Pankow spazierend die Brücke hinter dem Auffangbecken, gab es dort einen alten Sportplatz und eine handvoll Tischtennisplatten. Danach begann das alte Grenzgebiet, die Verlängerte Koloniestraße war nur noch ein kleiner Kopfsteinpflasterweg, an dessem Ende man durch eine kleine Öffnung auf einen Pfad parallel zur S-Bahn gelang. Bis auf ein paar Lauben gab es da nichts. Auch das würde von Bestand sein, dachte ich. Regelmäßig versetzte mich der Berliner Norden in Verzückung. Dann beruhigte ich mich, konnte auf meine Kronen verzichten und spazierte bis an den Stadtrand.

berlin – eine beruhigung

2 Gedanken zu „berlin – eine beruhigung

  • März 22, 2012 um 6:21 pm
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