Am Ende zählte für Dembowski nicht die Wahrheit, sondern nur der Glaube. 

Meine Ausfallserscheinungen hatten mich die nächsten Tage gelähmt. Wie hatte ich nur so mit Redermann aneinandergeraten können? Er wollte die großen Geschichten nicht verstehen, ich hatte längst das Auge für die kleinen Details verloren. Das waren alles keine Neuigkeiten. Ich hätte ihm einfach nicht damit kommen sollen, und ich hätte einfach weiter auf meine blitzsauberen Recherchen vertrauen sollen. Da ich das jedoch nicht tat, ging mir in der vergangenen Woche ein großer Deal durch die Lappen.
Nach meiner Rückkehr in die Hauptstadt hatte ich es dort auch nicht lange ausgehalten. Kam ich aus Dortmund bedrückten mich die Erinnerungen, zog manchmal sogar der schwarze Nebel auf, dem ich entweder ein paar Kronen oder die komplette Ruhe auf der Lamafarm entgegensetzen konnte. Langsam waren die letzten Tage des Sommers 2013 angebrochen, der für mich bereits vor langer Zeit geendet hatte. Bevor mich die Gedanken an meine eigene Nichtigkeit zu sehr plagen konnten, packte ich meine Sache und besuchte Dörte auf der Farm.
Mir war selbst nicht bewusst, wie sehr ich sie eigentlich brauchte, wie sehr ich dazu noch die Ruhe des Oderbruchs und die Gedankenlosigkeit Kois brauchte. Der alte Karpfen hing, als ich nach langer Zeit mal wieder bei ihm am Teich vorbeischaute, mit traurigen Augen an der Wasseroberfläche. Langsam bewegte er sich auf meine ausgestreckte Hand zu, schmiegte seine Schuppen gegen die Hand, durch die in den letzten Monaten mal wieder zu viel Schmerz und zu wenig Freude geschossen war.
Er blickte mich an, bedeutete mir mit einem Flossenschlag, mich am Teichufer niederzulassen. Bald lag ich die linke Hand im Wasser auf dem kleinen Steg, den wir vor einiger Zeit in den Teich, den Dörte so gerne als „meine Karibik“ bezeichnete, und ich ihr daraufhin nie etwas entgegnen konnte, gebaut hatten, um Koi noch ein Stück näher sein zu können.
So lag ich dort, die linke Hand im Wasser, Koi an meiner Seite und blickte in die vorbeiziehenden Wolken, vor die sich immer mal wieder der Rote Milan schob und von oben auf die Farm hinabblickte. Ich schloss die Augen, hörte dem Wind zu und zum ersten Mal seit viel zu langer Zeit entspannten sich meine Gedanken, die immer mehr ins Nichts abglitten. Alles erschien unwichtig, nur das Rauschen der spätsommerlichen Bäume, nur das leise Plätschern des Wassers. Die Ruhe, der Oderbruch, Koi. Was war wirklich wichtig? Das hier, dachte ich und sprang auf. Im Rennen drückte ich Dörte einen Kuss auf die Stirn und war bereits wenig später, erschöpft und durchgeschwitzt, wieder am Bahnhof.
Es blieb noch Zeit für einen Zwischenstopp im Bahnhofsshop. Hier trank man Lübzer und so trank ich auf der Fahrt zurück in die Stadt eben Lübzer. Ein paar Pendler fuhren von ihren Tagesjobs im Berliner Speckgürtel stadteinwärts. Sie unterhielten sich über die angespannte Lage in Syrien, über den Wahlkampf und über all diese Dinge, die ich maximal am Rande wahrgenommen hatte. Meine Themen waren jedoch auch Gewalt, Bomben, Sex.
Der Prince beklagte sich. So richtig gut, fand er, war er nicht getroffen. 

Es ging bereits auf Mitternacht zu, als ich nach ein paar Stunden in der Bahnhofskneipe über die Badstraße in Richtung Prinzenallee ging. Noch ein Bier, noch eine letzte Verlängerung. Ich kam nicht zur Ruhe. Meine Gedanken, die vor ein paar Stunden noch mit Vollmarsch in Richtung Nichts gerauscht waren, trieben mich um. Es würde was passieren, und es würde genau hier passieren, dachte ich. Genau hier: Berlin, Ecke Prinzenallee. Ich stand am U-Bahn Eingang, hin und wieder schossen die Einsatzwagen auf dem Weg zu den Brennpunkten vorbei, hin und wieder spuckten die Bahnen die vergessenen Menschen des Weddings aus und hin und wieder nahm ich ein Schluck.
Mein Blick ruhte auf dem Porträt der Gebrüder Boateng über dem Matratzen-Outlet. Hier hatte der Sommer begonnen, hier hatte der Verfall meiner geliebten Boulevardzeitung begonnen. Bis zu dem Tag, an dem ich UK traf, war DerSamstag! ein kleines Blatt, unbemerkt von der großen Öffentlichkeit, doch UKs steile Thesen hatten uns in eine andere Dimension katapultiert und mich, so dachte ich auf die Gebrüder Boateng schauend, letztendlich zum Gespött der Öffentlichkeit gemacht. Ein Sommer voller gescheiterter Transferbomben war genug, beschloss ich am U-Bahn Ausgang stehend, und wusste doch nicht, was danach kommen sollte. Aber es musste was kommen. Die Lamafarm war zu wichtig, um sie durch unbedachtes Handeln aufs Spiel zu setzen. Ich nahm noch einen Schluck. Eine Hand legte sich auf meine Schulter.
„So richtig gut haben Sie mich nicht getroffen, Dembowski!“
Kevin-Prince war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Es war mittlerweile 1.01 Uhr.
„Lass uns ein wenig spazieren. Ich muss Dir was erzählen. Ich habe Dich schon überall gesucht.“
Das Soldiner Netzwerk funktionierte immer noch. Bislang waren Kevin-Prince und ich uns immer aus dem Weg gegangen. Uns verband – neben der Liebe für unseren Heimatkiez – ein großer gegenseitiger Respekt für unsere jeweilige Arbeit. Das war mir schon öfters zugetragen worden. Das hatte ich ihm schon öfters zutragen lassen.
„Du wirst morgen ein paar Dinge über mich erfahren, die Dir nicht passen werden“, sagte der Prince als wir am Affenkäfig an der Panke angekommen waren. „Doping? Oder was? Was machst Du überhaupt hier. Warst Du nicht Dienstag noch in Milan?“
„Wir müssen uns nichts vormachen. Ich will zurück in die beste Liga der Welt. Und Kloppo will mich nicht. Die Blauen bieten mir 5 Millionen. Was soll ich machen? Ich unterschreibe da jetzt.“
„Du weißt, was das bedeutet?“ Mir stockte der Atem. Ich bot dem Prince meine Flasche an, doch der winkte ab. „Muss noch fahren.“
„5 Millionen? Haben die überhaupt so viel Kohle?“
„Keine Ahnung, so lange mir die das zahlen, haben die so viel Kohle. Ich wollte zurück in die Liga“, wiederholte der Prince.
„Hättest Du nicht warten können? Ein Jahr vielleicht?“
„Nein. Weswegen ich hier bin. Du musst mich unterstützen. Die werden mich aufbauen, ich werde der Star sein. Aber ich kann das nicht leisten. Ich kann gut zocken. Ich bin der beste 8er der Welt, ich kann den besten Moonwalk der Welt. Aber ich kann kein Star sein. Du weißt, wo ich herkomme. Du weißt, wie es ist.“
„Kevin, ich muss das bringen. Ich muss die Geschichte raushauen.“
„Brauchst Du nicht. Ich weiß, wieso Du DerSamstag! machst. Es interessiert Dich nicht. Die Wahrheit ist nie Dein Antrieb gewesen. Hier“ Er reichte mir einen Umschlag und verabschiedete sich höflich. Ich würde ihn jetzt wohl öfter treffen.

Podolski, Ronaldinho, Eto’o, Quagliarella, Adebayor – Schalke rumours in the past week. @KPBofficial next? You never know #desire
— dembowski (@dembowskibvb) August 30, 2013
Es war nur eine kleine Andeutung, ein Stunde später würden die deutschen Medien nachziehen

Trotz der durchaus großzügigen Unterstützung für die Lamafarm, konnte ich beinahe nicht an mich halten. Doch bis auf eine kleine Erwähnung auf Twitter, behielt ich die Nachricht für mich. Was der Prince aber von mir gewollt hatte, verstand ich nicht.

Am Abend hörte ich mich durch alte U2-Aufnahmen, im Fernseher sah ich das Ende der Karriere des kleinen Weltstars. Ich hatte weiter volles Vertrauen in die Zukunft. #faith
berlin, ecke prinzenallee