Lange Zeit nahm Dembowski seine Umgebung nur noch verschwommen war. Da war der 27.02.2013 bereits ein außerordentlich schlechter Tag. 

Inmitten der Menschenmasse, die es Tag für Tag über Unter Den Linden in Richtung U6 trieb, stand ich und starrte auf die Großbaustelle der U5. Hinter Bauzäunen thronten Bagger und Bohrer und bewegten sich in monotoner Betriebsamkeit mal gen Himmel und stießen bald unter großem Lärm in den langsam tauenden Boden der alten Prachtstraße der Bundeshauptstadt.

Ich stand und starrte, wurde von den in alle Richtung eilenden Menschen in ihrer spätnachmittäglichen Betriebsamkeiten ignoriert, durch ihre Schultern und Einkaufstaschen an den Bauzaun gedrückt. Ich spürte ihre Berührungen nicht, spürte ihre Entrüstung und Ignoranz nicht, und blickte, halb an einem der Bauzäune hängend gleichgültig in das große Nichts der Baustelle.

Der 27.02.2013 hatte ein außergewöhnlich guter Tag werden sollen, doch bereits wenige Stunden vor dem Anpfiff der Viertelfinalpartie zwischen Bayern München und Borussia Dortmund musste ich mir eingestehen, dass dies eine, beinahe sogar fatale, Fehleinschätzung gewesen war. Es war mir nicht gelungen, in den langen, mich den Verstand bringenden Tiefen der Berliner Unterwelten meinen Frieden zurück zu erlangen. Ganz im Gegenteil, wie Skibbe es immer so schön ausgedrückt hatte, verstärkte der Abstecher unter die Stadt meine Misanthropie.

Zwar war es mir am Nachmittag noch gelungen, ein wenig Schlaf, ein wenig Erholung zu finden und hatte gedacht, dadurch meine Erschöpfung ablegen, meine Perspektive wiederfinden zu können. Doch ich war noch erschöpfter, verspannter und angespannter aufgewacht. Die Verheißungen des Pokalabends ignorierend war ich immer weiter in Richtung Süden gelaufen, war am alten Stadion der Weltjugend in Mitte angelangt und hatte mich von dort noch tiefer in die Stadt hineintragen lassen.

Am Berliner Ensemble hatte ich mich auf eine Bank gesetzt und war über die absolute Unfähigkeit, meine Gedanken zu ordnen, mit einem vorbeispazierenden Passanten ins Gespräch gekommen. Ich hätte es nicht tun sollen. In dem Moment, in dem wir am schwächsten sind und in dem wir uns kaum mehr auf den Beinen halten können, in dem Moment, in dem wir nicht nur an Tagen, sondern in dem wir an unserer ganzen Existenz zweifeln, dachte ich über den Bauzaun starren, treffen wir auf einen Menschen und berichten ihm von unseren Schmerzen, die es uns unmöglich machen, auch nur ein Lachen, ein Lächeln vorzutäuschen. Wir offenbaren unsere Schwäche und müssen im nächsten Augenblick erkennen, dass unsere Schwäche ihre Stärke sein wird. Wir geben uns zu erkennen, und machen uns damit angreifbar, dachte ich und sah auf den sich langsam in den Boden drehende Bohrer. Über mir thronte eine Schaufel mit den Erdmassen der alten Prachtstraße.

Dembowskis Nebel war nicht mehr grau. Er war schwarz. Der Ermittler fragte sich, ob das jetzt eine Verbesserung war. 

Ich hatte dem Typen von dem Nebel erzählt, der diesmal nicht grau sondern vielmehr schwarz war und der Typ, ein solider, beinahe 2-Meter großer Geschäftsmann, so zumindest hatte er sich mir vorgestellt, Czeslaw Jolig, Geschäftsmann, hatte mir zugehört und ein Lächeln war über sein Gesicht gezogen. Langsam hatte Czseslaw dann seine Weisheiten gestreut, die er, so erklärte er mir, auf seinen Reisen aufgeschnappt hatte. Ihm, hatte er gesagt, erinnerte ich mich auf den immer tiefer in die Erde stoßenden Bohrer blickend, würde viele Begebenheiten erzählt und er, hatte er auf der Bank vor dem Berliner Ensemble sitzend erklärt, forme daraus eine Schmerzenskarte der Welt.

Blutsaugern wie mir, hatte er gesagt und mich dabei angeblickt, wäre er überall auf der Welt begegnet. Typen wie ich, hatte er gesagt und mir drohend seine Faust erhoben, hielten sich für den Mittelpunkt der Welt. Ihre Schmerzen hielten sie für die größten Schmerzen der Welt, ihr Nebel sei immer grauer, immer schwärzer, immer undurchschaubarer als der Nebel der Anderen, so dachten sie zumindest, hatte er gesagt und sich entspannt zurückgelehnt, doch in Wahrheit würden sie voll von sich sein, nichts anderes sehen, sich erheben, aufspielen, ihre Existenz ohnehin nur mit den Schmerzen und dem Nebel aushalten. Sie sehnten sich danach, nur um ihre Selbstzerstörung zu rechtfertigen, hatte er betont und sich dann erhoben. Zum Abschied hielt er mir eine alte Schlagzeile aus dem Jahr 2001 entgegen. Dich, mein lieber Dietfried Dembowski, Popstar, habe ich schon lange im Auge, hatte er mir gedroht, erinnerte ich mich langsam den Bauzaun runtergleitend.

Es war an der Zeit, irgendwie in Richtung Kreuzberg zu kommen. Am falschen Ende der Friedrichstraße überquerte ich die Baustelle am Mehringplatz und stieg in die U1. Noch bestand zumindest die Chance auf einen versöhnlichen Abschluss des 27.02.2013. Doch bald schon wurde klar: Dieser würde mir nicht gewährt werden.

In der ersten Halbzeit sahen wir kein Land, und gerade als ich mich zu meinem Sitznachbarn vorbeugte, der mich seit Monaten mit „der unfähige Ermittler ist auch da“ begrüßte, um ihm zu erklären, dass wir uns jetzt irgendwie in die Halbzeit zu retten haben, stoppte Santana, stolperte Schmelzer und schlenzte Robben. Auch in der zweiten Halbzeit gelang es uns zu keinem Zeitpunkt, Druck auf die in großer Form aufspielenden Bayern auszuüben. Martinez säbelte dann noch Lewandowski um und sah nur die gelbe Karte. Überhaupt Lewandowski: Der war, wie ich der allgemeinen Stimmung entnahm, unten durch. Lauffaul, statisch, ohne Einsatz und mit den Gedanken bereits bei den Bayern. Auch hier also ging der Sieg klar an die Bayern.

Später würde Hoeneß davon berichten, wie er unter größten Anstrengungen das nationale Gleichgewicht wiederhergestellt und die nationale, die deutsche Frage endgültig geklärt hatte. Die häßliche Fratze des Erfolges stand ihm immer noch ausgezeichnet. Er war stolz darauf, sie endlich wieder einmal zeigen zu dürfen. Jetzt, da er das nationale Gleichgewicht wiederhergestellt und die Vormachtsstellungsfrage, die außer ihm nie jemand gestellt hatte, beantworten durfte, war er sich am kommenden Tag nicht zu blöd, die maximal durchschnittliche Choreo der Bayern als „state of the art“ zu verkaufen. Ich fragte mich, was Czeslaw wohl über ihn sagen würde und ob er ihn auch im Blick hatte.

Dass sich die Borussen und ihre Fans an der Niederlage nicht sonderlich störten, musste die Bayern besonders schmerzen. Auf Augenhöhe, so war die allgemeine Meinung, könne man auch mal ein Spiel verlieren. Das sei nun wahrlich nicht der Weltuntergang, den uns die Bayern verkaufen wollten. Auf der Pressekonferenz am Donnerstag konnte Klopp sich ein paar gehässige Kommentare nicht verkneifen und verglich die Lösung der nationalen Frage grimmig lächelnd mit der chinesischen Sehnsucht nach wirtschaftlicher Übermacht.

Da hatte ich mich längst damit abgefunden, dass von diesem 27.02.2013 nicht viel übrig bleiben würde. Es war der Tag, an dem sich meine Misanthropie noch einmal gesteigert hatte und an dem mir bewusst geworden war, dass „every man for himself“ immer noch die beste Lösung war. Ich musste mich mit anderen Problemen als Millionentransfers und der Interpretation der chinesischen Demokratie beschäftigen. Ich musste endlich einen Weg finden, meine Erinnerungen auszulöschen und neu zu beginnen. Vielleicht, dachte ich Vorbereitungen für das Frühlingsfest treffend, würde sich dadurch auch die Chance ergeben, die Unschuld des ersten Meisterjahres dieser großen Generation neu zu erleben.

bayern 1 borussia 0 – die nationale frage ist geklärt