Als die Wirtin und Kleppo dann die Erdgeschosswohnung über den Hinterausgang verließen, setzte ich mich für einen Moment hin. Ich hatte genug von dieser Stadt, in der sich manchmal eben nicht alles um den Ballsport drehte. Mit Verbrechen kannte ich mich zwar aus, aber obwohl es mein Geschäft war, hatte ich manchmal einfach die Schnauze voll von schlechten Menschen. Wollte ich die Welt retten oder waren sie mein Rettungsanker? Mir war es nicht klar.

Zeit für den Aufstieg und Fall der Gruppe Sport. Zeit für die Jungs aus Hamburg. Auch schon wieder über fünf Jahre her, dass ich das Album zum besten deutschsprachigen Album aller Zeiten gewählt hatte. Meine Lobeshymnen hallten jedoch nicht nach. Sie verschwanden in den weiten der siechenden Musiklandschaft und letztendlich war dies das Ende. Als wären die Beatles noch einmal auferstanden, schrieb ich und mir wurde damals klar, dass der Ermittler immer nur Ermittler bleiben würde. Die Jahre schritten voran und hier war ich nun. Stillstand in der Nordstadt. Wann war ich das letzte Mal im Süden, fragte ich mich und schaute in meine Aufzeichnungen. Klar, da war die Reise nach Sinsheim. Aber diese Reise war am Ende nur eine Inszenierung gewesen, ein Versuch, die Aufmerksamkeit von den sportlichen Dingen auf den wunderbaren Fußballsport zu lenken. Ziellos. Voller Sehnsucht nach den Bergen, die mich dereinst so fasziniert hatten.

In der Küche der Erdgeschosswohnung sitzend rauchte ich wieder zu viel und schüttete mir die Biere nur so weg. Die Wentraud füllte meinen Schmerz. Vorsorglich hatte sie zum Abend noch eine Kiste vor die Tür gestellt. So lange sie sich Sorgen machte, wußte ich, dass da draußen jemand ist, der mir zuhören würde, wenn es überhaupt nicht mehr ging. Die schmerzvolle Sucht nach den Bergen, in deren Stille ich immer das Ende der Willkür vermutet hatte, trieb mich immer mehr in den Wahnsinn. Dort, so vermutete ich, liegt die Wahrheit über die Menschheit verborgen. ich ging mein Adressbuch durch. Die Wentraud hatte heute genug erlebt und keine Belästigung mehr verdient. Schönen Gruß die Satelliten, riefen mir die Jungs aus Hamburg zu. Der Block füllte sich zusehends. Irgendwann wußte ich nichts mehr. War der Norden doch näher an der Wahrheit? Ich rief Reiser an. Er war sich unsicher und wunderte sich über meine kleine Eingabe.

„Was soll der Scheiß, Dembowski? Erst meldest Du Dich wochenlang nicht und dann redest Du von den Bergen. Vom Süden, vom Norden, von der Arbeit, die Dir erst den Urlaub ermöglicht. Du bist wieder blau, Du bist dermaßen dicht, Dembowski. Läuft „Der Samstag“ so schlecht? Deine lächerliche PK zirkuliert mittlerweile bei youtube. Nicht einmal Deinen Mitarbeitern kannst Du trauen. Jetzt auch noch der Auersberger. Der Mann der Brüche. Was denkst Du Dir eigentlich noch? Wenn Du überhaupt noch denkst, Dembowski. Du bist nicht mehr tragbar. Die Konstrukteure und Dembowski. Das Ende des Journalismus as we know it. Das Ende der Ermittlungen. Du warst mal Teil der Meisterschalmafia, erinnerst Du Dich? Du hast mal am Erfolg mitgearbeitet, Du hast das erste Bild der Meisterschale gemacht, Du warst unsere Hoffnung, und jetzt bist Du ein trauriges Abziehbild einer schlechten Romanfigur. Komm einfach mal wieder runter, Dembowski, bevor Du mich wieder anrufst. Eine kleine Eingabe. Eine kleine Eingabe in Deinem Kopf. Das hätte was.“ Als ich Reiser widersprechen wollte, hörte ich nur noch das Knacken in der Leitung. Er hatte aufgelegt. Ich nahm mir noch ein Bier aus der Kiste, drehte die Seite um und erinnerte mich an den Aufstieg und Fall des Ermittlers Dembowski. Ich war noch nicht angekommen und noch lange nicht am Ende. Reiser, Dir werde ich es zeigen, schwor ich mir.

aufstieg und fall des ermittlers dembowski

5 Gedanken zu „aufstieg und fall des ermittlers dembowski

  • September 5, 2011 um 4:42 pm
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    Na, Du bist ja ein ganz toller Ermittler … .
    Nix Reiser!

  • September 5, 2011 um 7:22 am
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    Nein, der doch nicht.
    Denk doch einfach mal nach.

  • September 4, 2011 um 7:29 pm
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    Kopf hoch, Dembo! Die Wirtin und ich halten zu Dir.

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