Genug gefeiert, sagte Tomasz zu mir. Nach der Hummels-Geschichte hatte er kurzerhand das Alkohol-Verbot ausgehebelt. Wir tranken und sangen alte amerikanische Folklieder. „Some got left behind, the other pushed into California. Those men that knew no rest. The pacific ocean stopped the restless movement west. Most of them settled down“. Tomasz hatte sein Banjo rausgeholt, ich sang. Gemeinsam tranken wir auf Mats, Borussia, Derroll und den ganzen Rest. Tomasz war so glücklich jetzt. Er zeigte mir Bilder seiner Heimat. Bilder von den Stränden der Dreistadt, Bilder seiner Familie, Bilder seiner Jugend. Die Platte, der lange Weg zum Strand. Schachspieler an der Promenade. Tanzende Kinder auf der langen Mole. Vereinzelte Musiker, im Abendlicht angelehnt an ausgemusterte Boote. Idylle. The others turned around. The people I come from, they settled Oregon.

Genug gefeiert, genug erzählt, sagte Tomasz und blickte mich an. Piotr sei auf dem Weg und in dieser Woche, erklärte mir Tomasz, sei es an mir, mich mit meiner Vergangenheit zu beschäftigen. Sie hätten extra jemand engagierte, einen Therapeuten, auch wenn sie es so nicht nennen wollten, der mich durch die schwierige Zeit führen würde. Darauf hatte ich kein Bock. Natürlich. Doch jeder Einspruch half nichts. Dafür bist Du hier, Dembowski. Die Aussagen waren klar. Ohne Vergangenheitsbewältigung keine neunte Ebene. Ohne neunte Ebene weiterhin nur ein Mitläufer. Du musst Deine Seele reinigen. Du musst dies. Du musst das. Du musst Dich verstehen, um die Welt zu verstehen. Du musst die Vergangenheit beiseite legen. Es gibt keine Vergangenheit. Es gibt keine Gegenwart. Es gibt keine Zukunft. Die Worthülsen explodierten um mich herum und inmitten dieses Gewitters blieb mir keine andere Wahl. Ich würde mich meiner Vergangenheit stellen müssen.

Schon bevor mein Therapeut, eine, wie Tomasz auffallend oft betonte, im Umgang mit traumatisierten Konstrukteuren versierte Fachkraft namens Semjon Winowski (warum musste all diese Menschen so bescheuerte Namen haben?), in das Unterwasseraquarium und somit in mein Leben trat, graute es mir vor den nächsten Tagen. Für diesen Psychoscheiß war ich nicht den ganzen Weg nach Stettin und dann auf die polnische Seite Usedoms gereist. Ich hätte mir das gerne erspart, aber um auch im nächsten Jahr auf der Sonnenseite der Sportberichterstattung zu stehen, waren dies wohl notwendige Maßnahmen und ich sicher nicht der erste Mensch der Welt, der sich diesem Mist aussetzen musste. Ich glaubte längst nicht mehr daran, als Konstrukteur einem Geheimbund, einem exklusiven Kreis ausgewählter Ermittler anzugehören. Vielleicht, dachte ich, löst sich alles in Wohlgefallen auf. Vielleicht, wenn Piotr erst zurück ist, stellt sich das alles als großer Bluff heraus. Allein: Ich war mir sicher, dass es nicht so kommen würde.

Erst lullten sie mich mit Hummels, Adams und Bildern ein, dann drückten sie mir meine Vergangenheit aufs Auge. Ich konnte sie nicht einmal verachten. Vor der Panzerglasscheibe tummelte sich ein Schwarm Makrelen. Das Ölfass lag immer noch an seiner Stelle. Ich schlich mich in den Aufenthaltsraum und legte Locust Fudge mit Business Express auf. Immerhin, dachte ich, gibt es hier ne wahnsinnig gute Bibliothek. And that’s how I kill a friend today, schallte es durch den Raum. Ich stand an der Panzerglasscheibe und dachte über meine Vergangenheit nach. Was ist ist, was nicht ist ist. Was geschehen war, war geschehen. Ob Semjon Winowski, der Mann mit dem absurden Namen., mir helfen konnte, meine Vergangenheit zu ergründen. Und was dann? Was passiert mit mir, wenn es keine Vergangenheit mehr gibt, fragte ich mich.

and that’s how i kill a friend today