Wer saß in diesem Flieger und wo kam er her. Welcher Spieler hatte unterschrieben und wer konnte den Deal zuerst confirmen? An jedem Montag gab es eine neue Interpretation des Glücks. 

Seitdem Mario Götze an einem späten Montagabend in Richtung München gewechselt war, liebte ich diese Tradition der allmontaglichen Aufregung. Direkt nach der Tagesschau schaltete ich auf Tweetdeck und schaute auf die sich entfaltenden Transferbomben. 
Auf Götze war Dzeko gefolgt. Der saß, das bewiesen Aufnahmen, in einem Flieger an einem deutschen Flughafen und wartete nur darauf, mit seinen ersten Schritten auf deutschem Boden endlich den sich bereits seit Monaten anbahnenden Wechsel nach Dortmund festzuzurren. Die Zeichen waren eindeutig. An diesem Montag hämmerte ich mir ein paar Biere in den Schädel und beobachtete die aufgeregten Diskussionen und die nonchalanten Warner, die das alles mit einer ironischen Distanz betrachteten, und sich doch von den Diskussionen einnehmen ließen. Als die Mitternachtsstunde verstrichen war, passierte genau nichts. Und niemand hatte je etwas gesagt, und niemand hatte je ein Gerücht gestreut und wenn er es doch getan hatte, so war es eben nur ein Gerücht, aber man konnte mal falsch liegen, obwohl man für gewöhnlich doch perfekt informiert war. 
In der nächsten Woche, in der vergangenen Woche dann, war es an der Zeit, endlich auch einmal eine Bombe platzen zu lassen. Es war nach der Tagesschau und auch nach dem Heute Journal einfach zu ruhig. Aber die Tradition musste weiterleben. Gottseidank hatte DerSamstag! erstklassige Informationen zum großen Boateng-Transfer. Ich programmierte die Online-Variante auf Mitternachtsveröffentlichung, spielte das Twitter-Spiel und legte mich ruhigen Gewissens schlafen. Am nächsten Tag musste ich beim Aufwachen ernüchtert, im wahrsten Sinne des Wortes ernüchtert, obwohl ich auf der Lama-Farm ansonsten eher weniger trank, feststellen, dass die Reputation der wahnsinnigen Boulevardzeitung noch nicht ganz auf dem Niveau der Platzhirsche angelangt war. Aber über Brigitte-In-Spanien arbeitete sich das Gerücht im Laufe des Vormittags doch noch auf die üblichen Portale und somit konnte letztendlich auch diese Transferbombe als einigermaßen explodiert betrachtet werden. 
Fast forward auf Montag, den 13.05.2013. Zwei Tage vor Ablauf der Lewandowski-Frist. Im Laufe des Wochenendes hatte ich noch einmal meine sehr guten Kontakte zum Lewandowski-Management spielen lassen, um auch die nächste Bombe für DerSamstag! zu haben. Doch – anders als ich glaubte – waren die Beziehungen zu den Punkrockern ein wenig abgekühlt, seitdem ich sie mit unverhältnismäßig vielen (und sehr belastbaren) Fakten konfrontiert hatte. So saß ich also wieder vor dem Computer und hoffte einfach auf SkyItalia oder obskure brasilianische Blogs, die mir da schon weiterhelfen würden. Es musste nicht jeden Montag DerSamstag! sein, versuchte ich mir einzureden, nahm noch einen Schluck Kronen und legte eine Pavement-Platte auf. 
Kaum schritt der Zeiger in Richtung 22 Uhr, verdichten sich die Anzeichen, dass sich auch dieser Montag nahtlos in die Tradition der letzten Wochen einreihen würde. Der Transferbombenmontag war mittlerweile zu einem festen Termin im Kalender der sogenannten Insider geworden. Irgendwer platzierte eine alte SkyItalia-Meldung und das Schauspiel nahm seinen Lauf. Malkmus sang „I need to sleep“ und ich antwortete in Richtung Computer „why don’t you let me?“, der spuckte im Minutentakt neue Informationen aus. Wir redeten jetzt von 28 Millionen, und das war für die Dortmunder Fans natürlich einmal genug und einmal viel zu wenig, während sich die Münchener Fraktion erst zu KoanLewandowski, dann aber bald zu „OMG Neymar WTF???!!!1111“ hinreißen ließ. 
Ich trank, hörte Pavement, trank und sah den vorbeirauschenden Meldungen nach. Wie sie kamen, und wieder verschwanden. Wie manches blieb, sich sogar verdichtete und anderes im digitalen Nichts verschwand. Ich war blau. Und liebte den Transferbombenmontag. Auch wenn ich in dieser Woche nur Beobachter, nicht Player war. Bis zum Ende der Transferphase würde es noch genug Montagabende geben, es waren ohne den 13.05 noch genau 15. Am 26.08 würde ich vielleicht in tiefe Depressionen verfallen, doch bis dahin lag noch ein ganzer Sommer vor mir. 
So trank ich Kronen, hörte Pavement und sah, wie Kevin de Bruyne zu Dortmund jetzt endlich durch war, legte eine Zuckerspur auf meine Weltkarte und verfolgte die irrwitzigen Wege des Michael Zorcs und hielt den Atem an als der große Vicente Cascione den Neymar-Transfer verkündete. „Warum sollte ich spekulieren?“ merkte der Busenfreund von Pele nicht ohne Grund an. „Damit wir verdammt noch einmal unterhalten werden“, dachte ich und switchte rüber ins Transfermarkt-Forum, in dem die neuesten Entwicklungen gleich mit +3%, +27% und -12% Prozent bewertet wurden.
an jedem verdammten montag – die liebgewonnene transferbombentradition

Ein Gedanke zu „an jedem verdammten montag – die liebgewonnene transferbombentradition

  • Mai 20, 2013 um 5:44 pm
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    So hab ich die überflüssige Zeit auch totgeschlagen in den letzten Wochen… aber langsam wirds langweilig. Zeit, dass mal eine richtige Bombe platzt: Dortmund zieht die Ronaldo-AK und eist Ribery bei den Bayern los!

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