Jemand wie Amok. Jemand wie dieser unscheinbarste Ermittler aller Konstrukteure. Jemand wie Amok eben. Er war der Mann für die Drecksarbeiter, er war der Sergej Gorlukovich in unserem Team. Gab es einen Fall für ihn, dann schnappte er sich diesen Fall und ließ ihn nicht mehr los. Und wenn der Fall längst vergessen war, wenn Redermann sich um seinen Soulvan sorgte und ich mich mit den Kerlen vor der Tür rumschlug, saß er irgendwo im Süden und nahm unendliche Anstrengungen und Demütigungen auf sich. Am Ende aber präsentierte er ein Resultat. Amok war unbezahlbar!

Irgendwann Anfang des Jahres oder zum Endes des vergangenen Jahres hatte er sich wieder auf den Weg in den Süden gemacht. Er wollte die unfassbare Vertuschung nicht auf sich nehmen. Wir hatten ihn nicht zügeln können, und jetzt, da ich mich erinnere, war er damals, wenn auch nicht ganz freiwillig, aus dem Trainingslager abgereist. Amok war überall wo Süden war. Plagte ich mich mit Traumgestalten, duellierte sich Amok mit echten Feinden.

Amok also war mal wieder für ein paar Wochen abgetaucht. Mittlerweile machte ich mir keine Sorgen mehr. Er würde sich melden, wenn er sich melden musste und vorher würde er schweigend ermitteln. Mach Dir keine Sorgen, Dembowski, ich habe einen Auftrag, war seine übliche Verabschiedung. Und auch diesmal meldete er sich nach langer Abwesenheit wieder zur Wort. Gerade noch hatte ich in der Küche gesessen, geraucht, Kronen in meinen verschwommenen Geist geschüttet und war weiter gen Mündung getrieben. Immer wieder hatte ich die Worte „verschwinden heißt, nicht mehr da sein“ wiederholt und mich langsam mit dem Gedanken angefreundet. „Einfach verschwinden, einfach nicht mehr da sein“, hatte ich gedacht und war immer weiter in Richtung Mündung getrieben. „Niemand würde sich daran stören“, hatte ich gedacht.

Doch eine Mailbenachrichtigung erlöste mich gerade in dem hoffnungslosesten Moment. „Hömma, Dembowski. Lass ma telefonieren. Dinge sind vorgefallen. Sachen wurde vorangetrieben! Erwarte Deinen Anruf: Amok!“ Die Erlösung schleicht sich manchmal über Umwege heran, diesmal also über Amok, den, das musste ich mir eingestehen, ich schlichtweg vergessen hatte. Ich griff zum Hörer, es klingelte ein paar Mal und dann nahm Amok ab. Im Hintergrund hörte ich das Rauschen der Bahn.

„Dembowski, erstmal das Budget war doch ein Witz. Jetzt fahr ich hier wieder mit Regionalzügen durch Deutschland. Die Rheinschiene ist furchtbar. Überall stehen Burgen, der Fluß will sich winden, ist eingesperrt und die Leute hängen am Fenster. Sie machen Fotos und reden und reden und reden. Ich will ruhen!“
„Und jetzt? Was willst Du mir sagen?“

Manchmal musste man Amok an der langen Leine lassen, im direkten Gespräch führte das hin und wieder jedoch zu den längsten und langweiligsten Beschwerden. Beschwerte ich mich, war das gut. Beschwerten sich andere, verging es mir vor Langeweile.

„Dembo. Du kannst Dir nicht vorstellen, wo ich war. Drei Tage lang hatten sie mich. Wollten mir die Schallattacke anhängen. Was ja einfach ist. Weil ich das auch war. Hab gleich gestanden. Aber sie wollten irgendwas anderes. Haben mich dann mit Lachsschnitten vollgestopft. Sagte ich etwas, kam ein Assistent mit einem Lachschnittchentablett. Sagte ich nichts, kam ein Assistent mit einem Lachsschnittchentablett. 3 Tage wach, 3 Tage Lachsschnitten. Horror! Nicht einmal bin ich aus dem Raum raus, bis sie mich rausgelassen haben. Ohne weitere Nachfrage. Ohne Sinn, ohne Verstand!“
„Du bist sicher, dass Du das nicht nur geträumt hast?“
„Klar! Das war so. Ich habe das erlebt. Aber vorher hatte ich jemanden ausfindig gemacht. Der wollte reden und ich kann Dir sagen: Er wird reden!“
„Was nützt das?“
„Nichts. Aber willst Du immer nur Nutzen? Wir dürfen nicht vergessen.“
„Aber gibt es nicht ohnehin Gesprächsbereitschaft?“
„Davon weiß ich nichts, davon will ich nichts wissen. Und wenn es so – wäre – es mir nicht zu Ohren gekommen. Und was würde es zeigen?“
„Nichts“
„Genau und deswegen müssen wir da dran bleiben. Jeder kann irgendwas sagen. Und jeder kann das Gesagte jederzeit zurückziehen.“
„Und was jetzt?“
„Schau doch einfach mal ins Fernsehen. WDR“
„Empfange ich nicht, und ohnehin, was soll das?“
„Schau WDR, Dembowski. Und herzlichen Dank für Deine warmen Worte, Penner!“

Amok blieb ein Rätsel. Jetzt war er wieder weg. Würde sich wochenlang nicht melden. Das Kronen war verlockend, es stand im Kühlschrank, ich öffnete mir noch eins. „Was passiert, passiert immer“, dachte ich. WDR aber ohne mich. Der Rest kann dann eben um 19.30 Uhr die Lokalzeit einschalten und die Sache auch im Radio verfolgen. Was nicht sein kann, wird niemals sein. Wir sind hier nicht in Dortmund, Dembowski.

amok und die schallattacken – wir sind hier nicht in dortmund, dembowski