Irgendwann also mussten wir mit den Amok-Ermittlungen in die Öffentlichkeit gehen. Der Ex-Praktikant aus der östlichen Nachbarstadt hatte sein Gesellenstück abgeliefert. Redermann und ich hatten ein paar Stunden beraten, was wir in welcher Form überhaupt veröffentlichen können. Nach einer längeren Telefonkonferenz mit Piotr beschlossen wir, den Stand der Ermittlungen anhand der gelieferten Fakten in einer „Der Samstag!“-Sonderausgabe zu veröffentlichen.

Drehte sich dieser Tage zwar alles um 9/11, so stand mein persönliches Jubiläum erst einen Monat später an. Für diesen Tag lagen die Pläne ebenso in der Schublade, doch der eigentliche Skandal, der Skandal also, der im Hier und Jetzt zu verorten war, spielte sich einige 100 Kilometer nordöstlich von uns ab.  Nach Amoks Ermittlungsbericht, den er uns schon am Dienstag hatte zukommen lassen, war jeder Kontakt mit dem Neu-Konstrukteur abgebrochen. Erst hatten wir Piotr in Verdacht. Doch er versicherte uns glaubhaft, dass Amok sich auch bei den Konstrukteuren nicht gemeldet hatte.

„Letzter Kontakt: Dienstag! Er war Feuer und Flamme. Er war stolz und er hatte diesen Herdenfall noch nicht ganz gelöst. Seitdem herrscht Funkstille. Ich mache mir Sorgen, Dembowski. Der Moment der Konstrukteurswerdung ist ein ziemlich heikler Moment. Normalerweise haben wir dafür unsere Rückzugsorte. Du hast das Unterwasseraquarium gesehen, Du hast auch unsere Anlagen in Berlin gesehen und die Engländer sind angewiesen, Euch zumindest einmal die Baupläne der prächtigen Bunkeranlagen zu zeigen. Wie ich Dir bereits mehrfach erklärt habe, gehören diese zu den herrlichsten Anlagen unserer Welt. Und irgendwann, Dembowski, reisen wir gemeinsam nach Iquitos. Klar: Die Zeichen der menschlichen Verwüstungen gehen gerade an unserer Geburtsstätte nicht spurenlos vorbei. Unsere Hochburg wird durch die menschliche Gier Tag für Tag ein Stück mehr zerstört. Sie wollen Holz und Bauland und vergessen, wie wichtig die Luft für uns ist, wie wichtig der Filter Regenwald für alle Menschen, für unser Klima und für unser Weltbild ist. Sie zerstören den Regenwald aus Gier und zerstören damit unsere Erde. Wir sitzen in Iquitos, Dembowski und wir können die Zerstörungsmaschine nicht stoppen. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie oft wir auf den großen Konferenzen bereits über dieses Problem nachgedacht haben und einfach keine Lösung finden konnte. Dembowski, merke Dir eins: Du kannst nur den Konstrukteuren vertrauen und Dir jederzeit ihrer Unterstützung sicher sein. Wenn Du einmal vom Erdboden verschwinden solltest, dann werden wir Dich suchen, bis wir Dich gefunden haben. Oder Deine Mörder überführen konnten. So wie wir es jetzt, Du dachtest wohl, diese Kurve würde ich nie bekommen und doch hatte ich sie von Anfang an, also jederzeit und mit jedem Wort arbeitete ich darauf hin, bei Amok tun werden. Einer unserer Männer ist verschwunden. Bewegt Eure Ärsche und schaut, was da für Spuren sind. Und schaut nicht auf den Boden, sondern schaut in die Gesichter der Menschen. Vertraut nur den Konstrukteuren! Und geht diesen Bericht noch einmal durch. Irgendwo muss es Spuren geben. Dieser Wolfgang steht unter Beobachtung. Er soll einer der verrücktesten Hirten des Landes sein. Es ging ihm niemals um die Wolle, es ging ihm immer nur um das Fleisch. Oh mein Gott! Wenn ich mir nur ausdenke, was da vielleicht passiert sein könnte…. Ich lasse es besser!“

Diese Monologe hatte ich vermisst. Redermann schaute ein wenig verwundert und fragte mich, ob hier überhaupt noch irgendwas normal sei. Es war mir egal. Ich öffnete den Ermittlungsbericht und ging ihn noch einmal durch.

Hallo Dembowski, 

Amok hier. Ich bin da auf einen interessanten Fall gestossen. Mir wurde zugesteckt, dass in der Einöde Niedersachsens nach tönnischen Methoden ein neuer Betrieb expandiert, bei dem man sich fragen muß, ob das alles noch mit artgerechter Tierhaltung in Einklang geht. Daraufhin habe ich mich am Hauptbahnhof in den RE 68 gesetzt, um mir vor Ort ein eigenes Bild zu machen. 

Am Ziel angekommen und kurz den Metallverabeitenden Betrieb hinter mir gelassen, bin ich auf der sehr gepflegten Weide von Wolfgang gelandet und habe mir von ihm die Faktenlage erläutern lassen. 

Ursprüngliche grasten hier vor kurzer Zeit – auf dieser idyllischen Anlage – noch 17 Wollschafe. Das musste sich aber ändern um auf dem Markt nicht ins Abseits zu geraten, berichtete er. 

Der Plan sah also vor, frisches Blut in die Herde zu bringen, um damit die Ertragsgrenzen auszuloten. Also wurden erstmal 32 Schafe aus Griechenland von einer Weide neben einer Trinkhalle, griechisch „Trikala“ auf die hauseigene Wiese verfrachtet. Dazu wurden weitere 33 Schafe aus Brasilien, über Italien, importiert und in die Herde integriert.Bevor Missverständnisse aufkommen: Sie waren auf keinem der Flüchtlingsschiffe und wurden artgerecht nach Europa gekarrt. 

Um die Herde zu erweitern hat er zusätzlich 32 Schafe von Josef aus Brasilien abgreifen können. Das war allerdings ein Direktflug mit Lufthansa Cargo. Dann kam aber ein Hammerangebot. 29 Tiere aus deutscher Züchtung. Da hat Wolfgang direkt zugeschlagen, um die Herde zu verjüngen. 

Weitere 30 Mufflon kamen noch aus einer Kolchose im Osten dazu. Ob Piotr da seine Finger im Spiel hatte? Es ist nicht unwahrscheinlich. Die sind allerdings nicht für das Scheren, sondern für den Streichelzoo.  Zu guter Letzt kamen aus Bosnien noch 34 erfahrene Huftiere dazu. Die sollen wohl von Janacinka aufgezogen worden sein und über eine sehr gute Trittfestigkeit verfügen. Gute Ware also. Wolfgangs Herde wurde also geschickt und günstig auf ein neues Fundament gestellt, um dem Markt gerecht zu werden. Sage und schreibe 207 Tiere sind es nun. Die Lämmer sind darin noch nicht erfasst. 

Er macht sich allerdings jetzt schon Gedanken, was passiert wenn die Zukömmlinge nicht den erwarteten Ertrag an Wolle abliefern, süffisant ergänzte er, dass es zur Not im Dorf aber noch den Metzger gibt. 

Amok.

„Lass uns den Metzger anrufen“, sagte Redermann. Die Farbe war längst aus unseren Gesichtern verschwunden. Im Hintergrund lief Tomorrow Never Knows. Und verdammt, wir hatten wirklich keine Ahnung, ob wir Amok jemals wieder treffen würden.

amok, spurlos verschwunden

3 Gedanken zu „amok, spurlos verschwunden

  • September 9, 2011 um 2:09 pm
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    Zahlreiche Hinweise, doch Amok bleibt verschwunden. In Sorge: dembowski

  • September 9, 2011 um 11:17 am
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    Amok? Wollte der nicht nach Riga fahren, um einen neuen Toaster zu kaufen?

  • September 9, 2011 um 10:56 am
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    Hey, Dembowski,

    gestern meldete sich Amok bei mir.

    Er berichtete von einer brandheißten Geschichte, die noch ne Menge Arbeit erfordern würde aber sich lohnen würde. Er sprach von einem Knaller.

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