„Wir haben nur gefeiert und dann war da dieses Messer. Natürlich nur für die Torte, wohin denkst Du, Dembowski?“ Mit Praktikanten hat man es nicht leicht. Während Redermann und ich es uns auf der 90er Party gemütlich gemacht hatten, sollte Amok einfach mal eine Geburtstagsfeier begleiten. Keine schwere Aufgabe, ein paar Stimmen einholen und die üblichen Anekdoten mitbringen. Doch das hier überstieg meine Erwartungen und leider auch Amoks Praktikantenhorizont. Er hatte gleich noch einen Praktikantenpraktikanten angeheuert, der eigentlich nur kurz das Messer hatte verschwinden lassen sollen. Mehr nicht. Kein großer Job und angesichts der Tatsache, dass Amok schon öfters negativ mit Tortenmessern aufgefallen war, sicher auch keine so schlechte Idee. Aber irgendwas war dann gründlich schief gelaufen.

„Nur für die Torte. Und jetzt sind Frank, Simone und das Messer weg?“ „Nein. Simone hat ja angerufen, aber Frank ist nicht mehr da. Und Liliane sagt, dass Frank auch schon gegen 5 nicht mehr da war. Aber wer soll sich da schon dran erinnern? Ich stand mit Joachim hinten am Stand. Irgendwer musste das Bier trinken. Haben wir uns halt schadlos gehalten. Immer rein. Frank wollte das machen. Auch die Stimmen sammeln.“ „Idiot!“ „Selber“ „Schon einmal drüber nachgedacht, in was für eine Lage Du Redermann und mich hier bringst. Die Konstrukteuere wissen noch nichts von Dir, geschweige denn von Deinem Praktikantenpraktikant Frank. Wie alt ist der eigentlich?“ „21“ „Ein wenig jung, oder?“ „Wieso?“ „Wie soll er da ermitteln. Wir brauchen erfahrene Sauhunde.“ „Aber wie soll das gehen? Der bekommt ja nichts. Und jetzt ist er weg. Das Messer auch.“ „Das weiß ich.“ „Es war wirklich nur für die Torte gedacht“ „Das weiß ich. Und Simone ist da?“ „Ja, hab ich aber auch schon gesagt“ „Und wo ist die jetzt?“ „Unterwegs. Messer suchen. Frank suchen.“ „Wer ist Simone überhaupt?“ „Na, die eine, mit der ich neulich unterwegs war. An dem Abend da.“ „An welchem Abend, Amok, Du machst Dich wahnsinnig und mich auch“ „Hö?“ „Wahnsinnig wie in verrückt. Welcher Abend, Amok?“ „Der eine eben. Nach dem Spiel. Da, wo wir uns getroffen haben“ „Hö?“ ich ließ ihn auflaufen und versuchte Amok mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, doch er reagierte nicht.

Das scheint wirklich ein Problem zu sein, dachte ich und schaute mich um. Wir saßen jetzt schon seit einiger Zeit auf den Stufen der S-Bahn-Station. Wie lange konnte ich nicht sagen, aber es waren sicher bereits 3 Bahnen in Richtung Unna aufgebrochen. Und ich war immer noch nicht weiter. Ich wußte nicht was passiert war und wo es passiert war. Echte Probleme, also. Probleme, die meinen ohnehin bereits schwer lädierten Ruf als Ermittler gefährden, wenn nicht sogar meine gesamte Ermittlerexistenz aufs Spiel setzen konnten. Letztendlich hatte ich mich nicht an die Vereinbarungen gehalten (wenngleich die Namensfindung an sich eine hervorragende Entschuldigung gewesen wäre), Piotr wäre, würde nur 1x der Name Konstrukteure fallen, mir auch noch meine andere Karriere austreiben. Dunkle Schatten legten sich über die Sommerleichtigkeit der letzten Wochen.

„Amok, was ist da verflucht noch einmal überhaupt passiert. Eine Geburtstagsfeier! Ich mein: Eine Geburtstagsfeier! Mehr nicht. Eine verfluchte Geburtstagsfeier. Du ermittelst in meinem Auftrag und ein Praktikantenpraktikant geht verschütt, ein Tortenmesser verschwindet. Das darf man doch keinem erzählen.“ Ich war außer mir vor Aufregung. Immer noch saßen wir auf den Stufen der S-Bahn-Station und ich hatte nicht wirklich das dringende Bedürfnis, daran etwas zu ändern. Ich schickte Amok zur Bude an der Lindemann. Gedanken ordnen. Kurz mal runterkommen. Was war überhaupt passiert, dachte ich. Ein Messer war verschwunden, Frank auch. Im schlimmsten Fall waren beide zusammen verschwunden und Frank, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gehört hatte, würde mit unserem Messer, dem Konstrukteursmesser aus der Station am Jedioro Nidzkie, aus der Station nahe Ruciane-Nida also, eine Tankstelle überfallen. Und schon hätten wir die echten Ermittler am Hals, dachte ich und schon würden die Konstrukteure auffliegen. Alles nur weil ich mit Redermann saufen wollte, dachte ich. Alles nur weil ich keine Lust auf den Geburtstag hatte. Und jetzt: Praktikant verstört, Praktikantenpraktikant weg und Tortenmesser auch. Er hatte doch nur Geschichten mitbringen sollen.

Mittlerweile war Amok wieder da. Immerhin hatte er diesmal Bier dabei. „Dembowski, darf ich Dir mal eine Frage stellen?“ „Ja“ „Was machst Du eigentlich?“ „Ermitteln, siehst Du doch?“ „Aber Du sitzt doch hier rum, regst Dich über mich auf und schickst mich Bier holen. Du hast noch überhaupt nichts getan. Sind das Deine Ermittlungen?“ „Was willst Du eigentlich, Praktikant?“ Jetzt wurde er auch noch aufdringlich und stellte Fragen. „Das sind meine Methoden, Amok. Und ich sehe hier niemanden, der diese in Frage stellen könnte. Ok, vielleicht der Typ da hinten, aber der ist zu weit weg.“ Ich deutete auf Schulze, der auf Sonntagsspaziergang war und mich zum Glück von der Brücke noch nicht gesehen hatte. Der geht auch immer seine Runde hier. Die Lindemann hoch, dann über die B1, links an der Roten Erde vorbei und dann die Bolmkerunde, wie Schulze sie früher schon immer genannt hatte. Er geht in das Grüngebiet und nennt es Wald. Er geht in die Natur und will sich erholen und doch sind dort nur all die anderen Erholungsjunkies, die sich am Sonntag eine ruhige Minute, eine Auszeit, wie man so sagt, nehmen wollen. Er geht in das Grüngebiet und sucht die Ruhe und findet doch nur all die anderen Ruhesuchenden. Armer Kerl, dachte ich. Amok hatte die ganze Zeit weitergeredet, doch ich ihm schon längst keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt. Die nächste S-Bahn. Ich drehte mich wieder zu Amok.

„…sie eben angerufen und jetzt geht sie auch nicht mehr dran.“ „Überleg noch einmal scharf, Amok. Wann hast Du Frank und das Messer zum letzten Mal gesehen?“ „Gestern. Also in der Nacht. Bevor ich mit dem Brinker in die Bahn bin. Oder war es ein Taxi? Keine Ahnung. Er war auf jeden Fall noch da, aber lange nicht mehr zurechnungsfähig. Frank war weg. Also noch da. Aber weg. So rein kopftechnisch. Das Messer in der Tüte. Simone wollte noch….“ „Wer ist eigentlich diese Simone?“ „Hab ich Dir doch schon erzählt. Die von neulich, von dem Spiel!“ „Es sind immer Spiele. Nur neulich nicht. Neulich ist schon länger Sommerpause, Amok. Als wenn ich mich an jedes Treffen erinnern könnte. Davon weiß ich nichts.“ Amoks Art wurde langsam unerträglich. Woher sollte ich wissen, bei welchem Spiel das war. Wahrscheinlich war es sogar in Gladbach. Verfluchtes Gladbach, verfluchter Bahnhof, verfluchter Martin, denke ich. „…sie wollte auf jeden Fall noch einmal an das Messer. Da ist er wohl einfach weggerannt. Weg. Aus dem Blick, ohne Sinn.“ Wir kamen hier nicht weiter, ich bedeutete Amok zu warten. Stand auf. Ging zur Bude. Noch ein Bier. Das Messer würde sich finden, Frank wieder auftauchen. Da war ich mir sicher. Doch ich würde am Ball bleiben, schwor ich mir während ich langsam in Richtung Nordstadt spazierte. Amok ließ ich an der S-Bahn zurück. Er wird es schon merken, dachte ich mir.

amok, frank und das tortenmesser – zwei davon verschwinden