Einer war immerhin da. Als ich in die Kneipe kam, um mir den Freundschaftskick zwischen Holland und Deutschland anzuschauen. Nur mit der Vorgabe: Keine Verletzungen bitte. Mehr war da nicht. Sagte auch der, der immerhin da war. „Is nich mehr wie früher, wa?“ „Jenau!“ „Erinnerst Dich noch an Zoltan Sebescen?“ „Klar!“ „Unter Ribbeck. Was ein großer Spieler. Für den richtigen Moment.“ „Haben dit dann Paroli laufen lassen.“ Die Unterhaltung plätscherte dahin.

Über Berlin lag der dumpfe Schleier der Trauer. Über dem Spiel der triste Schleier der Langeweile, über den der kicker am nächsten Tag tatsächlich urteilen würde, dass der Einsatz nicht gestimmt habe. Nachdem eben jene Publikation die Diskussion erst entflammte hatte, in dem sie Völler, der auf Ribbeck und Sebescen folgte, eine Plattform für seine durchaus populistischen Thesen geboten hatte. Obwohl er natürlich richtig lag. Niemand brauchte dieses Spiel, aber niemand brauchte sich darüber zu beschweren. Es war immer so gewesen. Und niemand tat sich weh. Das war wichtig.

Meine Gedanken aber waren bei Alex Alves. Einer dieser Spieler, die sich mit einer Szene und einem Bild einbrannten, dann irgendwann von der Bildfläche verschwanden. Als Alves im letzten Monat wieder auftauchte, waren die Nachrichten eher schlechter Natur. Leukämie, keine Kohle. Das Leben war aus den Ufern gelaufen, hatte mit aller Wucht zugeschlagen. Die übliche Anteilnahme. Die Tor des Jahres-Medaille wurde für 1.000€ an den Mann gebracht. Keine Unsummen. Aber Anteilnahme. Die Nachricht seines Todes. Aus einer fernen Welt. Die Bilder seines Tores, der weiße Pelzmantel. Die Geschichten über seine unglückliche Liebe, mit der er es dann doch aushielt. Immer wieder die Betonung auf „er kam aus einfachen Verhältnissen“, was auch immer das zu bedeuten, geschweige denn da zu suchen hatte.

Verschwinden, hatte Thomas Bernhard einmal gesagt, erinnerte ich mich, heißt nicht mehr da sein. Verschwunden war Alex Alves schon lange. Er war nicht mehr da. Die Erinnerung an sein Tor, die war natürlich da. Die Erinnerung an seine, was man landläufig als Eskapaden bezeichnete, Geschichten lebte weiter. Auf dem Bild schaute ein mit einem weißen Pelzmantel bekleideter Alves ein wenig erschrocken, ein wenig verschüchtert in die Kamera. Kein Lächeln, unter den blonden Haaren der schwarze Haaransatz. Unter dem Pelzmantel das weiße Shirt. Und darüber schreit der Reporter: „Und ein verrücktes Tor auf der anderen Seite. Ja, was ist denn jetzt los? Da hat sich Markus Pröll aber völlig verschätzt, als Alex Alves einfach mal, ja ich wollte schon fast sagen, wie ein Verrückter abzog. Schauen Sie, der Anstoß, ja gibt’s denn sowas? Also das habe ich noch nie gesehen. Achtung, Alves! Hallo, Herr Pröll? Nicht zu glauben! Das Tor geht in die Geschichte der Bundesliga ein!“

Und das Tor ging in die Geschichte der Bundesliga ein, und wenn es jetzt aus tragischem Anlaß wieder hoch und runtergespielt wurde, und überall im Netz zum Anklicken bereitgestellt wurde, zeigte es nur, dass Menschen zwar verschwinden können, die Erinnerung an sie aber unauslöschlich war.

„Dit isn Ding!“ sagte der Gast in der Kneipe. Im Fernseher flackerte gerade der Treffer von Ibrahimovic. Ein Fallrückzieher aus 30 Metern. Musste man auch erst einmal machen, dachte ich. Am Tag, an dem Alex Alves starb.

am tag, an dem alex alves starb