Wir waren niemals hier, nannte die Band Mutter die DVD über einen Großteil ihrer Karriere. Das ist natürlich falsch. Sie waren da und veröffentlichten mit „Hauptsache Musik“ eine der wichtigsten deutschsprachigen Platten der letzten 30 Jahre. Doch irgendwie war mir heute überhaupt nicht danach. Ich war auch niemals hier. Zu viel Sonne, zu viel Nazis da draußen. Die Supermüll machte sich prächtig auf meinem Plattenspieler. Ich griff zum Telefon, legte kurz noch das Accident Book auf und klagte Redermann mein Leid. Auf soziale Verpflichtungen konnte ich getrost verzichten. In letzter Zeit gingen mir zu viele Dinge gehörig gegen den Strich. Nach kurzem Zögern verstand Redermann meine Gründe, es war sicher die Musik, die ihn mitleiden ließ. Sobald das Gespräch beendet war, legte ich wieder die Supermüll auf. „Ist doch Müll, ist doch Dreck, muss doch weg!“. Rossmy sprach die Wahrheit. Müller hingegen war da. Und log somit.

Aber sollte er doch lügen, immerhin kommunizierte Müller noch mit der Außenwelt. Ich hatte mich in den letzten Tagen seltsam verschlossen. Klar, hin und wieder besuchte mich Redermann, aber nur noch selten wagte ich mich unter Menschen. Sogar der Gang in die Kneipe war mir zu weit, die Gespräche mit Kleppo langweilten mich, meine Plattensammlung bestand nur noch aus alten wehleidigen Scheiben oder alten Scheiben, die ich damals für revolutionär hielt, die aber längst zum allgemeinen Kanon gehörten und mich zunehmend weniger begeisterten. Klar, diese Supermüll inspirierte mich, aber wie oft wollte ich mir das erbärmliche Geschrammel, aufgenommen in einem feuchten Keller in Mühlheim / Ruhr der angehenden 80er-Jahre wirklich noch anhören? Auch die Meisterschaft hatte mich nicht befreit und der Trip in die Masuren war nichts weiter als ein Versuch, den inneren Qualen zu entfliehen. Es ist mir, das musste ich mir eingestehen, nicht gelungen.

In der Küche quollen die Aschenbecher über, die Whiskeyflaschen standen geleert in der Ecke und selbst die Wentraud machte sich langsam verstärkt Sorgen. „Entweder Du hängst Dörte nach oder Du bist blau, Dembowski! Was ist nur mit Dir los?“ fragte sie mich immer wieder und ich hatte einfach keine Antwort. War es Redermann? War es wirklich immer noch Dörte? Oder waren es die Umstände, die mich zerstörten? Und wenn ja, von welchen Umständen ließ ich mich erschüttern? War es der Verlust, der mit dem Bruch der Freundschaft zwischen Reiser und mir einherging? Eine Freundschaft, die immer nur einseitig war und die mich so viel Kraft gekostet hatte. Oder zerbrach ich am Ende an der plötzlichen Verantwortung, die ich für „Der Samstag!“ übernommen hatte? Die grandios gescheiterte Pressekonferenz im Wildschütz war meinem schwindenden Selbstvertrauen sicher nicht zuträglich gewesen. Ich hatte mich weit aus dem Fenster gelehnt und war gnadenlos gescheitert.

Diese bittere Erkenntnis schleppte ich nun mit mir rum. Die Hoppenheim-Geschichte war wichtig, doch konnte ich mir keine Scheibe des Ruhms abschneiden. Er fiel auf einen immer noch unbekannten Hausmeister aus Sinsheim. Dieser hatte sich nun zwar mit der Sportsgerichtsbarkeit auseinander zu setzen, aber, Hand aufs Herz!, was würde das Sportgericht schon gegen einen Hausmeister unternehmen. Ein weiteres bitteres Eingeständnis. Auch hier war ich gescheitert. Zwischen den Stühlen. Am Ende. Gescheitert. Und es war noch nicht einmal Wochenende. Immerhin spielfrei. Ernte, Basketball und Whiskey. Und verdammt noch einmal, Charlotte Roche!, WILL YOU PLEASE BE QUIET!!!!

am ende