Vor gut zehn Jahren verbrachte ich einen Sommer auf einem Dach. Ich war jünger, ich hatte andere Pläne und die Menschen, die mit mir diesen Sommer auf dem Dach verbrachten, strotzten nur so vor Kraft und jugendlicher Energie. Schon damals aber sahen sie in mir den Sonderling. Wollten die anderen Leute dort oben auf dem Dach Rockstar, Filmemacher, Schauspieler oder einfach Weltverbesserer werden, so bin ich mit meinem Wunsch und meiner damals ja bereits aufgenommen Ausbildung zum Ermittler meist auf befremden gestoßen.

Wir saßen dort Tag für Tag und Nacht für Nacht, immer war jemand dort und immer stießen neue Menschen hinzu. Wir hörten Musik und schauten den in den Bahnhof einfahrenden Zügen zu. Wir fragten uns, woher sie kommen und wohin ihre Reise wohl gehen mag. Manchmal suchten wir uns eine Person hinter einem der Zugfenster aus und entwarfen eine ganze Biographie. Wir hatten immer etwas zu schreiben dabei und notierten unsere Gedanken. Später, als wir ein paar dieser Biographien zusammenhatten, begannen wir, diese untereinander zu verknüpfen. Auf den Gleisen unter uns, in den einfahrenden Zügen spielten sich Dramen ab, deren Ausmaß uns anhand der Biographien nur zu bekannt war.

Manchmal stand direkt unter uns der Zug Köln-Moskau. Der Schaffner stieg dann aus und schritt den Zug auf unserer Seite ab. Wir machten uns bemerkbar und winkten ihm zu. Mit einer Kippe im Mund nickte er dann kaum merkbar mit seinem Kopf und an guten Tagen zog er seine Schaffnermütze vor uns. Er erkannte in uns die Lebensfreude, die ihm auf seinen Reisen durch den Osten Europas immer mehr abhanden gekommen war. Während wir auf dem Dach saßen, trat er seine beschwerliche Reise an und kehrte erst nach gut zwei Wochen wieder zurück. Wir saßen dann immer noch auf dem Dach, wir bewegten uns nur, um mal etwas zu kochen oder neue Getränke zu kaufen.

Immer tiefer versanken wir in die Biographien und dem Schaffner kam dabei eine immer größere Bedeutung zu. Er war das Bindeglied zwischen uns da oben und denen da unten. Während des ganzen Sommers blieben wir von der Außenwelt unbemerkt und nur der Schaffner wußte von unserer Existenz dort oben auf dem Flachdach. Wir schmiedeten Pläne und natürlich warf jemand die alte Pulp-Idee in die Runde.

Langsam wurde es Herbst, die Stunden auf dem Dach wurden weniger. Es regnete immer häufiger und irgendwann fielen die Türme. Unserer Sommer war beendet. Wir wussten, dass die Zeit der Abschiede gekommen war. Doch bevor wir uns trennten, für immer trennten, das war uns mehr als bewusst, unsere Wege und unsere Lebensentwürfe, das war uns bereits bei den fiktiven Biographien aufgefallen, würden sich nicht miteinander verbinden lassen. Doch 10 Jahren später, genau 10 Jahre nachdem die Türme gefallen waren, das schworen wir uns bei unserem letzten Treffen, würden wir uns genau dort auf dem Dach wiedersehen und uns die Biographien vorlesen. Danach, so beschlossen wir, würden sich unsere Wege für weitere 10 Jahre trennen.

als die türme fielen