Söldens Büro befand sich im Prenzlauer Berg. „Da wo es früher mal hip war. Haha!“, sagte er und erwies sich auch sonst als sehr unkompliziert. Ich solle dann halt mal nächste Woche vorbeikommen „in der Musikindustrie gibt es immer was zu tun“, meinte er und fügte hinzu „wenn sie bis dahin noch existiert“. Eine dahinsiechende Branche, genau mein Ding, dachte ich und überlegte, welchen Dreck der Typ wohl am Stecken hatte. Das würde ein wenig Zeit in Anspruch nehmen. Dembowski undercover, die Vorstellung klang sogar für mich verlockend. Auch die Aussicht auf glamouröse Empfänge, Backstage und all das.

Bis dahin, bis zur nächsten Woche also, würde ich mir ein wenig Fachjargon draufschaffen müssen und vielleicht vorher bereits rausfinden, wer dieser Sölden überhaupt war. Im Netz, das fand ich durchaus ungewöhnlich, fand man ein paar Musikwoche-Einträge, die einen schlacksigen Enddreißiger mit Bart, Schlangenlederschuhen und Pelzmantel zeigten. Was mich nur in meiner Meinung bestärkte, dass dieser Auftrag mir gut tun würde.

Ich ging meine Mails durch. Ein allwissender Hamburger empörte sich über die böse Kirche, die den letzten Wunsch eines Verstorbenen nicht erfüllen wollte. Das hatte ich bereits im Netz gesehen. Er bat mich, „doch was zu tun.“ Ich antwortete: „Sein letzter Wunsch war sicher nicht die Störung der Totenruhe“. Für mich war das Thema damit erledigt. Reiser würde ohnehin aufspringen, und das Bild des kleinen Kindes verbreiten. Ich hätte kotzen können. Immer noch trafen ein paar Anfragen ein, wie ich denn auf die Idee käme, dass Löw Schmelzer ausgebootet hätte und ob das jetzt auch für Kroos, Schweinsteiger, Özil, Badstuber, Boateng gälte. Man macht sich die Welt, wie sie einem gefällt. „Das alles“, schrieb ich „hat mit Schmelzer nix zu tun.“

Den Rest des Tages verbrachte ich mit alten Del Shannon-Aufnahmen. Am Fenster gelehnt, dachte ich drüber nach, was aus meiner Leidenschaft für Borussia geworden war. Hatte ich in den vergangenen Jahren beinahe jedes Heimspiel gesehen, war auswärts gefahren, so war ich in diesem Jahr bislang erst für zwei Spiele unten im Westfalenstadion gewesen. Und ich hatte wenig gefühlt. Die wilden Meisterschaftsjahre zehrten immer noch an mir. Aus dem Klub der einsamen Herzen war ich ausgetreten, mein Leben hatte sich in eine andere Richtung verschoben. Und jetzt noch die Undercover-Sache. Und überhaupt. Fußball in der Kneipe. Das war es doch. Es erstaunte mich, wie schnell sich das Blatt wenden konnte. Hatten mir vor ein paar Jahren Niederlagen noch das Wochenende verdorben, hatte ich mich mit den Erfolgen der Borussia wie ein Blutegel vollgesogen, daraus neue Kraft gewonnen, so war irgendwann etwas zerbrochen, vielleicht war ich auch nur geplatzt, dachte ich am Fenster lehnend. Vielleicht war das so. Vielleicht kam die Liebe für den Verein in Wellen, vielleicht aber hatten mich die Begleitumstände auch einfach kalt werden lassen.

Lange schon ging es nicht mehr nur um das Spiel, nicht einmal mehr um die „Scheiß-Millionäre“ da unten auf dem Platz. Ihr Gehalt war längst akzeptiert, es war „nun einmal so“, wie mir einer einst gesagt hatte. Längst war das Spiel entglitten. Sicheres Stadionerlebnis hier, Zelte dort, Fanboykott hier, Ignoranz dort. Das schöne Spiel war seit langer langer Zeit ein schnödes Geschäft mit den Emotionen geworden. Dickes Geld wurde hin und her geschoben, und das Grab wurde immer tiefer, immer unwirklicher ausgehoben. Irgendwann, dachte ich am Fenster stehend, über den Verkehr der Wollank blickend, ist das alles vorbei. Irgendwann, dachte ich, wird man nicht mehr von englischen Verhältnissen warnen (die Fans!) und nicht mehr die italienischen Verhältnisse als warnendes Beispiel (der Verband!) bemühen, man würde ernüchterte von deutschen Verhältnissen sprechen, und die vielen vertanen Chancen sehen. Aber what goes up must come down. Da war ich wieder bei der Musik. Aber das würde mich auch nicht packen. Nichts würde mich mehr so packen, wie diese Welle der letzten beiden Jahre. Als Borussia Dortmund dem Sport das letzte Mal die Unschuld zurückgab. Immerhin war es Borussia Dortmund.

als borussia dortmund dem fußball das letzte mal die unschuld zurückgab