Das Hämmern! Das stete Pochen im Kopf! Ich werde es nicht mehr los. Nicht heute. Nicht nach einem Tag wie Donnerstag, dem 15.12.2011. Dabei wollte ich doch nur kurz vor die Tür. Niemand hatte mir bislang erzählt, wer diese Beate Schraudershaus ist, die sich in die Wohnung neben mir eingemietet hat. Klar, ich hatte auch nicht gefragt. Nachbarn. Interessieren mich nicht. Solange sie nicht wentraudlike einen Kiosk betreiben. Doch das konnte ich mir hier ohnehin abschminken. Es gibt einfach keinen Kiosk, der heißt dann Späti und ist einfach nicht mein Ding. Verdammt miese Auswahl an Erfrischungsgetränken, aber immer mit dem Lieblingsgetränke der Piraten. Denkt denn niemand an die Trinker?

Doch es ist nicht alles Späti und an diesem Mittag traf ich die Schraudershaus im Flur. Sie, top angezogen, im prächtigen Ostlook – was sie im Wedding macht, ist ein weiteres Rätsel – mit den üblichen Zeichnungen am Steißbein, die durch die Winterjacke hervorstechen, mit der Bräune der Sonneneckquartiere. Ich, okay angezogen, mit meinem Müll in der Hand, ner Kippe hinter den Ohren. „Herr Ermittler! Man hört ja einiges“ „Aha! Angenehm, Dembowski!“ „Weeß ick doch. Is doch Hausgespräch“ „Aha“ „Wat man sich so erzählt. Man hört ja einijes. Sindse neu, wat?“ „Kann die Musik auch leiser drehen!“ Ich war in den letzten Tagen im Sport-Fieber, keine Frage. Aber wirklich so laut? Mein Gehirnerschütterung, Gehirnerschütterung? Oder was wollte sie? Und wer war sie? „Wer sind sie?“ „Schraudershaus Beate. Und ick will se einladen. Adventstrinken. Ma raus. Ma unter Leute!“

Beim Wort Trinken, das muss ich zugeben, vergesse ich mich häufig und das Wort Trinken ließ mich gestern auch wieder vergessen. Was schert mich der Hopp, wenn mich jemand zum Adventstrinken einlädt. Und vielleicht konnte sie mir über Komaroff Auskunft geben? Und so schlecht sah sie jetzt nicht aus. Also früher. Vor den Zeichnungen, vor der Alterung, vor der Braunwerdung. Aber was war das für ein Trinken? Noch bevor ich fragen konnte, antwortete sie mir. „Dat sieht ja nach Intereresse aus. Wunderbar, der Ermittler! Bin von der Bahn. Presse. Fällt kein Schnee, kommt kein Eis, trinken wir halt. Geht raus. Nach Bernau.“ War ich überhaupt schon einmal außerhalb der Stadt? Und Presse. Da konnte ich mitreden. Sachen in den Müll, Kippe an, den Schraudershaus-Zeichnungen hinterher. Auf dem Weg erklärte sie mir die Mitarbeiterstruktur ihrer Abteilung. Wer mit wem und wieso dann doch nicht und wer jetzt auf dem Adventstrinken mit wem könnte. Mir fiel Dörte ein. Hatte ich danach überhaupt jemals wieder Sex gehabt? Ich wußte es nicht. Und nahm sie mich jetzt mit, um ihr Wermitwemspiel einfach um eine weitere Position zu ergänzen? Bernau würde es zeigen.

Vorerst beschränkte ich mich auf die Ausführungen der Schraudershaus. Sie war besorgt. Sie höre ja eher so Zombie und diese starke Frau, die sich dereinst für den NME auszog. Ob mir das passe? Mir war es egal. Solange es beim Adventstrinken blieb, war es mir egal. Musik? Überschätzt. Versuchte ich ihr zu erklären. Sie nahm es mir ab. Und mir wurde ganz anders. Gossip! Zombie! Sonnenbank! Der Dreiklang der Hölle! Aber für nen ordentlichen Abschuss? Ich konnte ohnehin nicht mehr raus. War jetzt drin. In irgendeiner S-Bahn in Richtung Bernau. Wir kippten uns schon einmal ein paar Schnäpse hinter die Binde. Standen jetzt irgendwo zwischen Bornholmer und Pankow. Seit bestimmt schon 30 Minuten. Aber die Presseabteilung beschwichtigte zwischen zwei Schnäpsen und Händen an meiner Brust. „Jar keen Problem. Dit passiert manchmal“ Wenn die das sagt. Noch ein Schnaps. Und Zombie gröllen. „With your guns and your guns and your guns ZOOOOOOMBIEEEIIIIHIIIHIIIIHIIIIH!“ Einfach mitsingen, nicht drüber nachdenken. Weiter, immer weiter.

Schraudershaus, direkt auf meine Schulter. Flüsternd. „Anrufe in Abwesenheit! Siehste hier: Tagesspiegel. Morgenpost. RBB. Wat die nur wieder wollen? Nochn Schnaps, Dembo?“ Schnell war sie beim Kosenamen angekommen. Und schnell war ich blau. Irgendwo zwischen Bornholmer und Pankow. Da musste wat passiert sein. Zum Glück hatten wir Pfeffi in rauhen Mengen. „New York City just wants to see you naked!“, raunte ich der Schraudershaus zu und trank weiter. 

adventstrinken in der s-bahn

3 Gedanken zu „adventstrinken in der s-bahn

  • Dezember 17, 2011 um 7:40 am
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    Niemand hasst Dich, wieso auch.

  • Dezember 16, 2011 um 7:04 pm
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    ach anonymer hass, wo bist du nur hingekommen?

  • Dezember 16, 2011 um 5:23 pm
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    Aber Dembo, Du wirst doch wohl keine Angst vor Frauen haben?

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