Die Rückkehr der Gänse läutete nicht nur den Frühling ein, sie ging auch einher mit der Rückkehr des Nebels. Hatte ich in den letzten Wochen noch das Verschwinden der Wut gefeiert, so musste ich mich seit ein paar Tagen wieder mit dem Nebel arrangieren. Er war kein guter Partner. Er bewegte sich im Kopf, an manchen Tagen nahm er ihn vollständig ein. Dann war ich handlungsunfähig. Dann hatte ich keine Chance. Konnte ich mich ein paar Stunden mit dem Nebel arrangieren, so machten mich die Einschränkung tagelanger Hochnebelfelder einigermaßen verrückt.
Ich saß dann in der Küche, trank Kaffee, rauchte eine Schachtel Ernte. Nach einer halben Schachtel Ernte wurde aus dem Kaffee irgendwas mit Alkohol. Da war ich wenig wählerisch. Hauptsache der Nebel verzog sich. Als ich den Nebel noch bekämpfte, hatte ich gelesen, dass Alkohol die Lösung des Problems sei. Zumindest für die kürzeste Zeit. Da ich die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, war die kürzeste Zeit genug. So hatte ich die letzten Tage in der Küche verbracht, auf meine Unterlagen geblickt, die To-Do-Listen nicht abhaken können, sondern sie einfach anwachsen sehen. Mit jedem Tag brach die Welt ein Stück weiter zusammen und die Listen wurden länger. Ich war gelähmt, hatte keinen Plan, wie ich weiter ermitteln sollte. Ich war gelähmt und die Aufgaben wuchsen.
Nur DerSamtag! hielt mich noch auf den Beinen. Meine Kommentare waren nicht unbedingt schlechter geworden, die Auflage hatte mittlerweile ordentlich zugelegt und Redermann schien das Ruder da fest in der Hand zu haben. Aber nur DerSamstag! würde mich nicht retten. Was immer diesen neuen Hochnebel ausgelöst hatte, ich würde es bekämpfen müssen. Doch ohne Auslöser kein Kampf. Während ich in der Küche saß, erst Kaffee bald Alkohol trank und mir die Kippen an den Kippen anzündete, dachte ich an den vergangenen Frühling. Damals war es genauso gewesen. Es gab nichts, was ich mehr hasste. Die ersten Lichtstrahlen. Eine Befreiung? Mitnichten. Ich hasste die Sonne. Das sogenannte Frühlingserwachen. Die freien Rücken, die Röcke.
„Alter, jetzt komm mal mit!“, mein alter Kumpel Patschinski war in der Stadt. Ich hatte ihn lange nicht mehr gesehen. Ihn hatte es irgendwann in die Berge gezogen. Jetzt war er wieder da. Beim letzten Mal war ich noch in Dortmund, beim letzten Mal hatten die Bayern ordentlich auf die Nase bekommen. Wir waren irgendwo auf der Lindemann, schauten das Spiel, dass uns die Meisterschaft brachte und tanzten später auf der Möllerbrücke. Dann zerschlug es mich. Dann zerschlug es uns. Nie wieder treffen. Jetzt war er wieder da. Und er hatte sich nicht verändert. Raus und drauf.
„Dembowski, ich habe da eine Kneipe ausgemacht. Bei Dir ums Eck. Oldie-Eck, kennste den Laden? Da könnten….“
„Ach, hör auf, Patsche. Dann gehen wir da eben hin. Ändert jetzt auch nichts mehr.“
Wir hatten uns ein wenig, was zu erzählen. Er war erstaunt, mich wieder im Kiez anzutreffen. Er hatte in den Bergen seine Freiheit gefunden. Doch die Freiheit hatte ihm im Griff. Er sagte, dass er sich nach den Menschen der Großstadt sehne und im nächsten Satz erzählte er von der einsamen Almhütte. „Das ist mein Traum. Mehr brauche ich nicht zum Leben. Das Wasser der Bergbäche, die Milch der Almbauern, das Fleisch der Almkühe, die Kräuter der Berge.“
„Patsche. Dein Pathos geht gar nicht. Einmal Alm, ohne Menschen bitte. Aber auch Menschen. Die in der Stadt“, ich drehte mich in Richtung Bar und bestellt noch eine Runde Pfeffi. Neuerdings hatten sie hier nicht nur Pfeffi entdeckt, sondern auch die sogenannte junge Musik. Kraftklub brüllten „ich will nicht nach Berlin“ und doch saßen wir hier. Am Rand der Stadt. Am Abgrund. Der Nebel zersetzte sich langsam im Alkohol. Für einen Moment sah ich klar.
„Wir suchen ein Leben lang und finden doch keine Lösung. Wir wachsen in Kleinstädten auf, verlassen die Stadt, verlassen die neue Stadt und gehen aufs Land. Und wollen doch zurück. In die Stadt. Die alte Stadt, die neue Stadt. Es ist uns egal. Und wenn wir wieder zurück sind, fehlt uns das Land. Wir blicken auf die Dagebliebenen und zeigen mit dem Finger auf sie. Sie werden nie etwas sehen, sagen wir in der Großstadt sitzend. Und träumen doch von ihrem Leben. Oder wir träumen vom Land. Wir haben noch nie ’sowas von da‘ gesagt. Wir halten uns an hochbezahlten Millionären fest und geben unser Schicksal in ihre Hand. Wir wollen Ruhe, wenn sich um uns herum die Welt bewegt und wir wollen Bewegung, wenn wir auf der Almhütte sitzend ins Tal schauen. Wir werden nie ankommen, Patsche. Wir sitzen in Oldie-Ecken und wissen um die Zerstörungskraft dieser Läden und doch werden wir für einen kurzen Moment abgelenkt. Für einen kurzen Moment sehen wir die Wahrheit. Sie ist rein und unschuldig. Wir werden sie in unserem Leben nicht erlangen“
„Dembowski, halts Maul!“
„Wieso. Stimmt doch alles“
„Und wenn schon. Du redest von Pathos. Und triefst aus allen Öffnungen. Du musst vielleicht mal raus aus der Stadt.“
„Hat der Nobster auch gesagt.“
„Wer?“
„Der Nobster. Konstrukteur aus England.“
„Wo bist Du da nur reingeraten? Konstrukteur?“
Ich erzählte vom Unterwasseraquarim, ich erzählte von den Konstrukteuren, ich erläuterte das Leitmotiv, ich erzählte vom Samstag, von meiner Suche nach Dörte, von Komaroff, vom Finger-Fall. Von der Unfähigkeit. Von meiner Selbstzerstörung. Update V. 20.12. Ein Jahr im Leben des Ermittlers. Nicht einmal davon hatte ich ihm erzählt. Er schüttelte den Kopf. Ein bißchen Melancholie, ein bißchen Traurigkeit. Denn glückliche Menschen sind nicht interessant, fassten Kraftklub meine Worte zusammen. Patsche schüttelte den Kopf. „Du bist am Arsch, Dembowski. Mach mal nen Realitätscheck! Du sitzt im Oldie-Eck, Du erzählst von den Konstrukteuren, der Welteroberung und Deinem entscheidenden Anteil an der Meisterschaft. Komm mal klar!“ und zur Thekenkraft gewandt „mach dem Dembowski mal nen Gedeck!“ Sie schob mir das Gedeck hin, ich rückte meinen Schlips zurecht. Mein letztes Stück Würde. Ich wollte es mir nicht nehmen lassen. Langsam fiel mein Kopf auf die Theke.
Als ich wieder zu mir kam, war Patsche mit einer Alten zugange. Sie hatte ihre besten Zeiten schon lange hinter sich. Wenn sie die jemals gehabt hatte. Ich überhörte die Worte „rasiert“ und „richtig durchnehmen.“ Irgendwas war passiert. Und es war noch lange nicht Spieltag. Ich hasste den Frühlingsbeginn und ich hasste Sonntagsspiele. Vor der Tür brach der Tag an. Wahrscheinlich würde ich Patsche länger nicht mehr sehen. Ich wusste nur nicht, wer sich mehr aufgegeben hatte. Manchmal wünschte ich mir, dass das mit dem Leben nie passiert wäre. War es aber doch. Und wenn ich es mir genauer überlegt, war immerhin immer Borussia da.
ach, patsche!