Länderspielpause. Zeit, endlich einmal Luft zu holen. Herr Dembowski, wie schätzen Sie die Lage der Liga ein?

Hello! It’s good to be back. Waren Sie die Tage einmal vor der Tür? Haben Sie die Krokusse gesehen, die ersten Knospen an den Bäumen beobachtet, die Rückkehr der Kraniche verfolgt? Dann haben Sie alles richtig gemacht. Das kann man von der Liga traditionell nicht sagen. Da ist viel Aufregung drin, obwohl nichts passieren wird. Wo fangen wir an?

 

An der Spitze?

Das muss doch nicht sein. Die Bayern sind durch, waren immer durch und werden immer durch sein. Jedem musste klar sein, dass in dieser Saison, trotz abweichender Meinung einiger Experten, kaum ein anderer Meister möglich war. Der BVB verlor seine Schlüsselspieler, Gladbach und Schalke kann man nicht ernstnehmen. Blieb nur Leverkusen, dieses one trick pony. Die stecken jetzt trotz der besten Jugendspieler der Welt – oh boy, Julian Brandt is soooooo composed, oh my god! And Havertz is the new Özil – im Relegationsplatzkampf fest. Dort, das will ich nicht bezweifeln, machen sie täglich wichtige Schritte in eine neue Richtung. Bleibt also nur Bayern, deren Idee es immer war, in der Rückrunde erfolgreichen Fußball zu spielen. Das machen sie nun. Verrückt.

 

Sie vergessen Leipzig!

Nein. Das Kunstprodukt ist ein wenig auf der Euphoriewelle gesurft, die sie bereits im zweiten Saisonspiel gegen die Dortmunder erwischt haben. Jetzt ordnen die sich eben ein wenig tiefer ein. Die Propagandamaschine stottert auch. Der DFB hat es mit seinen Strafen überzogen, sich mit seiner Tribünensperre auf dünnes Eis begeben. Eigentlich müssten sie nun Woche für Woche nachlegen. Aber der Wind hat sich gedreht. Klar, die Kollegen von Sport1 sorgen sich weiter, kritisieren sämtliche Meinungsäußerungen gegen die Leipziger scharf. Der Fußball bleibt da weiter ein Testfeld für andere Gesellschaftsfelder, in denen unliebsame Meinungsäußerungen bislang noch nicht verboten wurden. Man wird sehen müssen, wie sich das alles entwickelt. Letztendlich aber bleiben nicht nur sportliche Zweifel an der Zulassung zur Champions League. Die UEFA wird sich, anders als der DFB, nicht so leicht düpieren lassen. Da geht es um die zukünftige Ausrichtung des Spiels. Öffnet man einer Franchise die Tür? Die Kollegen von Wanda & Co schauen sich das interessiert an. Bleibt spannend.

 

Julian Nagelsmann schreibt weiter Geschichte. Er wurde zum Trainer des Jahres gewählt.

Ja. Und Bayer Leverkusen hält ein öffentliches Training ab. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr mich das alles nervt. Auch für Sie: Bundesliga is not the best league in the world. Merken Sie sich das. Es ist eine weitere Liga, eine, die eine sich ständig wiederholende Geschichte erzählt. Bayern wird Meister, Dortmund kommt in die Champions League, Traditionsvereine straucheln, die Emporkömmlinge nerven die Fans, der Rest verhöhnt die, die genervt sind und feiert sie später in Imagevideos als die besten Fans der Welt. Trainer werden gefeuert, sie heuern woanders an. Und der Klassenjüngste ist immer der beste neue Trainer der Welt. Natürlich only in Bundesliga.

 

Keine Ahnung, was Sie damit sagen wollen, Dietfried. Kommen wir endlich zum Ballspielverein. Was macht Tuchel im Sommer?

Tuchel wurde viel kritisiert, Tuchel wurde abgeschrieben, Tuchel wurde in die Premier League geschrieben und von Barcelona verpflichtet. It’s a fact: Er ist weiterhin beim BVB, und wird im Anschluß an die Spielzeit einen neuen Vertrag unterzeichnen. Es bleibt eine win/win-Situation. Der Verein profitiert von Tuchel, der eben auch lernt. Er hat sich in den letzten Monaten geöffnet. Sein Humor bleibt kurios, sehr nerdig. Stimmen im Dortmunder Umfeld misstrauen ihm weiter. Er wolle sich nur einen sauberen Abgang verschaffen, heißt es da, aber das ist natürlich Quatsch. Der BVB steht vor einer goldenen Zukunft. Mit Toprak haben sie bereits eine Schwachstelle in der Abwehr geschlossen. Und die jungen Spieler bleiben noch ein wenig. Wer verlässt gerne eine Champions League-Finalisten?

 

Finalisten?

Warten Sie das doch einfach ab. Niemand wird den Ballspielverein stoppen können. Nicht Monaco, und auch nicht Real Madrid, gegen die sie traditionell gut aussehen. Erzählen sie mir nichts, diese Mannschaft ist titelreif, sie ist in den großen Spielen da und in der Liga läuft man auch ein. Alles gut. Im Sommer wird der große Umbruch ausbleiben. Ich sage bereits jetzt: Der BVB steht vor einer goldenen Zukunft, die auch die Vergangenheit unter Klopp überstrahlen wird. Der BVB wird in den nächsten fünf bis sechs Jahren mindestens sieben Titel gewinnen.

 

In der Liga kann man bereits in dieser Saison abstürzen! Dann ist der Traum aus.

Wissen Sie, was mir auch auf den Sack geht? Unsere Erzählungen, sind entweder rückblickend erklärend oder düstere Visionen von Dingen, die nie eintreffen werden. Wir schämen uns, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Wir lieben das Drama, und den Erfolg überzeichnen wir, lassen ihn zu einem Comic voller schlechter Sprechblasen verkommen.

 

Aha. Ne Meinung zu Union Berlin?

Der beste Ostklub aller Zeiten. Mit Jens Keller der perfekte Coach. Er bringt ihnen die Leichtigkeit, impft ihnen ein neues Selbstverständnis ein. Aber wissen Sie…

 

Was denn jetzt schon wieder?

Der Niedergang der Eisernen ist bereits vorgezeichnet. Aufstieg in die erste Liga, sportlicher Misserfolg nach anfänglichen Siegen. Der Verein wird keine Ruhe bekommen. Die Fans werden nicht mehr die lustigen Fans aus der Alten Försterei sein, sie werden als Störenfriede wahrgenommen werden und am Ende steht der Abstieg und der sportliche Zerfall des Vereins. Wo soll der Weg hinführen? Das Märchen wird mit der Aufstiegsfeier enden. Bevor Sie mir hier ins Wort fallen. Das ist keine düstere Zukunftsvision, das ist eine Erkenntnis aus der Analyse sämtlicher Aufsteiger der letzten Jahre.

 

Wieso eigentlich so negativ?

Bin ich nicht. Ich bin realistisch. Das aber darf man nicht mehr sein.

 

Okay. Ich verstehe Sie wirklich nicht mehr.

Müssen Sie auch nicht. Nehmen Sie das Beispiel Podolski. In den letzten Jahren als Maskottchen verspottet, müssen wir nun lernen, dass er schon immer der witzigste, der beste und allertollste Nationalspieler aller Zeiten war. Gibt es kein Mittelmaß mehr? Wir ehren die Menschen erst, wenn sie sterben und wir wertschätzen die Spieler erst, wenn sie ihre Karriere beenden. Nicht mit mir.

 

Hat Sie denn überhaupt etwas erfreut in den letzten Monaten?

Nein. Okay. Doch. Hotte und Breiti machen gemeinsame Sache in Hannover. Ohne Tönnies. Dafür mit Kind. Das verspricht Unterhaltung, wenn auch nur auf Zweitliganiveau, auf dem sie sich aber eben auch bewegen.

 

Was machen die Blauen?

Sich auf das Derby vorbereiten, von der Champions League und einem Endspurt in der Liga träumen. Was man eben so macht, wenn man ein paar Spiele in Folge nicht verliert.

Themenwechsel: Wird die Zukunft der Liga in Peking verteidigt?

Klar. Dort ist das Geld. Dort müssen wir sein. Dort wollen wir sein. Dort gibt es Fans, Fans, Fans mit Geld, Geld, Geld. Die Bundesliga ist in China die beste Liga der Welt. Auch weil man immer wieder rüberfährt, und sich um die Menschen dort kümmert. Die Bundesliga tauscht Wissen gegen digitales Fanaufkommen. Das lässt sich prima vermarkten. Der nationale Markt ist erschöpft und in den letzten paar Jahren der nationalen Ligen…

 

Die letzten paar Jahre?

Machen wir uns nichts vor. Die Zukunft des Fußballs liegt in der Verdichtung der Wettbewerbe. Wie soll ein Fan in Kentucky oder Guangzhou den Überblick über bis zu sieben Ligen und über hundert Vereine behalten? Die nehmen einen Wettbewerb. Der ist vergleichbar. Der wird sich dann in Zukunft kontinentalverbandsübergreifend auch in die Belange der Amerikaner, der Chinese einmischen. Die Klub-WM mag keine Zukunft haben, der Vereinsvergleich auf Weltebene bleibt erstrebenswert. Nur eine geschlossene Liga wird einen echten und fairen Wettkampf ermöglichen. Wir werden das in einer virtuellen Realität anschauen, und die Bundesliga als unsere nationale Liga behalten. International aber wird diese Mitte der 2020er-Jahre keine Rolle mehr spielen. Das wird auch eine Befreiung sein. Wir müssen dann nur akzeptieren, dass der eigene Verein, so er nicht Bayern, Dortmund, Leipzig heißt, niemals mehr von internationaler Bedeutung sein wird. Das aber dürfte kein Problem sein.

 

Danke für das Gespräch.

Kein Ding. Gerne wieder.

 

was macht die bundesliga, dembowski?

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