Herr Dembowski, so schnell trifft man sich wieder.

Schrecklich. Einfach nur schrecklich.

So schlimm?

Ja.

Was machen Sie jetzt?

Ich warte auf den Jumbo-Jet. Ich habe Angst. Der Lärm wird mich wieder erdrücken. Wird mich auf dem Boden kauern lassen. Wird mich auffressen. Wissen Sie, warum mich der Fluglärm so verrückt macht?

Nein. Erzählen Sie. Heulen Sie sich aus.

Der Moment der Stille nach dem es vorbei ist. Der macht mich verrückt. Er lässt mich zittern.

Sie zittern? Weil alles still ist?

Weil es danach wieder losgeht. Weil es nie endet. Weil die Bedrohung immer da ist. Ich steiger mich dann in die größten Unglückszenarien rein. Dieser kurze Moment der Ruhe, wenn die Gedanken wieder funktionieren. Und ich denke nur daran, was sein wird, wenn eine dieser Maschinen über mir auf einmal brennt und was sein wird, wenn sie mir auf den Kopf fällt. Wo werde ich Schutz suchen, wo werde ich die letzten Momente verbringe, bevor ich entweder verbrenne oder erschlagen werde.

Herr Dembowski! Das klingt ja grausam. Sie brauchen Hilfe. Noch nie ist ein Flugzeug im Anflug auf Tegel abgestürzt.

Noch nie. Klingt beruhigend. Ich denke an die Zukunft. Und vor der graut es mir.

Das zumindest, denn wir müssen die Kurve kriegen, dürften sie mit den Fans von Werder Bremen gemeinsam haben. Ihr Verein steht mal wieder ohne Cheftrainer da, setzt daher erneut auf einen dauerhaft kurzfristigen Impuls aus den eigenen Reihen.

Das stimmt. Bremen-Fan und Anwohner in der Einflugschneise. Das würde man doch kaum aushalten. Die Bremer tun mir leid. Sie sind jetzt einfach runtergefallen. Habe ich schon oft von erzählt. Der Verein hat keine Zukunft, und dieser Kampf gegen den endgültigen Untergang, mit wechselndem Personal und gleichbleibenden Resultaten, bedrückt mich. Da will man sich also neuen Märkten öffnen, verpflichtet einen chinesischen Spieler, kokettiert mit dem Iran. Und es ist so egal, denn es interessiert nicht. Das sind Akte der Verzweiflung. So nerdig sind die Fans in den umkämpften Märkten des Fußballsports nun auch nicht. Traurig. Aber von Bremen werden wir uns verabschieden müssen. Und der Moment der Verabschiedung wird ein bitterer Moment sein. Wir werden sie verspotten. Dabei sind sie nur ein Opfer unserer Zeit.

Sie machen es sich sehr einfach. Mit mehr Kontinuität, mit einer Rückbesinnung auf die Bremer Werte wäre das alles nicht gekommen.

Wenn Sie das sagen. Der Kader ist mittelmäßig, das stimmt. Sicher auch im Mittelmaß eher abfallend. Aber wenn der Umsatz sich kaum noch steigern lassen, gerade im Verhältnis zu anderen Ligen, und wenn auch national immer neue Gräben aufgerissen werden, dann brauchst Du Glück, dann musst Du wie ja zum Beispiel die Schalker von Deinen Transfererlösen leben. Aber auch die musst Du steigern, denn die Gehälter steigen, die Spieler wollen immer mehr, und können in immer mehr Vereinen mehr verdienen. Kannst Du das nicht leisten, fällst Du irgendwann runter. Das sehen wir in Bremen. Ich habe sie immer gemocht. Und ich möchte das gar nicht mehr anschauen.

Ein gutes Stichwort. Kaum noch jemand schaut sich den FSV Mainz 05 an. Im Schnitt sahen nur 27.385 Zuschauer die bisherigen sechs Heimspiele in der Opel-Arena. Nicht einmal was das Stadion mit 34.000 Zuschauern ausverkauft. Was passiert in Mainz?

Woher soll ich das wissen? Bemerkenswert bleibt: In Sinsheim haben sie den Zuschauerschnitt bisher auf 29.142 steigern können. Das Stadion an der Autobahn war bereits 4x ausverkauft. Nur die Bayern haben eine bessere Bilanz. Passt prima ins Bild einer sich stets wandelnden Fußballlandschaft. Hoffenheim ist im 10.Jahr endgültig in der Liga angekommen. Sie haben eine mit Jugendspieler gespickte Mannschaft, eine okaye Fanbasis und als Pull-Faktor natürlich auch den 30-jähirgen Nagelsmann, dem man auch einmal einen Flaschenwurf verzeihen kann. Wer war noch einmal in Mainz Trainer?

Sandro Schwarz. Der sorgte doch erst in dieser Woche für Schlagzeilen als er für bessere, kritischere und interessiertere Fragen auf Pressekonferenzen eintrat.

Ah. Klar. Toller Vorschlag. Das freut wieder alle. Geht aber komplett an der Realität vorbei. Man fragt sich, ob Schwarz schon einmal auf einer Pressekonferenz war?

Er ist Trainer. Das wird so sein.

Aber erst seit dieser Saison.

Das Alter, Herr Dembowski, spielt keine Rolle. Die Erfahrung auch nicht. Was bilden Sie sich eigentlich ein, Herr Dembowski?

Nichts. Ich könnte mir nur nicht vorstellen, was man groß aus einer Pressekonferenz ziehen sollte. Gerade in Mainz. Da geht es darum, wer spielt und wie man spielt, und warum man wie spielt und ob man damit auf den Gegner reagiert. Das kann man fragen, das wird sicher auch gefragt. Und sonst? Wer soll diese tiefsinnigen Antworten zum Fußball denn lesen? Wen interessiert das? Den Leser einer Tageszeitung wohl kaum. Der will mitreden, sich über seinen Verein informieren. Aber sein Verein ist im Zweifel eben nicht sein Lebensmittelpunkt, und Fußball ist ihm auch nicht so wichtig, wie das Spiel sich immer nimmt. Und wenn Fußball ihm so wichtig ist, dann wartet er auf den neuen Tittmar, auf den neuen Escher oder was auch immer. Nie war es einfacher, sich über Fußball zu informieren, etwas über das Spiel zu lernen, und zu erfahren, wieso genau welche Formation, welches System gespielt wird und wann und wieso ein Trainer in einem Spiel variiert oder nicht. Die Antworten darauf wird man jedoch nicht auf Pressekonferenzen bekommen.

Was also wollte Herr Schwarz damit bewirken?

Ich habe keine Ahnung. Es ist naheliegend, dass er sich ins Gespräch bringen wollte. Tedesco, Nagelsman sind der Geschmack der Saison, Baum liefert in Augsburg grundsolide Arbeit ab und für Schwarz interessiert sich niemand. Vielleicht wollte er auf sich aufmerksam machen. Das ist doch okay. Das ist aber auch nicht mehr und es nicht meins.

Ist der BVB wieder Ihrer, Herr Dembowski?

Nein. Der BVB stürzt in eine der größten Krisen der Vereinsgeschichte und fühlt sich noch überlegen dabei. Plan A, Plan B, Plan C. Who cares. Es geht nicht um Pläne, sondern darum, guten Fußball zu spielen. Das ist am Anfang der Saison sogar noch gelungen, doch irgendwas ist zerbrochen und die Verantwortlichen wollen sich das nicht eingestehen. Die spielen jetzt noch die Nummer gegen Bayern und dann, so vermute ich, war es das für diese Saison.

Vor einigen Jahren unter Klopp stand der BVB kurz vor dem Abstieg.

So schlimm war es nicht, aber die Lage war doch jedem bewusst. Dem BVB ging es nicht gut, und da hat mich zusammengerissen. Jetzt erinnert das alles viel mehr an die Jahre zwischen 1997 und 2002. Das eigene Handeln wird kaum noch hinterfragt, dazu werden falsche Personalentscheidungen getroffen, und langsam, ganz langsam vergeht der sportliche Glanz. In Europa spielt der BVB bald keine Rolle mehr. Da reden wir dann von Leipzig und Bayern, in ein paar Jahren von Hertha.

Schöne neue Welt.

Indeed. Brave new world. Wer sich anpasst, der verschwindet. Anders als Bremen hätte der BVB Möglichkeiten, aber er hat sich verkalkuliert.

Ist denn ein Sieg für den BVB heute Pflicht?

Ein Sieg ändert nichts. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Es wird die Auferstehung vor dem endgültigen Untergang.

Klingt gefährlich.

Wie die Flugzeuge über mir. Entschuldigen Sie.


Eine Frage noch. War Markus am Samstag wirklich bei Schill?

Ja. Und wir haben ein gutes Gespräch geführt. Alles auf Arp, Wood über Bord, und dann am Ende schauen, dass man besser als Bremen ist. Das wird klappen.

Noch eine Frage.

Okay.

Wo ist Justin Hagenberg-Scholz?

Er bereitet sich vor. Es kommen dunkle Zeiten auf uns zu, JHS wird sie überstehen.

Ist er ein Prepper?

Das haben Sie gefragt.

Herr Dembowski, herzlichen Dank für das Gespräch.

Form a circle before we all go under.

was bilden sie sich eigentlich ein, herr dembowski?