Von DJMDB

Fußball, was hat dich bloß so ruiniert? Wieso werden kreative Proteste mit Tennisbällen, die dem Grundinteresse aller Fußballfans dienen, plötzlich als „selbstdarstellerische“ Aktion tituliert? Wieso entsteht eine riesige Geschichte daraus, dass ein verletzter Fußballprofi mit Pelzmantel auf der Tribüne sitzt? Wieso zur Hölle sollte man einen Spieler des Gegners nicht mehr auspfeifen? Und gegen welches Menschenrecht verstößt Barcelonas Elfmeter?

Die gesellschaftliche Rezeption des Fußballs hat sich in den letzten Jahren stark verändert – und zwar gewaltig. Woran das liegt? Möglicherweise am sozioökonomischen Strukturwandel innerhalb der Fußballkonsumenten. Die Spiel- und Fankultur, die seit dem Ursprung des Fußballs im 19. Jahrhundert vor allem vom Proletariat geprägt und legitimiert wurde, scheint zunehmend verdrängt und de-legitimiert zu werden. Nick Hornby, die Premier League, Schröder im Westfalenstadion, Premiere, tm3, 11 Freunde, Merkel in Cottbus, Sky, die WM 2006, Poldi duscht mit Angie. Das Sommermärchen! Der Fußball hat den Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden. Und dort gibt es andere Werte- und Moralvorstellungen.

Sie brechen zweifelsohne mit dem historischen Ursprung: Das Spiel wurde vom Proletariat getragen. Für eine lange Zeit. Die Digitalisierung, die Internationalisierung, die ausufernde Individualisierung. Der Fußball gehört jetzt allen – keine schlechte Sache. Gleichsam damit verändert sich auch die Rezeption des Fußballs, sowohl was den Sport und die 90 Minuten auf dem Rasen betrifft, als auch die Fankultur auf den Tribünen.

Handlungsweisen, die im proletarischen und vermeintlich „schmutzigen“ Fußball vormals toleriert wurden, sind im „sauberen“ Mittelschicht-Sport verpönt und nicht mehr akzeptabel.

Betrachtet man die Vorkommnisse am letzten Wochenende, so wird dies mehr als deutlich. Beim Auswärtsspiel des FC Bayern München wurde Mittelfeldspieler Arjen Robben über 90 Minuten vom Augsburger Publikum ausgepfiffen. Der Grund dafür war ein Elfmeterpfiff für Robben beim DFB-Pokal-Spiel in Bochum am vergangenen Mittwoch, bei dem er für das Augsburger Publikum scheinbar mit zu viel Theatralik agierte. Und überhaupt seine Art. Kommt nicht überall an. Es ist nicht relevant, ob die Pfiffe des Publikums gerechtfertigt waren oder nicht, aber es ist für uns Zeittotschläger sehr wohl und unbedingt relevant, wie in den sozialen Medien die Reaktion auf das „asoziale“ Verhalten der Augsburger ausfiel. „Wie können diese Idioten nur einen einzelnen Spieler auspfeifen?“ Weil sie es können, weil es wichtig, weil das Fußball ist. Immer war. Und immer bleiben soll. Der Rest kann auch zum American Football gehen, und später mit Buschi diskutieren.

Wäre eine solche Reaktion in den 90er Jahren – natürlich gab es noch keinen Internetzugang für Jedermann – vorstellbar gewesen? Wohl kaum. Oliver Kahn musste in dieser Zeit in aller Regelmäßigkeit Bananen aus dem eigenen Strafraum räumen, ehe das Spiel überhaupt angepfiffen werden konnte, und Andi Möller war von jeher die „Heulsuse“. Gestoßen daran hat sich damals scheinbar niemand. Heutzutage ist das anders. Die neuen Fans möchten den Fußball sauber und rein. Platz für Verhalten am Rande der regeltechnischen Legalität wird genauso wie unmoralisches Verhalten auf den Tribünen geachtet. Was die Turbo-Kapitalisierung noch nicht geschafft hat, dafür sorgt nun die Gentrifizierung: Der Fußball löst sich endgültig von seiner historischen Basis und Kultur.

Lionel Messi und Luis Suarez erzielten am Sonntagabend einen Elfmetertreffer. Messi legte den Ball vom Elfmeterpunkt quer auf seinen Sturmpartner, der den Ball nur noch einschieben brauchte. Die moralische Verurteilung dieser Aktion erfolgte noch vor dem Abpfiff. Es sei eine nicht tolerierbare Demütigung eines bereits am Boden liegenden Gegners gewesen, so die Kritiker. 1982 schoss der Niederländer Johan Cruyff einen ähnlichen Elfmeter, und auch er kopierte nur den Belgier Coppens.

Es ist eine falsche Annahme des „neuen“ Fußballpublikums, dass der Fußball auf dem Rasen jemals ethisch einwandfrei gewesen sei. Der Sport war es zu keiner Zeit, aber jenes Klientel möchte genau diesen Saubermann-Sport sehen. Fußball wird zusehends zum „sauberen“ Avatar seines proletarischen Ursprungs. „Gras fressen“ sollen die Spieler, „kämpfen bis zum Umfallen“, aber bitte immer unter Berücksichtigung von Ethik und Moral!

In einer vom Kapital regierten Fußballwelt, in der mittlerweile alles auf Hochglanz poliert ist, bildeten die Fans lange ein Gegenpol. Dieser Gegenpol wird durch die angesprochene Gentrifizierung zusehend hochglanzpoliert. Im Fußball wurde schon immer gefrotzelt, es wurden gegnerische Spieler ausgepfiffen und verhöhnt und nicht jede Aktion auf dem Spielfeld musste durch die Genfer Menschenrechtskonvention gedeckt sein. Ich habe den Fußball wegen seines Schmutzes lieben gelernt, und nicht, weil der Besuch eines Fußballstadions dem eines Kinos gleicht, das mit Reihenhausbewohnern gefüllt ist, die sich Samstagmorgens im Bademantel in ihren Vorgärten schleppen, um ihre Gartenzwerge zu putzen.

Für eine Umkehr ist es wohl zu spät. Der Fußball wird seinen proletarischen Charakter verlieren und endgültig glattgebügelt werden. Die „Spießerisierung“ des Fußballs hat längst begonnen und wir sind mittendrin. Es ist eine Katastrophe!

gentrifizierung des fußballs schreitet voran

Ein Gedanke zu „gentrifizierung des fußballs schreitet voran

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