Eine neue, lose Serie über die alltäglichen Erregungen im Internet. Solide Einschätzungen aufregender Sachverhalte. 

 

TL; DR

Im Internet gibt es Ärger. Virtuelle Störer mischen ein Treffen in der Nähe des Dortmunder Westfalenstadions auf. Auf Twitter kommt es zu einem Showdown der Extraklasse. Gesamtwertung: 2/10.

 

Das Kult-Treffen

Im Umfeld des Dortmunder Westfalenstadions treffen sich am vergangenen Wochenende zahlreiche Menschen im Rahmen eines größeren Stammtisches. Dies geschieht zum vierten Mal. In den Vorjahren traf man sich in Köln, Hamburg und München. 2018 in Dortmund. Das Treffen holt einige Nutzer der Plattform Twitter aus einer Nische ab. Es signalisiert ihnen Verständnis. Es bietet ihn eine Heimat für ein Wochenende. Das Treffen hat den Hashtag tkschland. Der zentrale Programmpunkt ist der Hasscup. Weil man doch immer was mitbringt, vielleicht nur Hass, Hass, Hass. Es ist kultig, es ist kuttig. Unter dem Hashtag tkschland geben sich die Besucher des Treffens ein Gesicht. Sie verehren Neven Subotic, die Nazirausausdenstadien-Kampagne und stehen grundsätzlich auf der richtigen Seite.

 

Der Aufkleber

Am Anreisetag lädt die Gruppierung zu einem ersten Treffen im Strobels unweit der Nordtribüne ein. Beseelt von der großen Liebe zwischen Anhängern der unterschiedlichsten Fußballvereine, klebt ein Schalker Schlachtenbummler einen Aufkleber an einen Pfosten außerhalb des Stadions. Dafür fordert er in den sozialen Netzwerken pflichtgemäß Lob ein. Rivalität gehört eben dazu.  Und natürlich war alles nicht so gemeint. Ein Spaß. Für ein paar Likes mehr.

 

Der Vorwurf

Cultural Appropriation. Die feiernde Masse hatte sich gedankenlos eines der Rituale zumeist in Gruppe reisender Fußballfans bedient. Verschönere Deine Stadt. Im Rahmen eines Hippie-Treffens jedoch verkommt das Kleben des Aufklebers zu einer kulturellen Aneignung. Sie bedienen sich der Elemente einer anderen Fußballkultur, und provozieren durch den Schritt in die Öffentlichkeit eine Reaktion.

 

Die Reaktion

Vereinzelte Tweets erzürnter Dortmund-Fans. Sie fühlen sich in ihrer Ehre verletzt. Das Westfalenstadion ist ihr Wohnzimmer. Dort braucht es kein doppelt ironisch gebrochenes Hippie-Treffen vereinzelter Fans verschiedener Vereine. Und es braucht kein öffentliches Abfeiern für Aufkleber des verhassten Nachbars. Anstatt zu schweigen, weisen einige Anhänger des Ballspielvereins auf mangelnden Respekt hin. Ein Twitter-Nutzer fordert eine sofortige Selbsttötung. Das ist übertrieben. Twitter schließt den Nutzer für einige Stunden aus. Ein anderer Nutzer, der es nach einem heroischen Kampf mit Twitter-Ikone Diekmann zu bescheidenem Ruhm brachte, blökt ebenfalls ein wenig lauter, fordert im nächsten Schritt noch Solidarität mit Karius.  Zu einer direkten Konfrontation der beiden Parteien kommt es nicht.

 

Die Gegenreaktion

Die breite Masse verstößt ihre Kritiker. Überbietet sich in immer neuen Attacken auf die Integrität derer, die ihr Spiel nicht mitspielen wollen. Man habe diese Störer schon immer als Störer erkannt. Auf 1 Kritiker kommen erst 10, bald 20, später 100 Verteidiger der Aktion. Der tskchland hat mit Aufklebergate nun einen zweiten Hashtag. Der fortan die Gespräche auf der Twitter-Plattform dominiert.  Für einen der Nutzer basteln sie Memes. In Dortmund wollten sie für ein Wochenende aus ihrer Netz-Nische ausbrechen, Liebe verströmen, der Subotic-Stiftung ein paar Euro ins Sparschwein werfen und über Twitter von ihrer Bewegung berichten. Dabei haben sie ungeschriebene Regeln verletzt. Jetzt haben sie ein weiteres Thema. Und natürlich auch ihren Spaß. Sie sind nicht allein. Das ist auch eine Message. Eine vermutlich seltene. Am Ende des Wochenendes werden sie ein Video mit 10 Störer-Tweets produziert haben. Ihr Treffen haben sie sich vom neuen Hashtag nicht verderben lassen.

 

Die Expertenmeinung

Rüdiger Rabe, dem meist alles egal ist, erklärt: „Es ist mir egal, aber die Kritiker der Kritiker sind nicht besser als die Kritiker der Aufkleber. Eher schlimmer. Sie haben sich verrannt. Sich in ihren Reaktionen überboten, jedes Maß verloren. Sie haben bewiesen, dass es ihnen nicht um Inhalte, sondern vielmehr um eine Empörung und Zusammenrottung geht. Aber auch die Herren Dürr und Quambusch müssen sich einen Tadel abholen. Durch die harte Tonalität gelang es ihnen nicht, berechtigte Kritik an den Mann zu bringen.“

 

Dembos Einschätzung

Auf dem Karneval der Gefühle sind mal wieder alle Sicherungen komplett durchgeknallt.  Hier treten sie in die bittere Rest-Realität, provozieren, können mit den Reaktionen nicht leben. Es ist ein wilder Ritt. Geschickt platzierte Ansagen vereinzelter Nutzer bringt sie komplett aus der Fassung. Doch sie sind nicht allein, sie sind viele und sie bringen die Liebe! Wer dies nicht akzeptiert, muss mit den Konsequenzen leben und wird verstoßen. Die Besucher des tkschland sind somit allesamt durch den Schill-Test gefallen und erhalten bis auf weiteres Hausverbot. Schill mag keine Hippies. Weitere Konsequenzen auf den Lauf der Dinge sind ausgeschlossen. Die Vorurteile beider Seiten wurden verstärkt. Die, die sich mögen, werden sich weiter mögen. Die, deren Existenz nicht davon abhängt, von allen gemocht zu werden, werden ihr Verhalten nicht ändern. Der Kampf Twitter versus Dürr wird weitergehen. Quambusch wird weiterhin bellen. Er spricht die Sprache einer Straße, die er nie gesehen hat.

 

 

 

did war die empörung – das internet gegen malte dürr