Hauke Schill richtete sich seinen St Moritz Fake Fur. Er zog die Kapuze tief ins Gesicht. Er drehte die Boxen noch ein Stück weiter auf, schnippte die Zigarette in den Neuschnee. Sie zischte und er drückte sie mit seinen New Rock Stiefeletten tiefer in das kalte Weiß. Über ihm rotzte die U2 eine neue Ladung Touristen auf die Schönhauser Allee, die M1 bog um die Ecke, bremste scharf. Schill sah den Fahrer in seiner Kabine. Der fluchte, gestikulierte wild. Und er sah Justin Hagenberg-Scholz, den das alles nicht interessierte. Er schlenderte von der Pappelallee kommend in Richtung Schill, blickte noch einmal auf sein iPhone.

 

Schill hatte es nicht mehr ausgehalten. Das Soldiner Eck war Geschichte, den Namen seines Craft-Beer-Ladens hatte er schon wieder vergessen. Er ertrug keine Menschen, die 6,50 Euro für ein normales Bier ausgaben. Er ertrug keine Menschen, die jedes vollkommen überteuerte Bier in einer App markierten, um sich im Wettstreit mit virtuellen Freunden zum Bierkenner hochzusaufen. Schill glaubte weiterhin an die kommunikative Kraft des Biers, jedoch nur, wenn es nicht in Maßen genossen wurde, sondern vielmehr dem Eskapismus diente. Damit hatte Craft Beer nichts zu tun, und deswegen hatte er nach über drei Jahren den Gesundbrunnen verlassen. Dort fielen die Horden der Entdecker nun ein. Diese sogenannten Entdecker forderten ihre Ration Craft Beer, und zahlten jeden Preis. Schill kotzte das an. Er nahm das Geld. Und verschwand in Richtung Prenzlauer Berg.

 

Innerhalb weniger Wochen hatte er seinen Spätkauf hochgezogen. Er war glücklich jetzt. Wie auch Justin Hagenberg-Scholz. Der Drohnenexperte war nun Schills Mitarbeiter. Keine Fahrten mehr an den BER, keine einsamen Nächte im Wärterhäuschen. Dafür ein gänzlich neues Leben. Dachte er.

„Justin. Hier!“

 

Ein Schneeschieber landete vor seinen Füßen.

 

„Mach hinne, wir müssen Umsatz machen!“

 

Das Geschäft lief außerordentlich. Vorerst musste Hagenberg-Scholz das aber nicht wissen. Schill drehte die Anlage weiter auf. Die neue Bilderbuch-Single, die ihn so an Spliff erinnerte, die ihm gute Laune machte. Endlich war er der Herr seiner Musik. Keine Jukebox mehr, alles über den neuen amazon-Streamingdienst. Die hatten ihn als BETA-Tester geworben, übernahmen die Gema, und versorgten ihn mit den neuesten Hits. Er lachte.

 

Hagenberg-Scholz nicht. Trump hatte etwas in das Internet geschrieben. Das erforderte eine sofortige Antwort. Die Weltordnung war in Gefahr. Er wollte seinen Beitrag leisten, doch Schill sah das überhaupt nicht ein. Dieser saß seelenruhig an seinem kleinen Tisch, nahm einen Schluck Tee und blätterte sich durch die neue „Ermittler Heute!“

 

„Justin, haste das gesehen? Dietfried ist wieder Ermittler des Jahres!“

 

„Ja! Ich war da. Erst hat er getrunken. Danach hat er eine traurige Rede gehalten. Dabei den Fußball in den Himmel gelobt, und die Welt verdammt. Dann hat er noch mehr getrunken, und CCR gehört. Später ist er vom Barhocker gefallen. Die Schrabnelle Heistek war auch da. Alle waren sie da. Dembowski ist wieder aufgestanden. Hat weinerliche Musik gehört und geweint. Heistek fand das ganz anrührend. Eine schreckliche Person. Ich habe nen KiBA verdrückt. Dann war ich es leid. Zum Glück bist Du da raus, Hauke.“

 

Über seine App steuerte Schill Wanda an. Er sang: „Schickt mir die Post schon ins Spital, und schläfert Rara bitte ein.“

 

„Kunden, Justin!“

 

Ein paar Ostwestfalen auf Klassenfahrt wollten sich mit Bier, Schnaps und Zigaretten eindecken.

 

„Kann ich einmal Ihren Ausweis sehen?“

 

Die Jugendlichen schauten erstaunt, kramten in Ihren Taschen. Eine sagte „WTF?“, und ein anderer setzte gerade an. Schill eilte herbei.

 

„Justin, what the fuck is wrong with you? Die sind alle über 18. Siehst Du das nicht?“

 

Er zwinkerte der Gruppe zu. „Keine Sorge. Ich übernehme hier mal. Verschwinde, Justin!“

 

Einer mit Windbreaker gab sich betont lässig.

 

„Coole Jacke, Boss!“

 

„St Moritz. Wirklich edel. Fake Fur und Lammfell. Und so warm. Hier ne Kippe extra.“

 

„Die Schuhe sind nice, Chef!“

 

„Schlangenleder. Irre gut. Nur im Schnee. Der Winter kommt immer ungelegen. Aber dafür habe ich ja den hier“, Schill zeigte auf Hagenberg-Scholz, der jetzt die neueste „Copter-Magazin“-Ausgabe studierte. Er hatte sie schon mindestens 100x gelesen, aber fand immer wieder einen interessanten Test, eine neue Wendung in einem der Texte. Gerade die Nummer über Phantom 4 war außerordentlich, befand er und nickte selbstvergessen.

 

„Was ist das für einer?“, fragte einer der Typen. Schill sprang über die Theke.

 

„Verschwindet hier. Lasst Euch nie wieder blicken.“

 

„Aber ich dachte….“

 

„Haut ab!“

 

Die Gruppe verschwand wild gestikulierend in Richtung Kastanienallee.

 

Hagenberg-Scholz sah die M1. Er rannte, rannte, sprang und erreichte gerade noch ein Bein. Die Bahn rauschte vorbei. Auf der Straßenseite stand Dembowski. Ein Schulle in der Hand. Den Ermittler wurde Schill nicht los. Bald war er da.

 

„Hast Du das mit Tuchel mitgekriegt, Justin?“

 

„Was denn?“

 

„Der macht das Kapitänsfass auf?“

 

„Was. Alle Daten sprechen für Schmelzer. Hier. Kann ich Dir zeigen.“

 

„Schill, bringste mir mal nen Schulle? Geiler Laden.“

 

Hagenberg-Scholz wischte über sein Telefon.

 

„Hier. Ne neue App. Fließt alles ein: Leadership, Vereinszugehörigkeit, Wortbeiträge, Ballkontakte, Sprachfähigkeiten, Ausbildung, sportliche Erfolge. Etc. etc. Du kannst natürlich auch einige Parameter verändern, aber letztendlich läuft es auf Schmelle hinaus. Wer soll den Kapitän werden?“

 

„Reus!“

 

„Der spielt nie. Der ist ein Finalspielverweigerer, nicht einmal ein Versager. Der hat in den großen Spielen noch nie geliefert.“

 

„Ich habe da so eine Vermutung: Tuchel will nicht mehr. Er will gefeuert werden. Er manipuliert diesen großen Verein. Der Ballspielverein und Tuchel das passt nicht.“

 

„Einspruch.“

 

Hagenberg-Scholz wischte. Dembowski trank. Schill verkaufte, und schaute manchmal auf den Stream der Hamburger Mitgliederversammlung, der auf einem der Überwachungsmonitore lief.

 

Dembowski wollte Tuchel nicht mehr, Hagenberg-Scholz hielt ihn für ein außerordentliches Talent. Das zeigten auch seine Daten.

 

„Ich werde da was für MiaSanRot schreiben. Die freuen sich schon auf den nächsten Jahrhunderttrainer.“

 

„Mach mal. Da passt der auch hin.“

 

„Und der BVB?“

 

„Was ist mit dem BVB?“

 

„Was soll aus dem BVB werden?“

 

„Ich habe keine Ahnung, Justin. Ich habe Angst. Alles geht den Bach runter. Ich habe wirklich keine Ahnung.“

schill fängt von vorne an.