Draußen vor dem Fenster lag schon wieder Schnee. Dembowski machte sich noch einen Tee. Er mochte das Knistern des Kandis. Er mochte den Anblick der sich langsam im Tee verbreitenden Milch, und wie sie diesen von tiefschwarz zu braun färbte. Manchmal also goss er sich eine Tasse auf, hörte das Knistern, sah der Milch bei ihrem Werk zu.

 

Danach wartete er einen Moment, stellte den Wasserkessel auf die Flammen, wartete auf den Pfeifton, nahm eine neue Tasse, befüllte sie mit Kandis und einem „Morning Tea“, rührte und rührte, griff mit der Teezange nach dem Teebeutel, quetschte die letzten Reste aus ihm, und legte ihn auf die Teebeutelablage zu dem bereits benutzen Teebeutel. Er trank den Tee ohne Milch, aber der Anblick der sich langsam im Tee ausbreiteten Milch beruhigte ihn.

 

Draußen vor dem Fenster lag schon wieder Schnee. Die weiße Landschaft durchbrach die Dunkelheit. Dembowski saß am Küchentisch, trank seinen Tee ohne Milch. Auf dem Plattenspieler drehte sich „From Scotland With Love.“ Der Ermittler fand in den Klagegesängen seinen Trost.

 

„You promised me a feeling, something to believe in. You promised me a feeling. Now promise to be real.”

 

Ja, dachte Dembowski. So viele gebrochene Versprechen. So viele Stunden der Hoffnung, die in kalte Hoffnungslosigkeit umgeschlagen sind. Der Ermittler trank noch ein Tee und blickte auf die Felder, die nun im Sonnenlicht glitzerten. Dörte schlief noch, und so zog er sich er den alten Parka an, setzte seine Sonic Youth-Mütze auf, schnappte sich ein paar Handschuhe und die Motorsäge. In einen kleinen Umhängebeutel packte er eine frische Kanne Tee ohne Milch und ohne Kandis, ein paar Brotkrumen und ein paar Futterbälle, die ihm Dörte in den vergangenen Tagen aus Mais, gekochtem Hanf von der Plantage am versteckten Ende der Farm und einigen Forellen-Pellets bereitet hatte.

 

Draußen lag schon wieder Schnee. Der See war mit einer dicken Eisschicht überzogen. Koi hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Zu viele gebrochene Versprechen. Zu viele durchzechte Nächte. Zu wenig Ruhe. Zu wenig Einsamkeit. Diese Rastlosigkeit hatte sein Leben in den vergangenen Monaten erschwert.

 

„I was born by the river in a little tent,“ sang er und trat vor die Tür. Hinein in die Kälte, die ihn sofort wärmte. Nach wenigen Schritten hatte Dembowski den alten Steg erreichte. Er war brüchig, musste dringend erneut werden, doch heute würde das Holzwracke den Ermittler noch tragen. Mit bedachten Schritten tastete er sich voran. Durch die Kälte war der Schnee langsam zu einer großen Eisplatte geworden. Des Ermittlers Sohlen jedoch waren abgelaufen. So taumelte er mal nach links, glich den drohenden Sturz mit einer Bewegung nach rechts aus. Er verlor die Motorsäge, lag bäuchlings auf dem Steg, versuchte sie mit beiden Armen zu greifen, seine Hose verfing sich in einem Splitter, der durch die Eisschicht hindurchstach, und über ihm kreiste eine ungeduldige Krähe, die Dembowski beobachtete.

 

Der Ermittler kämpfte, Blut schoss aus seinem Oberschenkel, tropfte durch den Steg auf den gefrorenen See, sein Rucksack entglitt ihm, stürzte hinab auf die andere Seite des Stegs. Nach einiger Zeit erreichte er die Motorsäge, und nach weiteren Minuten, in denen die Krähe sich nun genüsslich auf dem Eis an Dembowskis Blut labte, und er erst sie und dann seine Ungeschicktheit verfluchte, stand er wieder, ging in die Hocke, das linke Bein schmerzte, und sein Gesicht litt, griff nach dem Rucksack, verscheuchte die Krähe, und robbte sich ganz langsam in Richtung Seemitte. Dort verweilte er einen Moment. Der Wind gefror sein Gesicht, in seinem Bart bildeten sich Eiszapfen, sein Oberschenkel war blutrot, seine Hose zerrissen. Aber endlich hatte er sein Ziel erreicht. Er schmiss die Säge an, schnitt ein Quadrat aus der Eisdecke, warf einen der Futterbälle in das Wasser.

 

Nach ungefähr vier Teelängen, und nach ungefähr vier gedachten Wörtern, weiter als „Hölle. Mein Oberschenkel. Scheiße!“ kam er nicht, sah er Koi, der mit müden Augen aus dem Wasserloch gluptschte. Der Karpfen fühlte sich sichtbar gestört, aber sobald er Dembowski erblickte veränderte er sich. Immer wieder versuchte er, aus dem Loch und auf das Eis zu gelangen. Doch erst als der Ermittler seine Hände ins Wasser hinabließ, und das Wasser war so kalt, dass der Oberschenkel kurzzeitig vergessen war, konnte sich Koi befreien. Der alte Karpfen machte sich Sorgen um seinen Freund, dessen Augen eine unendliche Traurigkeit ausstrahlten.

 

„Koi. Schön, dass Du da bist. Wie geht es Dir, mein Freund?“

 

Koi schlackerte mit seinen Flossen, die Schuppen glänzten im Sonnenaufgang, die Krähe beobachte das Paar von einer der alten Eichen nahe des Sees, und Dörte, das konnte Dembowski nicht sehen, war mit einem Lama an das Ufer getreten, spähte voller Mitleid auf ihren Wegbegleiter. Auch sie sorgte sich. Wer sorgte sich eigentlich nicht?

 

„Die Stadt wird mir zu viel. Schill hat jetzt einen Späti, Justin ist immer noch übereifrig, Wu verzweifelt an der Internationalisierung, das merkt man ihr an, und die Heistek verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Sie will den Menschen in mir erkennen.“

 

Koi rutschte ein Stück in Richtung Wasserloch. Auch er war müde.

 

„Der Winter macht mich noch fertig. Ich sitze in einer Kneipe, dann sitze ich unter einem Heizpilz bei Schill, und manchmal in der Bahn. Die Menschen dort stinken, sie sind betrunken, laut und unhöflich. Sie wollen Geld, meinen Platz, meine Seele. Ich höre wieder Musik. Aber ihre Stimmen stechen durch alles. Koi, ich bin am Ende.”

 

Der Karpfen verschwand wieder im Wasser. Ihm war kalt. Er war erschöpft. Der Winter machte ihn fertig, und er sehnte sich nach lauen Sommerabenden an der Wasseroberfläche, nach einigen unbeschwerten Gründeleien, die Dreck aufwirbelten. Er träumte sich in diesen trüben Seegrund, und von wilden Verfolgungsjagden mit einem Reiher. In seinen Träumen gewann er. Doch heute war ihm nur kalt.

 

“Koi. Ich mache mir Sorgen um den Ballspielverein. Sie stehen in der Tabelle nicht gut da. Die Pressemeute hetzt den Verein, die Fans hetzen den Trainer, der sich eine kindliche Freude für das Spiel bewahrt hat, der Gin Tonic und Champagner nach Siegen mag. Er nimmt in einem Raum keinen Platz ein. Er ist unsichtbar, und will es sein. Der Fußball ist sein Geschäft, der Alltag ist es nicht.“

 

Koi schwieg. Er wollte abtauchen. Aber noch blickten seine Augen auf den großen Freund. Blut tropfte in das Wasserloch. Dembowski nahm einen Schluck Tee.

 

“Wenn es in diesem Jahr nichts wird, dann ist alles vorbei. Der Fußball ist verrückt geworden. Er wird überfrachtet. Von allen Seiten. Er soll moralisch sein, und er soll unterhalten. Er soll perfekt sein, aber spannend. Er soll die Menschen vergessen lassen, denn sie müssen gerade leiden, Koi, und er soll sie inspirieren. Die Menschen sind verrückt geworden. Ich glaube, das Internet ist schuld. Einer brüllt, und ein Chor brüllt zurück, und der eine hat jetzt auch einen Chor und brüllt noch lauter, und der andere Chor entwickelt eine Sonic Weapon, und niemand mit Verstand sagt überhaupt noch etwas, denn, egal was er sagen würde, auf der anderen Seite steht schon ein Chor und brüllt, und auch wenn er es nicht will, steht hinter ihm ebenfalls ein Chor und brüllt, und jemand entwickelt eine Sonic Weapon, um lauter zu sein als alle anderen. Das ist im Fußball so. Das ist überall so. Und die Sprache. Alles ist nice, alles ist fine.”

 

Koi schwieg.

 

“Und das Allerschlimmste: Es gibt keine Jukeboxbestücker mehr.“

 

Koi sprang noch einmal hoch. Dann taucht er ab, und hoffte, dass die Hölle über ihm schnell wieder zufror. Dörte zog ab. Sie wollte nicht gesehen werden. Dembowski robbte sich zurück. Er war voller Blut. Seine Tränen waren aus Eis. Er war jetzt an einer Küste. Menschen gingen ins Wasser, sie feierten ihr Leben. Die Sonne brannte. Er öffnete ein Schultheiss. Und küsste Dörte. Die Ufer des Sees waren voller Schnee. Er war rot. Der Ermittler brach zusammen.

 

At the back of my mind I was always hoping I might just get back.

 

koi taucht ab