Miriam Wu trank einen Ingwertee. Sie blätterte gelangweilt durch den Stapel Zeitungen. Seit Tagen dominierten die Bayern die Titelseiten. Ein Interview und eine Niederlage in Hoffenheim hatten sie in eine tiefe Identitätskrise gestürzt, vergleichbar nur mit dem Identitätsraub Heidels in Gelsenkirchen. Ausgewiesene Experten vertraten unterschiedliche Meinungen.

Eins war klar: So konnte es mit den Bayern nicht weitergehen. Zum Glück stand mit Julian Nagelsmann der Retter bereits bettelnd vor der Tür. Sie mussten ihn nur noch rein- und Carlo Ancelotti irgendwie unbemerkt rauslassen. Uli und Kalle, da war sich Wu sicher, würden das schon wuppen, wenn sie sich erst einmal geeinigt hatte. Mit Brazzo hatten sie einen guten Sportdirektor installiert. Wu war von ihm begeistert. Er strahlte eine „certain freshness“ aus, und konnte gut mit der Faust auf den Tisch hauen. Wu beschloss, Brazzo eine Axt zu schicken. Dann blätterte sie weiter.

Hauke Schill las im Internet. Dort bosste der Hamburger SV das Geschehen und trieb Eurosport, den neuen Player auf dem Bundesligarechtemarkt, in Versalien vor sich her. Es war ein Schauspiel. Sogar von einem Freispiel war die Rede. Er malte sich aus, wie das so sein würde. Der HSV im Free-TV. Er würde eine Runde Schulle aufs Haus spendieren, ja vielleicht sogar seine Astra-Vorräte anbrechen.

Pestol saß mit Wu am Tisch direkt neben der Jukebox. Er hielt einen eng beschriebenen Zettel in der Hand. Noch einmal ging er Dembowskis letzte Worte durch. Der Ermittler hatte die Borussia gesucht, war mit dem Kopf in den Aschenbecher gefallen, und seither nicht mehr aufgetaucht. Wo war Dietfried? Und konnten ihm seine Worte etwas sagen?

Hagenberg-Scholz ging die Retouren durch. Er würde später hoch zu Schill, hoch ins Soldiner Eck, weg von der Eberswalder Straße. Ihm hing der Späti zum Hals raus, doch nachdem sich die Scholl-Nachfolge zerschlagen hatte, blieb ihm keine Wahl. Er musste hier für das Auskommen seiner Familie sorgen. Manchmal erinnerte er sich an seine Tage im Institut. Und daran, wie erst RaRa und dann sein altes Leben verschwand. Er war nicht unglücklich. Sogar Berenice hatte sich wieder gefangen. Gemeinsam waren sie stark, und würden es immer sein. Das hatten sie sich an dem Tag, an dem aus Justin Scholz Justin Hagenberg-Scholz wurde, geschworen.

Einmal hatte er bei einem BVB-Podcast angerufen. Es ging um Sahin und Julian Weigl, dem ehemaligen Jungstar, der seine Zukunft bereits hinter sich hatte. Das sagten alle Modelle voraus. Die Reaktionen auf seinen Anruf waren überwältigend. Sogar am Späti hatte ihn ein Kunde darauf angesprochen. Hagenberg-Scholz hatte dem Kunden ein Club Mate spendiert, und war selbst rüber zum neuen Kaffeeladen auf der Eberswalder. Das war ein Feiertag. Irgendwann würde er der Nachfolger des Scholl-Nachfolgers werden, er musste nur seinen Namen weiter streuen. Das hatte bereits bei Escher funktioniert, dessen Analysen er weiterhin nicht so sehr schätzte, den er aber ob seiner Omnipräsenz bewunderte. Hagenberg-Scholz wusste mehr. Bald schon würde er die Gelegenheit dazu haben.

Durch Dembowskis plötzliches Verschwinden würden sich neue Möglichkeiten ergeben. Die MiaSanRot-Geschichte, das musste er sich eingestehen, war eine reine Luftnummer. Sein Namensvetter Justin hatte ihm dort übel mitgespielt, seine Rückkehr zum DID könnte zu einem Triumphzug werden.

Hagenberg-Scholz ging noch einmal die Retouren durch. Von sämtlichen Titelbildern lachte ihn Lindner an. Ganz langsam zerriss er sie. Am Tresen warteten die Leute andächtig.

Genevieve Heistek blickte noch einmal auf das Cover der Oktober-Ausgabe. Sie hatten Dembowski aufs Titelbild gehievt. Der Ermittler steht an der Baude, hinter ihm rauschen unscharf die Autos über die vom Neonlicht ausgeleuchtete Badstraße. Er trägt eine abgewetzte Lederjacke, in seiner Hand ein Schulle, sein Blick in eine ungewisse Zukunft gerichtet. Es war das letzte Foto, das in ihren Archiven von Dembowski existierte.

Koi wartete auf den Winter, Dörte auch.

Wu erhielt eine Nachricht.

Robert Lewandowski, 314 Tore in 498 Pflichtspielen für Verein und Land, Kapitän der polnischen Nationalmannschaft, hat ein Problem: Akzeptanz!

Außerhalb der Grenzen seines Heimatlandes ist der Jahrhundertstürmer Robert Lewandowski (bald 30) nicht mehr als ein Jahrhundertstürmer ohne Profil. Er ist der große Verlierer im Milliardenspiel Fußball.

Der Fehler: Lewandowski hat auf die Bundesliga gesetzt.

Lewandowski verrichtet seinen Dienst. Er schießt Tore. Er jubelt, wenn er jubeln muss. Und er postet Bilder auf Instagram, wenn er Bilder auf Instagram posten muss. Er hat Frau und Kind. Er hat kein Glamour. Er ist nicht angreifbar, und er ist nicht nahbar.

Mit Polen wird er nie einen großen Titel gewinnen. Mit Borussia Dortmund konnte er die Champions League nicht gewinnen. Mit Bayern München wird er nie die Champions League gewinnen. Nicht mit Carlo Ancelotti. Nicht in diesem rückwärtsgewandten Verein, der aus seiner Vergangenheit Rückschlüsse auf die Zukunft zieht.

Diese Mentalität zerfrisst den Verein. Einen anderen Verein gibt es in Deutschland nicht.

Bayerns langsames Verschwinden aus der europäischen Spitze ist gleichbedeutend mit dem Ende der großen Bundesliga-Zeit. Die deutsche Liga hat im Erfolg 2013 ihre größten Fehler gemacht. Schon damals gab es kein „Weiter so!“. Sie hätte sich öffnen müssen. Nach ihren Regeln.

Jetzt werden sie von Red Bull, Katar, Rakuten und Leuten wie Mansour bin Zayed Al Nahyan diktiert. Jetzt wird sie von Grabenkämpfen erschüttert. Die Bundesliga hat zu lange reagiert und nicht agiert. Sie hat Fans und Investoren gleichermaßen verprellt.

Der Internationalisierungsprozess der Bundesliga ist zum Scheitern verurteilt. Das beweist Robert Lewandowski.

Wu löschte die Nachricht.

Sie erzählte niemanden davon

Hauke Schill legte Nina Simone auf.

Pestol machte sich Sorgen um Dembowski.

Hagenberg-Scholz freute sich auf die Champions League.

In einer Pfütze vor dem Soldiner Eck lag ein Eva Högl-Wahlplakat.

Eine Air Berlin landete in Tegel.

Koi wartete auf den Winter.

 

everyone’s gone to the moon