Die Tage und Woche nach dem Kongress verbrachte Dembowski zurückgezogen auf der Lamafarm. Hin und wieder zog es ihn an den See, in dem Koi schon seit einiger Zeit nicht mehr einsam seine Bahnen zog.
Dörte hatte dem depressiven Karpfen nicht mehr zusehen wollen. Koi wartet meist apathisch in der Nähe des kleinen Stegs auf seinen Freund Dembowski. Wenn die Sonnenstrahlen erst immer flacher und dann gar nicht mehr aufs Wasser trafen, verzog er sich, nicht ohne noch einen letzten Blick auf die Leere des Stegs zu erhaschen, traurig in seiner Uferhöhle.
Dörte war eines Herbsttages zum alten Lieper Schöpfwerk spaziert, um dort einen Partner für Koi zu fangen.  „Deine einsamen Tage sind gezählt“, hatte sie zu Koi gesagt, und der Karpfen nur resigniert genickt. Irgendwie musste es auch für ihn weitergehen. Das hatte er verstanden.
Nach einigen ereignisarmen Stunden auf der Schöpfwerk-Brücke war es Dörte am Ende doch gelungen, einen zu nah an der Wasseroberfläche schwimmenden Karpfen abzugreifen. Er hatte die Lamafarmbetreiberin mit hängenden Kimmen, gepflegten Barteln und blitzenden, blanken Schlundzähnen angeschaut. Dörte nannte ihn Shark.
Nach einigen Tagen hatte Koi Shark akzeptiert, und Shark hatte Koi akzeptiert. Gemeinsam erkundeten sie nun die Uferböschungen, vertrieben sich fröhlich gründelnd die Zeit. Manchmal beobachteten sie die Kraniche, die im seichten Wasser auf der Suche nach Nahrung wateten. Koi und Shark jedoch kannten ihr Revier, sie kannten die dort lauernden Gefahren und lachten über die ungeschickten, letztendlich kläglichen Versuche der Kraniche den beiden Karpfenfreunden aufzulauern.
Als die Nächte länger wurden, und die Blätter der alten Esche erst gelb, dann braun und dann von einem ersten Sturm weggeweht wurden, verstummte das Kruu und Kraa zusehends. Einige wenige Kraniche verharrten auf den großen Wiesen, und bereiteten sich auf den Winter nahe der immer größer werdenden Lamafarm vor.
In diese Idylle, und nicht in den Wald, wie er es auf der Bühne des Soldiner Ecks stehend versprochen hatte, war Dembowski nach dem Kongress gereist. Hin und wieder also ging er runter zum See. Dort saß er still, beobachte Koi und Shark. Sein alter Freund hatte ihn erst ignoriert, doch die Distanz nicht lange aushalten können. Und so konnte man, wenn man sich ihnen mit Vorsicht näherte, das ungleiche Trio manchmal stundenlang bei ihren Gesprächen beobachten.
An einigen Tagen jedoch kümmerte Dembowski sich mit Dörte um die Sorgen der immer größer werdenden Lamaherde. Heu und Baumrinde musste herangeschafft, die Krallen geschnitten werden.  Dann stand er bereits gegen 6 Uhr auf, brühte sich in der Küche einen Kaffee und setzte mit einem dicken Wintermantel auf die Veranda.
Langsam brach dann die Sonne durch den Nebel, der an diesen Oktobertagen über den Feldern lag. Er erkannte erst die Umrissen der Pappeln, und an einem Morgen als der Nebel besonders dicht war, und das Licht nur langsam in den Tag brach, beobachtete der Ermittler eine Krähe, die eine Walnuss mit ihrem Schnabel auf die Steinplatten vor der Veranda schleuderte. Wieder und wieder. Bis die Nuss zerbrach und ihr hohles Inneres bei der Krähe nur für ein verächtliches Krächzen sorgte.
Am Abend saßen Dörte und der Ermittler beisammen. Sie hörten sich durch ihre alten Platten. Fink, Songs:Ohia, Sparklehorse, Vic Chesnutt, Townes van Zandt, Woody Guthrie, Gram Parsons. Ihre warmen Stimmen klangen nur noch auf Vinyl.  „I’m the dog that ate your birthday cake. It’s a wonderful life“, sang Mark Linkous, der sich ja doch das Leben genommen hatte, und Dembowski dachte an Koi und Dörte an die Lamas, und beide dachten sie an ihr gemeinsames Glück.
Jeden Abend um Punkt 8 schalteten sie die Tagesschau ein, und betrachten die Bilder. Auf den Ton verzichteten sie schon länger. Sie sahen apokalyptische Bilder, die Menschenmassen in Lagern, auf Märschen, an Grenzen zeigten. Die Gesichter waren grau, voller tiefer Kerben. Jemand legte einem Kind einen Mantel über die Schultern. Merkel eilte durch Europa, und in Deutschland brannten Fackeln und Häuser gleichermaßen. Als Zeichen der neuen Stärke. Manchmal sahen sie Maschinen über Syrien aufsteigen. An anderen Tagen fielen Maschinen vom Himmel. Brennpunkt hier, Brennpunkt da. Sie sahen, aber sie hörten nicht.
Eines Tages, da war es bereits Ende Oktober und sogar Blatter und Platini hatte es zeitweise in die Hauptnachrichtensendung geschafft, es musste also schlimm stehen um den Fußball, drängten sich die alten Herren des DFB in die Hauptnachrichten.  Man gestand ihnen sogar Brennpunkte zu, und für die Hintergründe hatte man extra eine Themenseite auf tageschau.de eingerichtet. Die WM 2006 stand im Mittelpunkt. So viel bekam Dembowski mit, und doch, egal, was wieder passiert war, und immer passierte ja etwas, schalteten sie um 20.15 die Nachrichten aus, und hörten wieder ihre alten Platten.
Grog war ihre Droge, und am nächsten Morgen ging Dörte zu ihren Lamas und Dembowski saß mit einem Kaffee auf der Veranda und schaute durch den Nebel auf die aufgehende Sonne. Im See heckten Shark und Koi neue Streiche aus.  Ein Rotmilan zog seine Kreise, und stach auf die Felder. Sie hatten sich in ihrer Utopie eingerichtet. Nichts konnte sie stören, nichts sollte sie stören. Nicht noch einmal. Zu oft war Dembowski mit den Vögeln gezogen.
„Alles hängt mit allem zusammen“, dachte er und auch an diesen einen Sommertag zurück, an dem er an einer Bushaltestelle nahe Bernau vergeblich auf den Mann gewartet hatte. 
Ein paar Mal zog es den Ermittler auch in dieser ruhigen Zeit in die große Stadt. Er konnte nicht ohne. Es gab immer etwas zu ermitteln, es gab immer was zu tun. An diesen Tagen also stieg er am Gesundbrunnen aus, ging auf eine Currywurst zur Baude, blickte auf die Neonlichter, und wartete auf Justin Hagenberg-Scholz, der zwar meist nicht on time war, aber immer noch sein „Refugees Welcome“-Shirt trug.
„Ich möchte alles über die Bundesliga wissen, Justin“, hatte er ihm bereits bei ihrem ersten Treffen gesagt. „Ich möchte aber nichts über die Geschichten der Bundesliga wissen. Ich will es nicht mehr hören.“
Die Geschichten der Bundesliga hätte Hagenberg-Scholz ohnehin nicht erzählen können.
Und so redete der Taktiker über die neuesten Entwicklungen, die ja in erster Linie Rückschritte waren. Bayern enteilte. Dortmund hechelte hinterher, und bis auf eine 5-1 Niederlage, über die Justin nicht groß reden wollte, schien die Zeit unter Tuchel bislang eine große Erfolgsgeschichte zu sein.
„Die Dortmunder sind kälter geworden“, erklärte Hagenberg-Scholz, und redete sich meist in einen Rausch. Die Überfrachtung der linken Seite, die Wechsel auf Ginter, der, so sagte Justin, nicht nur die größte Überraschung der Saison, sondern ein weiterer Beweis für das weitsichtige Scouting Zorcs sei, all das hatte dem Drohenfreak die letzten Wochen versüßt.
„Die Dortmunder nutzen ihr Kapital. Sie nutzen es für Wissen. Sie haben akzeptiert, dass Fußball noch mehr ein Trainerspiel geworden ist.“
„Trainer gab es schon immer. Sogar ich hatte einen.“
„Dembowski. Als Trainer heute leitest Du nicht nur eine Mannschaft, Du führst einen ganzen Stab von Spezialisten. Guardiola ist da ein Vorbild. Er umgibt sich mit mysteriösen Persönlichkeiten, die Erfolg über alles stellen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, die nicht greifbar sind.“
„Okay, Justin. Es reicht. Ich wollte nichts über die Geschichten hören. Ich wollte was über die Spiele erfahren.“
Und so redete Hagenberg-Scholz wieder über die Liga, über das antiquierte Spielsystem der Leverkusener, und manchmal zitierte er Gündogan, der der FAZ vom Dortmunder Aufschwung berichtet hatte.
 „Wir spielen mittlerweile einen richtig gefestigten Fußball, mit einem klaren Plan und einer klaren Spielidee. Das ist das Schöne an dieser Saison: dass wir immer wissen, was wir zu tun haben“, hatte Gündogan gesagt und Hagenberg-Scholz eine direkte Verbindung zu den Leverkusenern und dem Rest der Liga gezogen.
„Plan. Niemand hat mehr einen Plan. Sie rennen wild übers Spielfeld, provozieren Chaos und überlassen es letztendlich dem Zufall. Natürlich kommen sie in aussichtsreiche Positionen, aber man kann sie so einfach überspielen. Auch wenn die Jungs von Spielverlagerung da wiedersprechen, und behaupten, dass ein guter Plan A besser als ein okayer Plan B sei und überhaupt manches System auf den exzellenten Fähigkeiten der Spieler beruhe.“
„Justin, diskutiere das doch bitte im Spielverlagerungsforum. Ich halte es nicht aus!“
„Aber ich sollte Dir doch über Liga berichten.“
„Erzähl ma besser was von Hahohe. Überall hier hängen Fahnen, die Leute laufen mit Kalou-Trikots durch die Gegend. Wasn da passiert? Spinne die alle?“
Hertha, sagte Hagenberg-Scholz, habe sich gemacht und überhaupt, er spüre jetzt so etwas wie Euphorie in dieser Stadt. Schleichend infiziere sie die Menschen, die wieder von Europapokalspielen im Olympiastadion träumten.
„Vielleicht sind sie nur das neue Augsburg, aber die Ungarn sind auch auf dem Weg. Dardai hat es drauf. Er hat eine Spielidee, und die hat er im letzten Jahr entwickelt. Er hat mit der Schwäche der Liga gespielt, seine erste Zeit genutzt, sich einen Überblick zu verschaffen. Rate mal, Dembo, wie ich Pal heimlich nenne?“
„Erzähl mal!“
„Peperoni“
Justin lachte verstohlen, in der Bahn schwiegen die Menschen und blickten verstohlen auf ihre Smartphones, Zeitungen oder aus dem Fenster. Nur nicht in Richtung Hagenberg-Scholz.
Dieser Art waren ihre Unterhaltungen auf ihrem Weg nach Lichtenberg. Hagenberg-Scholz mit Drohne, Dembowksi mit Schulle und Restverstand. Ihr Ziel: Der Dong Xuan Center!
Was sie dort taten, darüber schwiegen sie sich aus. Das hatten sie vereinbart, aber, natürlich, wenn Dembowski sich nun bereits Verstärkung mitnahm, dann musste diese Geschichte mindestens eine Sensation sein, wenn nicht sogar eine Weltsensation!
„Nur so viel: Observation!“
Mehr wollte Dembowski nicht sagen, und Justin, ja, der durfte nichts sagen. Der konnte nichts sagen. Er war zu aufgeregt. „Echte Ermittlungen mit Dietfried Dembowski“, notierte er in sein Tagebuch.
Da war es Anfang November, und Schill, den er zufällig auf der Straße getroffen hatte, bedrängte ihn: „Dembo muss mal wieder vorbeikommen. Du stehst doch in Kontakt mit ihm. Frau Wu fragt auch schon.“
Sie hatten sich am Ende dann den 13.November ausgesucht. „Freitag, der 13“, hatte Schill gesagt, und eine Weltuntergangsparty erster Klasse versprochen.
Der Wirt hatte sich sichtlich Mühe gegeben, die Jukebox neu bestückt. Billy Joel, R.E.M., Eels, Tom Waits, Elvins Perkins, ja sogar Zager & Evans.
“Nicht schlecht, Hauke, gar nicht schlecht. In the year 2525. Ewig nicht gehört. Mensch, wenn wir doch alive wären. Lebt Zager eigentlich noch?“
„Ich habe nichts Gegenteiliges gehört. Hier die Single ist auch klasse. War ihre letzte Veröffentlichung. Hydra 15,000. Hör mal!“
„Was soll das?“
„Ich habe keine Idee! Aber sie trugen Bärte“
„Diese Schweden-Geschichte gelesen? Hipster-Treffen unter Terrorverdacht? Die trugen auch alle Bärte. So weit greift die Angst. Aber jetzt hört bitte auf. Ich möchte mich auf das Spiel konzentrieren“, warf Justin ein.
Den Frankreich-Kick ließen sie nebenher und ohne Ton laufen, nur Hagenberg-Scholz saß an seinem angestammten Platz und beobachtete Matthias Ginter, seine Entdeckung der Saison.
Kurz vor der Pause waren Schill, Wu und Dembowski längst bei The Final Countdown angekommen, und stritten sich gerade, ob man danach denn Let There Be Rock spielen dürfe, oder ob das zu lebensbejahend sei, als Hagenberg-Scholz schnaufte. „Da läuft er hinterher.“
Das Trio hatte Ginterher verstand.
Schill nahm einen Stift, und malte etwas auf einen Bierdeckel.
„Hier, Justin, nen Roflcopter für Dich.“
Aber Hagenberg-Scholz lachte nicht.  
„Ginter zeigt keine gute Leistung. Er traut sich nicht.“
„Schon gut, Hagi. Is nur die Nationalmannschaft. Gegen Hamburg läuft das wieder!“
„Hamburg? Niemals! Fahren wir? Komm wir fahren!“
„Kein Zwanni für nen Steher, aber nen Hunni für nen Sitzer!“ Dembowski griff sich ein paar Scheine aus der Kasse. „Klar fahren wir.“
„Pierre-Emmerich soll verletzt sein. Ohne ihn habt ihr keine Chance“
„Ist er nicht.“
„Malcolm X, British politician sex, JFK, blown away, what else do I have to say?”
Auf dem Bildschirm sahen sie Gündogan im Fadenkreuz eines Laserpointers, der genau auf sein rechtes Auge traf.
„Die Griechen mussten dafür 70.000€ zahlen“, vermeldete Hagenberg-Scholz aus dem Hintergrund.
Billy Joel sang: “Foreign debts, homeless vets, AIDS, crack, Bernie Goetz,Hypodermics on the shores, China’s under martial law, Rock and roller cola wars, I can’t take it anymore.”
Justin insistierte: “Jetzt macht doch mal die Musik aus. Was ist, wenn wirklich mal was passiert? Was dann?”
Dembowski und Schill waren hart am Schulle, und hörten ihn nicht. Wu schwieg. Sie liebte Schill. Aber eigentlich wollte sie nicht hier sein.
Nach dem Abpfiff sahen sie das Laufband unter dem TV-Bild. Sie sahen Leute zurück ins Stadion stürmen. Sie sahen einige Bilder. Etwas musste passiert sein. Im Stadion. Ums Stadion herum.
Sie schwiegen. Und sahen auf den Fernseher, der immer noch ohne Ton lief. Sie schalteten auf CNN um. Und sahen weiter auf den Fernseher. Sie schwiegen.
„Ob Deutschland gegen Holland spielen wird?“ fragte Dembowski in die Stille.
„Wie soll das gehen? Hier. Ein Konzertsaal. Überall Angriffe. Alter. Was ist nur mit uns Menschen los?“
„Aber mal ernsthaft? Spielen gegen Holland, oder nicht spielen gegen Holland?“
„Das ist Deine erste Frage?“
„Das ist eine Frage! Nicht meine erste Frage! Aber eine, die gestellte werden wird.“
„Wir spielen! Wir spielen für den Frieden! Wir sind die Freunde der Demokratie. Wir lassen uns nicht unterkriegen.“, schrie Miriam Wu. „Der deutsche Fußball steht jetzt an der Frontlinie eines neuen Kriegs. Wir beten für Paris! Und wir werden für unsere Freiheit einstehen. Gegen den Terror! Und für die Liebe! Paris, die Stadt der Liebe. Hannover ist das deutsche Paris! Wir werden der Welt zeigen, dass wir nicht einknicken. Wir werden eine Aktion starten, die um die Welt geht, wir werden einen Hashtag gegen den Terror finden. Wir müssen ein Zeichen setzen“
Wu erntete Kopfschütteln.
Schill und Dembowski machten sich an die Schulle-Vorräte.
„Ey, Hauke! Was sollen wir sonst tun?“
So drückten sie noch einmal „We Didn’t Start The Fire“.
„Das kann ich nicht akzeptieren“, sagte Wu. Sie verließ das Eck, nicht ohne Schill vorher ein „das war’s, Trunkenbold“ an den Kopf zu werfen.
„Dembowski. Manchmal, wenn ich nichts mehr spüre, dann wünsche ich mir genau das!“
„Was?“
„Dass die Welt aus den Fugen fällt. Dass etwas passiert. Dass Krieg ist. Dass eine Welle der Gewalt alles was wir verachten wegspült, die Dinge neu ordnet. Dass dieses gesamte System zerbricht.“
„Und? Sonst?“
„Jetzt passiert etwas, und es behagt mir doch nicht. Was ist nur mit mir los?“
Hagenberg-Scholz kauerte vor seinen Installationen. Sichtlich angeschlagen.
Dembowski trank und trank. Er konnte das alles nicht einordnen, noch wollte er es.
Am nächsten Tag fuhr der Ermittler zum Brandenburger Tor. Er wollte die eigene Sprachlosigkeit in Bilder fassen. In der Bahn hörte er die aufgeregten Gespräche der Mitreisenden. Der Anschlag sei eigentlich antisemitischer Natur, das könne er belegen, sagte einer, und ein anderer erzählte von syrischen Pipelines, und eine andere forderte empört, dass sich jetzt die muslimische Bevölkerung endlich erheben müssen, während ein paar Reihen hinter Dembowski jemand einige Pässe in der Hand hielt und schrie, dass sich die Attentäter gewiss als Flüchtlinge verkleidet über die Grenzen geschlichen hätten, und dass man daher nun als letzte Lösung die Grenzen schließen müsse, und sein Gegenüber schlug ihm ins Gesicht, weil er es nicht mehr hören konnte, und jemand schrie: „Denkt denn keiner an die Opfer im Libanon?“ und wieder jemand anders trug einen Kopfhörer und wenn man genau hinhörte, konnte man seine Worte hören: „Erst Anthrax, jetzt ISIS. Kann ich überhaupt noch Musik hören?“ und an einer Station stiegen wild diskutierende Touristen ein. Ob das denn jetzt ein Krieg sei, oder ob es nun doch kein Krieg, und schon gar kein Weltkrieg sein, weil ja kein Kriegsrecht ausgerufen worden war, und es keinen Gegner gäbe, und in der hintersten Ecke stöberte jemand durch die Archive des Spiegels. „Phase 6“, sagt er und ein anderer nickte und ergänzte, dass man ja die Geschichte der Terrorgruppe kennen müsse, um überhaupt nur ansatzweise eine Chance zu haben. „Wir antworten mit Liebe“, sang die eine Gruppe im Chor und die anderen schrien: „Krieg, Krieg, Krieg.“ Eine andere Gruppe hatte sich die Gesichter in den Nationalfarben Frankreichs bemalt. „Wir müssen unsere Freiheit verteidigen“, riefen sie und die, die Krieg gerufen hatten, ergänzten „an unseren Grenzen! Wir werden überrollt“ und wurden von einem „nein, nein, nein“ überstimmt. 
 Und Dembowski bekam es mit der Angst zu tun, weil er keine Gedanken mehr in sich trug. Er war leer, betroffen, und konnte keine Antworten liefern.

Am Brandenburger Tor blickte er kurz auf die trauernden Menschen, und er hörte, dass sie nichts sagten. Die nächsten Stunden bewegte er sich nicht. Noch am späten Abend nahm er die Bahn zurück in Richtung Lamafarm. Shark und Koi erwarteten ihn bereits. Sie hatten ein paar neue Streiche ausgeheckt. Dembowski war der Karpfenflüsterer. „Die Kraniche kehren immer zurück“, sagte er zu Koi und Shark. „Ihr dürft es nicht übertreiben! Ihr dürft sie nicht provozieren“
ein kranich vergisst nie