Die Geister von Berlin

Eine Ermittler Heute!-Reportage von Genevieve Heistek

Brennpunkt Alexanderplatz, die unglückselige Schlucht im dunklen Herzen der Stadt. Belagert von jugendlichen Krawalltouristen, umherreisenden Kleimkriminellen, beschützt von Streifenpolizisten auf Strafrunde. In den engen Gassen des Weihnachtsmarktes tummeln sie sich, verfolgt von Grillwalkern, von den Betrunkenen, die an einem der Stände ihren Rausch mit einem Glühwein verfeinern, begleitet von einer Demonstration der Staatenlosen, die am anderen Ende, im Nadelöhr zwischen U8-Aufgang und Kaufhaus, von den Putin-Verstehern befeuert werden, die von den Primark-Tüten tragenden Jugendlichen mitleidig beäugt und von dem Dudelsack-Spieler niedergeschrien werden.

Ein kurzer Schritt durch den Bahnhof Alexanderplatz. Bierbikes, Trams und Betrunken stauen sich auf ihrem Weg zum Neptunbrunnen, schlängeln sich am Aufzug zum Fernsehturm vorbei, und trinken verstohlen noch ein Bier aus der Plastiktüte. Ein Schutzmann zieht vorbei, droht schützend mit seinem Ausweis, verschwindet im Neonlicht. Von den Straßen dröhnt der niemals endende Strom der Automobile, die sich in Richtung Unter den Linden schieben, dem Ost-Replikat einer untergangenen Zeit. Das Stadtschloss steht wieder auf, und Marx & Engels schauen von ihrem Thron hinab in Richtung Sea-Life-Aquarium. Die Ampel springt um. Die Blechlawine walzt in alle Richtungen, mit ihr fließen neonbeleuchtete Radfahrer, die jetzt ausbrechen, sich mit Fäusten an einen Busfahrer der Linie TXL richten, der einer trunkenen Touristengruppe im letzten Moment ausweichen kann und noch einmal beschleunigt, bevor der Verkehr in Höhe der Humboldt-Universität gänzlich erliegt.

Auf dem Prachtboulevard gedenken die Menschen ihrer Vergangenheit. Ein Paar mittleren Alters tritt aus der Neuen Wache, in ein schweres Gespräch vertieft, vor der Universität baut einer mit letzter Kraft die Tisch seines fliegenden Buchhandels ab und verstaut alles in Kisten, die achtlos von eine Gruppe japanischer Touristen auf dem Weg zu Madame Tussaud passiert werden und ein Radfahrer stürzt noch vor ihren Augen, die längst auf die erste Reihe des 100er-Buses gerichtet sind, in dem wir Dietfried Dembowski sehen, wie er sich mit „The Future“ auf den Ohre in ein Manuskript vertieft. Der Ermittler sitzt an seiner Dankesrede. Er ist der Ermittler des Jahres 2016. Er wird am nächsten Abend im Soldiner Eck, in der Hinterzimmerkneipe der Bundeshauptstadt geehrt werden, doch jetzt wollen wir in das Herz der Angst. An der Friedrichstraße verlässt Dembowski den 100er, und für einen Moment verlieren wir ihn.

Unser Blick streift das Kulturkaufhaus, und die Bettler vor der Sparkasse, die mit letzter Kraft die Tür aufreißen, und ihre vom Alkohol gezeichneten Hände öffnen, nur um von der eilenden Gestalt ungesehen passiert zu werden. Eine Rose weht vom „Züge ins Leben – Züge in den Tod: 1938–1939“-Denkmal. Sie schwebt in den Bahnhof, vorbei an den letzten Habseligkeiten, die Berthold Kernst in seinem Einkaufswagen hinaus zum Tränenpalast schiebt. Auf dem Ausflugsdampfer vergnügt sich eine Hochzeitsgesellschaft unter Girlanden. Auf einer kleinen Holzbühne steht Bourani, der sich verausgabt und am Reichstagsufer von einem hundertstimmigen Abgeordneten-Chor bei seinem Jahrhunderthit „Ein Hoch auf uns“ begleitet wird. Kurz hinter dem Bundestagskindergarten sitzen AnnenMayKantereit, um sie herum die Soziologie- und Pädagogikstudent/innen, die sich nichts mehr wünschen als diese eine Nacht und den Morgen danach, barfuß am Klavier. Sie schwenken ihre Wunderkerzen, während wir umdrehen und nach einiger Mühe Dembowski am falschen Ende der Friedrichstraße wiederfinden. Er schiebt vier Leute beiseite, und stürzt die Rolltreppe am Halleschen Tor hoch.

Die U1 in Richtung Kottbusser Tor. Ein Ghettoblasterbeat begleitet den Busker, der „Hurra Diese Welt Geht Unter“ vorträgt, nicht nur zum Erstaunen von Henning May, dessen Blick auf das Prinzenbad und dann wieder auf den Busker fällt. Hurra, diese Welt geht unter. Der Wagen steht still. Unter ihm fließt der Verkehr. May singt. Dembowski schüttelt noch einmal den Kopf. Hinter ihm fallen zwei Gruppen übereinander her. Jemand sagt: Halt!

Vorsicht an der Bahnsteigkante.

Und überall diese Menschen. Dembowski begrüßt mich, Genevieve Heistek, flüchtig. Die Junkies packen ihr Geschirr zur Seite, bilden eine Gasse, wir bewegen uns. Es riecht nach Urin, es riecht nach Erbrochenem, es riecht nach dem Ende aller Zeiten. Ein blutender Tourist fällt die Treppen hinunter, niemand sieht ihn stürzen, niemand kann ihn halten. „Ein Kollateralschaden“, sagt Dembowski, und verschwindet noch einmal im Späti. Schultheiss. Bei minus 4 Grad. Für ihn. Ein Rubbellos für mich, Genevieve Heistek. Es ist kein Gewinn.

Wir laufen. Dembowski trinkt. Dembowski raucht. Dembowski schweigt. Ich begleite ihn. Er ist ein Schatten seiner Vergangenheit. Er ist müde. Er hat die Finsternis gesehen, und ist hier, um mir davon zu berichten.

Aus der Broschüre Lichtkonzept der Stadt Berlin:

Das Lichtkonzept für Berlin basiert auf dem Grundprinzip der „Angemessenheit“. Dieses Prinzip gilt als Leitmotiv für das zu erreichende Lichtniveau, die zu erzeugende Lichtatmosphäre und Lichtfarbe, die Auswahl der Leuchtentypen in Bezug zu ihrem räumlichen Umfeld und nicht zuletzt für die mit künstlicher Beleuchtung verbundenen wirtschaftlichen, energetischen und ökologischen Rahmenbedingungen.

Kurz hinterm Moritzplatz beginnt das Niemandsland der Straßenlaternen. Kalt leuchten sie die Dunkelheit aus. Triste Hochhäuser säumen den Weg. Aus dem Motel One stolpern die Orientierungslosen, aus dem Kleinen Mohr die, die die nicht mehr laufen können. Taxen stechen in Richtung Jannowitzbrücke, Alexanderplatz und zurück nach Kreuzberg, nach Neukölln, zum Prinzenbad, zum Oranienplatz, zum Kottbusser Tor, in den nächsten Laden, der die Welt vergessen lässt, auf die nächste Feier, zur nächsten Frau, zum nächsten Mann, zur nächsten Diskussion über die große Zeitwende von 2016.

Über der Dunkelheit liegt der Morgen, der sich in einen kalten Winternebel hüllt. Alles ist erleuchtet, und alles ist dunkel. Auf der westlichen Seite wirbt ein Discounter um Kundschaft. Im Norden liegt Camden Town, oder das, was Berlin daraus macht. Im Norden liegt der Eingang zum Bahnhof Heinrich-Heine-Straße. Dort stehen sie und warten auf Einlass. Einmal in den KitKatKlub, einmal freizügig sein, einmal wild, noch einmal dieses Gefühl. Einmal Mensch sein. Einmal die Angst überwinden.

Es ist still. Nur das Rauschen der Motoren brandet an den Häuserwänden, schallt zurück und manchmal, wenn es ganz still ist, höre ich den schweren Atem des Ermittlers.

„Hier hatte ich Angst“, sagt er, „hier war ich dem Tode nahe.  Hier habe ich die Finsternis gesehen.“

Er geht weiter. Lässt den Lidl, der wie jeder ordentliche Discounter Berlins auf einem Grundstück im ehemaligen Todesstreifen gebaut wurde.

„Das kann man bis weit hoch, bis in das Märkische Viertel beobachten. Der Kapitalismus war schon immer ein schlechter Gewinner. Er benutzt die kühl erleuchteten Mahnmale seiner Dekadenz als Denkmal für seinen Triumph über den Unrechtsstaat, dessen ehemaligen Bewohner jetzt nach jahrelanger RTL-Beschallung und Discounter-Reichtum nach Aufklärung verlangen. Sie liegen, wie weite Teile des Westens, am Boden. Auf ihrer verzweifelten Suche nach einem Schwächeren wenden sie sich gegen die Allerschwächsten. Sie werden von einer bestialischen Elite geführt, deren Plan der Rückzug hinter eng gesteckte geistige Grenzen ist. Wenn der Allerschwächste verschwunden ist, müssen die Schwächsten dran glauben. Sie arbeiten an ihrer eigenen Abschaffung, immer in der Hoffnung, dass endlich einmal was Greifbares, was Schmerzhaftes in ihr Leben Einzug hält. Sie leben in ihrer Blase, und bringen sie mit aller Macht zum Platzen. Das werden sie nicht überleben.“

Dembowski nimmt einen neuen Schluck aus der jetzt bereits vierten Schultheiss-Flasche. Er zieht seine Mütze tief ins Gesicht, eine Strähne fällt ihm über die Augen.

„Wieso hatten Sie Angst, Dembowksi?“

„Ich sah mein Ende. Es war gut, aber es war endgültig. Ich stürzte, hangelte mich an einer Bank hoch. Und saß dort. Ich habe hier die Zukunft gesehen, sie war ohne mich.“

Dembowski schweigt. Er drückt mir sein Manuskript in die Hand.

„Dabei haben Sie sich noch so viel vorgenommen.“

Im letzten Jahr hörten wir wenig vom Ermittler, der sich endlich wieder auf sein Kerngeschäft, auf das geheime Beschaffen von Informationen, beschränkte. Manchmal ordnete er seine Welt ein. Eine Welt, die sich um den Fußball dreht. „Die Traumfabrik“, nennt er es in seiner Dankesrede, die er am kommenden Tag vor rund 10 Leuten im Soldiner Eck halten wird.

Dembowski ist müde. „Es wird ein langer, kalter Winter,“ sagt er. Da steigen wir in die U8 hinab. Betrunkene, Erschöpfte, Verarmte, Feierwütige, ein Feuerzeugverkäufer, ein paar Dealer, ein Paar küsst sich, jemand isst einen Döner, ein anderer randaliert, vier türkische Mädchen hämmern auf ihren Smartphones Nachrichten an die Nebenfrau.

„Diese Stadt vergeht in Angst. Niemand redet. Niemand weiß noch etwas zu sagen. Viel zu lang haben sie mit der Verunsicherung leben müssen. Wie geht es weiter? Was bedeutet der nächste Tag. Sie werden ihn erleben. Ich kann das von mir nicht mehr behaupten. Ich habe die Zukunft gesehen, sie war ohne mich.“

An der Pankstraße steigen wir aus. Dembowski verschwindet auf der Prinzenallee. Und ich, Genevieve Heistek, gehe die Badstraße hoch. Am Ende finde ich eine Craft Beer-Bar. Ein ruhiger Ort mit einer exzellenten Auswahl internationaler Biere. Justin Hagenberg-Scholz gesellt sich zu mir. „RaRa ist gestorben, ich arbeite am BER. Ich trinke Bier, natürlich nur das mit dem Doppel-E. Es war ein kurioses Jahr. Aber solange wir Drohnen haben, haben wir Hoffnung.“  Auf einer kleinen Bühne steht Andrea Schroeder. Ghosts Of Berlin. Die Geister von Berlin. Dietfried Dembowski, der Ermittler, ist einer von ihnen. Unsichtbar. Nicht greifbar. Und deswegen der Ermittler des Jahres 2016.

die geister von berlin