Hauke Schill, der Wirt mit den traurigen Augen, torkelt auf die Straße und krächzt mit letzter Kraft: „Schulle! Wer ist dabei?“

Ich springe von meinem Tisch nahe der Friedhofsmauer auf. Das brauche ich jetzt. Im Affenkäfig kicken ein paar Kids. Einer trägt ein altes CR7-Shirt, einer die Farben von Fenerbahce, und einer das Katar-Trikot der Blaugrana. Kein Hertha, kein Bayern, kein BVB. Hier ist die Liga noch nicht angekommen. Über der Soldiner schwirrt die Juni-Sonne, und ich lege mich erschöpft zurück. Schill ist jetzt da. Ein Schulle. Das hatte mir gefehlt. Während ich nahe der Friedhofsmauer sitze, mein Schulle begutachte, und dann auf den Affenkäfig starre, erzählt mir Ridley Ferundula von seinen letzten Trips durch das Land. Er habe Flugangst sagt er mir, und dass er mit den Bayern nichts mehr zu tun haben wolle. „Sie haben mir den Deal meines Lebens zerstört,“ sagt er und ich schaue ihn träge an.

„Du bist kein Raiola. Du musst auch mal eine Nummer durchziehen. So wie Mino.“

Doch davon will er nichts wissen.

„Der zieht nur miese Nummern durch. Er hat den BVB erpresst.“ Ich lache auf.

„Ist das nicht dein verdammter Job?“

Ich lege mich zurück und blicke auf die Wolke, die sich vor die Sonne geschoben hat. Atempause. Sommerpause. Nie habe ich sie mehr genossen als nach dieser Saison.
Schill sitzt jetzt auch bei uns. „Läuft nicht“, sagt er und meint seinen Laden, aber eigentlich sein Leben, unser Leben. Ich setze die Schulle-Flasche an und stürze sie mit einem Schluck hinunter.

„Doch“, antworte ich, und meine das Leben. Mein Leben.

„Ich bin Bale!“ klingt es vom Affenkäfig hinüber und der vielleicht siebenjährige Junge im Barcelona-Trikot nimmt Anlauf. „Das ist CR7“, ruft der im CR7-Trikot. Er ist größer, ein wenig älter. Sie diskutieren jetzt. Ein kleines Handgemenge.

„Machste mir noch ein Schulle, Hauke?“

„Klar!“ und Abgang Schill. Der letzte Kunde ist König. Auf der Leinwand an der Friedhofsmauer läuft wieder ein Spiel. Polen gegen Portugal. Früh einigen sich beide Teams auf ein Elfmeterschießen und passen sich über weite Teile des Spiels den Ball in der neutralen Zone hin und her. Es gibt kaum Fouls, noch weniger Torchancen und am Ende einen Verlierer, Kuba, und einen Gewinner, Portugal. Die Fortschreibung einer hässlichen Saison, in der es nicht nur abseits des Spielfelds, dort also wo die Transfersummen explodierten und die Gier nach immer neuen, nach immer aberwitzigeren Geschichten längst krankhafte Züge angekommen hatte, sondern eben auch auf dem Spielfeld nur Verlierer gegeben hatte. Dachte ich zumindest, wenn ich auf die Saison zurückblickte.

Aber was sollte ich mich groß beschweren. Es hat mich ohnehin nicht mehr interessiert, wie ich da fast die komplette Runde auf meiner Bank auf der Lamafarm gesessen hatte. Manchmal sprach ich mit Koi, der jedoch über die Monate meiner Nähe überdrüssig wurde und sich in den Tiefen des Sees versteckte. Einmal ging ich tauchen, doch ich fand ihn nicht. An einem anderen Tag, ich stapfte gerade über den Steg, sah ich ihn und er mich und wir blickten uns an. Da war nur noch unsere gemeinsame Geschichte, doch eine Zukunft, das bedeuteten seine Augen, hatten wir nicht mehr.

Es gab auch keine Kraniche mehr. Sie waren im Februar nach kurzer Rast weitergezogen. Jetzt würde es wieder bis in den September dauern. Klar, hin und wieder verirrte sich ein Storch auf der Farm. Und immer war da der Milan, der auf Beute lauerte. Aber es gab also nur noch Dörte, die Lamas und mich. Und meine Bank. Auf der ich tagein und tagaus saß, und die Nachrufe aus den Zeitungen schnitt, nur um sie mit einem Seufzen in ein Album, das ich nach Bowies Tod angelegt hatte, zu kleben.

Sie waren jetzt alle tot, und täglich ging jemand anders. Nur die Natur hatte sich vom Winter erholt, und der ewige Kreislauf aus Erwachen, Erblühen, Scheinen, und Sterben ging in die nächste Runde. Einmal ging jeder auf seine letzte Runde, dachte ich und klebte einen weiteren Nachruf in das Album.

In Berlin leuchtete das Brandenburger Tor erst in den Nationalfarben Belgiens, dann regenborgenfarben und wenig später schon legte sich der Halbmond über die Quadriga. Auf dem Pariser Platz bekundeten Politiker wie Bürger ihr Mitgefühl für die Opfer der Anschläge. Auch hier ging das große Sterben weiter. Mal waren wir Charlie, und mal waren die Türkei, aber immer waren wir betroffen und hilflos. In der großen Welt der Politik gewannen die Verführer Oberhand, und vielleicht hätte man etwas tun sollen, aber immer kam eine Erregung dazwischen. Wir diskutieren die zukünftigen Maßnahmen, die Auswirkungen und sahen die Wand ja auch kommen.

„Vielleicht müssen wir erst den Aufprall spüren. Vielleicht ist es das wonach wir suchen? Wir sitzen bequem auf unseren Bänken, in unseren Kneipen, in unseren Diskussionssälen, an unseren Schreibtischstühlen und warten, dass es endlich etwas passiert, dass uns wieder fühlen lässt,“ hatte Dörte einmal gesagt und ich ihr zugestimmt. Vielleicht war es das.
Ein ganzer ähnlicher Effekt war auch im Laufe der Bundesliga-Saison eingetreten.

Dortmund spielte präzise, abwartend, lauernd, geduldig, verharrend und eilte mit technokratischer Kühle von Erfolg zu Erfolg. Als Klopp das Spiel eskalieren ließ, fanden sie keine Antwort, jedoch zumindest einen Punkt in mir. Ich blieb in dieser Nacht ohne Schlaf. Die Stunde der größten Niederlage der Borussia war in dieser Spielzeit die Stunde meines größten Triumphs. Für einen kurzen Moment war die Emotionslosigkeit überwunden, für einen kurzen Moment spürte ich etwas.

Danach zerfiel Klopps alte Mannschaft. Gündogan machte seinen Traum vom Ausland wahr, Hummels zierte sich kurz öffentlich und kehrte nach München zurück, Mkhitaryan, der ohnehin erst spät und wenig erfolgreich unter Klopp gespielt hatte, verließ seinen großen Mentor Thomas Tuchel und für Neven Subotic hatte man, wie im Vorjahr bereits für Großkreutz und Kuba, einfach keine Verwendung mehr. Das war die andere Seite. Erwachen, Erblühen, Scheinen und Sterben. Das Ende des Kreislaufs.

Justin Hagenberg-Scholz will davon nichts wissen. Er sitzt jetzt auch neben uns. Ein Kiba vor und die letzten Auswertungen der Laufwege von Jonas Hector und Joshua Kimmich neben sich. „RaRa ist auch gestorben“, sagt er, und dass man ja doch nicht stoppen könne. „Im Dong Xuan hat es auch gebrannt. Aber jetzt ist EM. Wir sollten uns um Hector kümmern. Der bereit mir größte Sorgen.“ Er zeigt auf die Statistiken. Gefühlt kam keine Flanke an. Ferundula sagt „Schmelzer“ und sie diskutieren. Bei Erik Durm steige ich aus.

Ich müsste ihnen eigentlich zustimmen, ja wenigstens zuhören. Aber da sind die Schulle in mir, da ist die Hitze und auch ein Anflug von Ehre. Ich zeige auf den letzten Röckenhaus. Direkt aus Akis Büro diktiert.

Mkhitaryan. Der große Verräter, der die Dortmunder Ideale gegen das englische Kapital eintauscht, kurz bevor Farage die Grenze für immer schließen lässt. Der goldene Käfig. Der betrügerische Agent. Der willenlose, feige Spieler, der seine Entscheidung als Textnachricht an seinen großen Ziehvater übermittelt. Er soll Geld bringen und dann scheitern. Das ist die Ansage.

Ferundula sagt, dass ihn das überhaupt nicht interessiere, und Hagenberg-Scholz redet über Andre Schürrle. Hauke Schill freut sich über die großzügige Spende des Unternehmers Kühne. Miriam Wu reist erst nach China und dann in die Vereinigten Staaten. Auf der Leinwand vor der Friedhofsmauer begräbt Tim Wiese Italien.

Erwachen, Erblühen, Scheinen und Sterben.

Das ist der Kreislauf.

Ich fühle mich schwach. Noch ein Schulle, denke ich und dann wird es dunkel.

 

the end

das letzte schulle