“Diese Bilder würden wir nie bringen”, sagte Miriam Wu.

„Wasnlos?“ Dembowski leerte sein fünftes Bier des Abends. Saisonauftakt im Jahnsportpark. Empor gegen VSG Altglienicke. Berlin-Liga.

77 Minuten waren gespielt. 2:0 für die Gäste, die seit der 76. Minute auch auf die Geniestreiche des ehemaligen Wolfsburgers Kevin Pannewitz setzen konnten.

Der Mittelfeldspieler hatte sich erst Anfang der Woche mit einem Zeit-Text zurück ins Gespräch gebracht.

Die Geschichte seines Absturzes hatte Dembowski fasziniert. „Mein größter Feind ist der Kühlschrank“, hatte Pannewitz der Wochenzeitung erklärt. Die Geschichte drehte sich um Alkohol, Nachtklubbesuche, Felix Magath, und das alltägliche Scheitern abseits der Scheinwerfer. 

Es ging um den Rausch nach der Niederlage, und dass was mit einem passiert, wenn der Profifußball nicht mehr die schützende Hand über einen legt.

Mit gerade 23 Jahren war Pannewitz am sportlichen Tiefpunkt seiner Karriere. Der Traum von der ersten Liga war längst ausgeträumt. Von Hansa Rostock ging es 2012 zum VfL Wolfsburg. Er blieb ohne Einsatz. Es war Magaths Endzeit. Über den Vierligisten Goslar war er zu Saisonbeginn zurück in seine Heimstadt Berlin gekommen. Mittlerweile über einhundert Kilos schwer.

Er wolle jetzt bei der Berliner Stadtreinigung eine Ausbildung beginnen, hatte der Mittelfeldspieler der Zeit gesagt.  Nebenher würde er bei der VSG Altglienicke kicken. Alles würde schon irgendwie okay werden.

Zu Spielbeginn saß Pannewitz auf der Bank.

Dembowski beobachtete ihn. Er war Teil der rund 200 Zuschauer, die sich an diesem Donnerstagabend im ewigen Sommer 2015 auf einem Nebenplatz im Jahnsportpark eingefunden hatten.

Der Ermittler trank Bier.

Veltins aus Warsteiner-Plastikbechern. Viel schlimmer hätte es nicht kommen können.

Die leeren Becher trug der Wind über die Laufbahn in Richtung Rasenplatz, auf dem sich beide Mannschaften um Struktur bemühten. Es gelangen ihnen wenig. Erst gegen Ende der ersten Halbzeit konnten die Gäste aus Altglienicke durch einen Kopfballtreffer in Führung gehen. Schiedsrichterin Katja Kurbelt hatte mit der Partie wenig Probleme.  

Dembowski trank Bier.

Veltins aus Warsteiner-Plastikbechern. An der Theke traf er Miriam Wu. Es hätte nicht schlimmer kommen können.

Wu hatte ebenfalls den Zeit-Text gelesen. „Das hat mich natürlich interessiert. Wie kann man so versagen? Der hat sein Leben nicht im Griff. So traurig“, sagte sie.

Wu machte irgendwas mit Medien. In den oberen Etagen, wie sie mehrfach wiederholte. 

„Wir liefern Euch die Bilder“, sagte sie, und schwieg sich weiter über ihre genaue Position aus. Immerhin besorgte sie Dembowski noch ein Bier, „obwohl das ja eigentlich nicht so mein Ding ist.“ Aber sie bemerkte, dass der Ermittler in der Sommerhitze beinahe dehydrierte.

Während Pannewitz in der Pause auf dem Platz ein paar präzise Pässe spielte, und ein langjähriges Empor-Mitglied zum 70. Geburtstag einen Wurstkorb überreicht bekam, verwickelte Wu Dembowski in ein Gespräch.

Sie redete gerne. Ihr Leben war aufregend, und heute war sie hier und morgen war sie da. Immer unterwegs. Keine Pause, denn der Fußball bewegte sich immer weiter, und sie bewegte ihn. Sie war ein Taktgeber.

„Sehen Sie, Herr Dembowski“, sagte sie.

„Aus Pannewitz hätte was werden können. Aber sein größter Gegner war der Kühlschrank. Er hat sich gehen lassen. Er hat immer wieder von einem Neuanfang geredet, aber er hat es nie geschafft. Er ist ein Versager.“

Kevin de Bruyne hielt Wu nicht für einen Versager.

„Wir werten das ja alles aus. Mehr Reichweite hatte in den letzten Monaten kein anderer Spieler der Bundesliga. Das ist natürlich großartig für den VfL Wolfsburg. In fast jedem Bericht fällt der Name Volkswagen. Das freut auch den Geldgeber. Die DFL wird erwähnt, der DFB. 73% aller Berichte sind positiver Natur, nur 2% haben eine negative Grundstimmung. Das ist gut für die Bundesliga. Es sind so viele wunderbare Sachen passiert. Aber natürlich, die Engländer laufen uns trotzdem davon.“

Dembowski trank Bier.

Es konnte immer schlimmer kommen. 

Hinter dem Altglienicker Tor wärmte sich Pannewitz auf. Die Gäste führten mittlerweile 2:0. Einige Empor-Fans sahen in Schiedsrichterin Katja Kurbelt die Hauptschuldige für die drohende Niederlage.

Wu sagte: „Für einen Season Opener haben die Verantwortlichen das Spiel nicht gut in Szene gesetzt. Das hätte man anders aufziehen müssen. Ich bin ein wenig enttäuscht. Nur der Pöbel schimpft wieder gegen den Schiedsrichter. Es ist schrecklich.“

Ein weiterer Becher rollte wie Tumbleweed in Richtung Spielfeld.

Auf der anderen Seite machte sich Kevin Pannewitz bereit.

„Kevin Pannewitz spielt Champions League auf PS3, die ganze Nacht, von 12 bis 8“, begrüßten ihn die Empor-Fans. In etwa zur gleichen Zeit unterzeichnet Mo Idrissou einen Vertrag beim Fünfligisten KFC Uerdingen.

„Nie wieder Bundesliga“, schallte es vom Sportheim rüber in Richtung Seitenlinie. Die Zuschauer rauchten, tranken und verhöhnten den ehemaligen Rostocker. Dieser trabte auf den Platz. Er positionierte sich an der Mittellinie.

Wu war erschüttert.

“Diese Bilder würden wir nie bringen”, sagte sie. „Zur neuen Bundesliga-Saison haben wir ein paar neue Übertragungsrichtlinien.“

Dembowski nickte pflichtbewusst. Er nahm einen großen Schluck Bier und feuerte den leeren Becher auf die Laufbahn. „Nie wieder Bundesliga!“

Auf dem Platz erhielt Pannewitz den Ball, kurz hinter der Mittellinie. Er blickte auf, spielten einen klaren Steilpass hinter die Empor-Verteidigung. Ein Mitspieler erlief ihn, legte in die Mitte. Atlglienicke führte 3:0. Ein paar Minuten später, nun im eigenen Strafraum, den man Box nannte, fand sich Pannewitz hilflos auf der Erde wieder. Sein Gegenspieler schob zum 1:3 Anschlußtreffer ein.

„Habe ich es doch gesagt. Der verschleudert sein Talent.“

Dembowski ging zum Bierstand.

Kurz vor Abpfiff, es stand mittlerweile 4:1, kehrte er zurück.

„Was haben Sie da gerade erzählt, Frau Wu?“

Er war bemüht, Distanz zu wahren. Er wollte mit dieser Frau keine Gemeinsamkeiten haben.

„Es gibt da einen Vergleich zwischen der Premier League und der Bundesliga. Welches Image transportieren die Ligen? Welche Bilder werden erzeugt? Wie werden diese angenommen? Die Bilder der englischen Liga sind durchweg positiv. Die Fans jubeln, die Fans springen, die Fans singen. Es ist der perfekte Fußball. Es ist das perfekte Fernseherlebnis. Positive Emotionen. Das lieben wir.“

Dembowski nickte pflichtbewusst. Er nahm einen großen Schluck Bier. Es konnte immer noch schlimmer kommen.

„Wir lieben Multikulti. Das lieben wir. Auch in der Bundesliga. Das wollen wir zeigen. Das sind die Bilder, die wir in die Welt transportieren wollen. Wir wollen keine trinkenden Fans mehr zeigen, wir wollen keine rauchenden Fans mehr zeigen. Wir wollen keine Fans mehr zeigen, die sich kaum noch auf den Beinen halten können.“

Dembowski steckte sich eine Kippe an. Er nahm einen großen Schluck Bier. Hinter ihm beschimpften ein paar Fans Schiedsrichterin Katja Kurbelt, die nun, es war die 89. Minute auf den Elfmeterpunkt zeigte. Einige Bierbecher flogen. Ein paar Fans, die es vom „Berlin Tag & Nacht“-Set noch rechtzeitig zur zweiten Halbzeit in den Jahnsportpark geschafften hatten, gestikulierten wild.

Wu fuhr fort.

„Wir lieben Tricks. Wir lieben den doppelten Übersteiger. Wir lieben aber auch die schöne Ballanahme aus der Luft. Wir lieben nicht nur die Trickwelt, sondern wir lieben die Schönheit des Spiels. Wir lieben Emotionen. Echte Emotionen. Aber wir lieben nicht den Fan, der den Mittelfinger zeigt. Die, die sich aufregen, haben links eine Zigarette in der Hand und rechts das Bier. Die Halsschlagader platzt. Das lieben wir nicht. Und das filmen wir nicht. Wir wollen ein positives Bild der Liga produzieren. Es geht raus in alle Länder dieser Welt. Der deutsche Fußballfan ist zivilisiert. Das wollen wir zeigen.“

Dembowski drückte seine Zigarette aus. Er nahm noch einen Schluck Bier. Mittlerweile konnte er sich nicht mehr auf den Beinen halten. Kevin Pannewitz verwandelte den Elfmeter zum 5:1 Endstand, Kurbelt beendete das Spiel. Ein paar Fans stürmten in Richtung Seitenlinie. 

Auf ein Selfie mit dem Star der sechsten Liga. 

Andere sangen: „Alle haben geschwitz, alle haben geschwitz, außer Kevin Pannewitz.“ Wu schüttelte den Kopf, und der ehemalige Rostocker wirkte zufrieden.

Dembowski beschloss, am Wochenende auf die Bilder des Saisonauftakts zu verzichten und reiste nach Dortmund. Der BVB besiegte Borussia Mönchengladbach mit 4:0. Es war ein wunderbares Spiel, aber auch nur das erste Spiel der Saison. Sie würde besser laufen als noch die Vorsaison, keine Frage. Das freute den Ermittler. 
Fußball war jetzt große Unterhaltung. Wer aus dem Raster der neuen Weltoffenheit fiel, der wurde ignoriert. Fußballfans waren keine Verbrecher mehr, sie tranken nicht einmal mehr Bier oder rauchten. Sie bejubelten die Stars auf dem Rasen. Und wer dort durch das Raster fiel, der fiel für eine lange, lange Zeit. Dembowski mochte keine Heldengeschichte. 
brave new world – der erste spieltag