der hammer! unternehmer übernimmt bvb

Es ist der Trainer-Hammer der Liga! Holger Stanislawski (47 / Unternehmer) wird der neue starke Mann bei Borussia Dortmund!

Es ist der Absturz der Saison. Und jetzt zieht der BVB die Reißleine. Der Graben zwischen Hans-Joachim „Aki“ Watzke und Thomas Tuchel ist unüberwindbar. Dortmunds Champagner-Coach steht kurz vor der Ablösung.

DID weiß: Die Verhandlungen mit Holger Stanislawski sind bereits weit fortgeschritten. Der Supermarkt-Geschäftsführer ist bereit. Tuchel vor dem Aus! Er muss jetzt gegen Leipzig liefern.

Aber der nur-noch Trainer (Absturz im Macht-Ranking) ist angezählt.

„Wir haben mit dem Projekt Rewe-Supermarkt etwas aufgebaut, was großartig läuft. Da muss schon ein Trainerjob kommen, der zu 100 Prozent passt“, sagte Stanislawski noch in dieser Woche einer Fußballzeitung.

Jetzt das Angebot. Der Erfolgscoach kehrt zurück in die Bundesliga.

Von seinem ersten Gehalt will er „alle Logen bei St. Pauli und dem HSV kaufen und Transparente aufhängen, wo draufsteht: Scheiß Millionäre.“

Warum Stani? „Weil er sehr gut zum BVB passt“, sagt ein Insider. Zuletzt hatte der REWE-Boss Angebote aus Darmstadt und China ausgeschlagen. Feinkost statt Tiefkühlkost. Der BVB steht vor einer goldenen Zukunft.

im sperrfeuer

Ich weiß gar nicht mehr, wo ich war oder wie spät es war. Aber Justin rief an, also war es früh.

Seit Tagen hing ein Grauschleier über der Stadt. Die Abwesenheit der Sonne machte mich fertig. Aus Menschen wurden Geister. Und aus mir wieder einmal ein Trinker. Ich stieg hinab in die Unterwelt. Ich hatte mir ein Wochenticket für die BVG gekauft, und war ziellos zwischen den Orten. Ich mied die Endbahnhöfe, und die Zwischenbahnhöfe, an denen aus der U-Bahn eine Hochbahn wurde. Es war meine planerische Meisterleistung.

Für mich gab es kein Tag, und keine Nacht. Ich ernährte mich von dem, was in den Schächten angeboten wurde. Ich schlief, wann immer mir die Augen zufielen. Ich wachte auf, steuerte den Alexanderplatz an, bewegte mich auf der Mittelebene, trank einen Kaffee, schnappte mir ein Croissant, und einen neuen Schulle-Träger. Manchmal lasen die Menschen Zeitungen, dann begann der Tag, und manchmal tranken sie Bier und grölten. Dann war es Nacht. Hin und wieder belauschte ich die WhatsApp-Konversationen der aufgeregten Teenager, doch meist waren Halma mein Soundtrack. Sie umschlossen meinen Ohren.

Hier unten fühlte ich mich sicher. Seit einigen Tagen herrschte dort oben Krieg. Das entnahm ich dem Berliner Fenster und den gesenkten Köpfen der Mitreisenden. Hier war ich sicher. Hier war ich in meiner Kapsel, in meinem Schutzraum. Ich sprach kein Wort, und dachte kein Wort. Ich war die U-Bahn, die durch die Dunkelheit schoss. Ich war die U-Bahn, die Menschen aufnahm und sie an ihre Bestimmungsorte transportierte. Hier war ich sicher. Und irgendwo zwischen Nauener Platz und Westhafen erfuhr ich vom 2:1 Sieg der Dortmunder.

Ich fuhr weiter durch die ewige Nacht. Ich war nicht mehr müde. Wenn ich schlief, dann nur für Minuten. Und wenn ich wachte, dann für Stunden. Ich hörte Halma, und ich trank Kaffee, und ich hörte Halma und trank Bier. Ich war die U-Bahn, die diese Stadt am Leben hielt, und ich war die U-Bahn, die mich am Leben hielt. Das Berliner Fenster berichtete vom Isak-Transfer und der Pulisic-Verlängerung. Es sah gut aus für den Ballspielverein. Immerhin. Das würde den Krieg erträglicher machen.


Ich weiß gar nicht mehr, wo ich war oder wie spät es war. Aber Justin rief an, also war es früh. Hagenberg-Scholz arbeitete jetzt 24/7. Er liebte den Geruch der frischen Zeitungsbündel, und er verbrachte Nächte damit, die Remittenden vorzubereiten. Er hatte sich sein eigenes Reich geschaffen. „Alles ist besser als das Wärterhäuschen“, hatte er einmal zu mir gesagt. Sogar seinen Kunden konnte er etwas abgewinnen.

Manchmal, wenn Zeit war, diskutierte er die neuesten Drohnengesetze. Er überlegte, ein Drohnenaktivist zu werden. Und er feilte an seinen Analysen. Manchmal, das erfreute ihn, kam Berenice Hagenberg-Scholz vorbei. Mal brachte sie Käsekuchen, mal frischen Endivien-Salat. Den mochte er. Dazu trank er einen Smoothie. Es war gut jetzt. RaRa lebte in den Herzen der Hagenberg-Scholzens weiter. Immer wenn er Leipzig sah, vergoss er eine Träne. Aber sonst: Ja, alles war gut.

Irgendwann wollte er Schill einen Sky-Anschluß abschwatzen, bis dahin streamte er alte Spiele über den kleinen Überwachungsmonitor. Dann saß er dort mit seiner Brille, seinen Unterlagen, seinen Handbüchern, und natürlich seinem Setup. Er würde vielleicht nicht die Welt erobern, aber er es zumindest den Amateuren bei miasanrot zeigen.

Klar, sie hatten ihm eine Chance gegeben, doch die hatte er auch beim DID bekommen. Im Herzen, aber das hatte er sich noch nie auszusprechen getraut, blieb er Schalker. Er litt mit den Königsblauen. Eines Tages wollte er die Schalker Meile besuchen. Für ihn war sie das achte Weltwunder. Aber wie konnte er es mir vermitteln? Wie sollte er es Schill erklären? Ihm war nicht bewusst, dass wir ihm längst auf die Schliche gekommen waren.

Aber das war jetzt egal. Das hörte ich aus Justins Stimme. Er sorgte sich. Ich war jetzt auch in voller Sorge. Justin hatte eigentlich sein „Mitte-der-Probezeit-Gespräch“ bei miasanrot, und seit Wochen davon erzählt.  Aber darum ging es jetzt nicht.

„Dietfried. Es ist was passiert.“

Ich war längst aus der Bahn gestiegen. Friedrichstraße. Aus der U6, ich liebte die Linie, da sie kaum an die Oberfläche drang, war ich auf die Mittelebene gelangt. Menschen hasteten an mir vorbei. In einer Ecke rollte jemand seinen Schlafsack zusammen. Ich schmiss ihm ein paar Euro nach.

„Was ist denn los?“

Ich hatte jetzt sicher eine Woche nicht mehr gesprochen. Mein Hals kratzte. Hastig zündete ich mir eine Kippe an, schnappte mir mit einem Blick einen Kaffee, sie kannten mich, und wartete. Doch Justin atmete nur schwer.

„Machtkampf in Dortmund, Dietfried. Niemand redet mit Tuchel. Er wird nicht mehr informiert. Steht alles in der SportBild.“

Mein Blick wanderte über die Auslage. Es gab noch einen Kaffee. Ich ging zurück. Der Typ mit dem Schlafsack war noch da. Er stand dort. Seine Schuhe zerfleddert, mit leeren Augen blickte er mich an. Ich drückte ihm den Kaffee in die Hand. Ich musste überlegen. Zeit gewinnen.

„Ruf Miriam an. Ruf Schill an. Das ist ein Notfall. Wenn die nicht mehr reden, dann Gnade uns Gott!“

„Ist es wirklich so schlimm?“

„Ist draußen Licht?“

„Nein. Alles ist schwarz, und wenn es nicht schwarz ist, dann ist es grau. Die Menschen sind Geister.“

Ich atmete auf. Es würde mir das Auftauchen erinnern. Nach Luft schnappen, wie Koi es mir gelehrt hatte. Ich würde es schaffen.

„Justin! Ich bin in 30 Minuten da. Ruf Schill und Miriam an.“


Eine Stunde später rannte ich die Treppen der Eberswalder runter. Es war dunkel. Der Verkehr rauschte über die Kreuzung, ein Tram schoss an mir vorbei. Ich drängte mich durch die Morgenpendler und Nachtschwärmer. Jemand fiel die Treppe hinunter. Er hatte nicht aufgepasst, fluchte im Sturz. Ich würdigte seine Aufregung nicht. Dort standen Justin, Miriam und Hauke. Sie wirkten besorgt, besorgter als ich es erwartet hatte.

„Wer bringt mich up to speed?“

Miriam wagte es. Sie erzählte von einem einsamen Trainer, der abends Gin Tonic schlürfend am Rande der Tanzfläche stand, in der anderen Hand eine Büchse Erdnüsse. „Die Gesalzenen“, betonte die Wu, und schaute mich entgeistert an.

„Was hat das zu bedeuten?“

„Lass sie doch ausreden!“

„Was wirste gleich so patzig, Schill?“

„Dietfried, komm runter. Hör einfach zu.“

So kannte ich Justin nicht.

Wu redete weiter. Sie schilderte die wahrscheinlich größte Krise der Vereinsgeschichte. Ihre Erzählung stellte alles in den Schatten, sogar die Beinahe-Insolvenz von 2005.

„….wenn Watzke nicht aufpasst, ist der BVB bald Geschichte. Sie verbrennen die große Trainer-Hoffnung. Er ist eloquent, er ist modern, er kann Laptop, aber er kann auch Emotionen. Auf seine eigene Art. Er macht sich rar, somit umso wertvoller. Borussia verheizt ihn. Die DFL, so hört man, is not amused. Es geht um die Internationalisierung, das große Geschäft, um die Machposition innerhalb der UEFA, der ECA natürlich auch. Es geht um Tuchel. Der hat im Ausland die höchsten Sympathiewerte. Er ist eine Marke, das sagt nicht nur Hitzfeld. Die DFL steckt da tief drin. Sie werden Dortmund stürzen, wenn Dortmund Tuchel stürzt und Dortmund dadurch die Champions League verpasst. Diese Art von schlechter Presse kann niemand gebrauchen. Schon gar nicht die DFL. Dann eben Leipzig. Ein paar neue Studien zeigen, wie wichtig die Bullen nicht nur für die Region, sondern für das ganze Land sind.“

„Miriam, sag, dass das nicht wahr ist!“

Justin stampfte mit den Füßen.

„Halt die Schnauze! Good news for people who love good news. Any press is good press.“

“Du bist so ein Spinner, Dietfried.”

Justin ging auf mich los. So kannte ich ihn nicht. Ich wehrte mich mit eins, zwei lockeren Schwingern, die Hagenberg-Scholz souverän parierte. Die Tage unter der Erde waren mir nicht bekommen. Ich blickte in den Himmel. Er war grau. Aber es war Tag. Für einen kurzen Moment war ich abgelenkt. Justin drückte mir einen Aufwärtshaken direkt unters Kinn. Ich fiel.

„Du Drecksschalker!“

Es war ausgesprochen. Ein Dammbruch.

Um uns herum hatte sich längst eine Traube gebildet. Hauke war bemüht, den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten. Vielleicht gelang es ihm. Vielleicht auch nicht. Ich lag dort auf der Erde. Und würde so schnell auch nicht mehr aufstehen. Justin stand über mir. Seine Schuhe landeten in meinen Rippen. Wirkungstreffer. Ich zählte: Eins, zwei, drei, vier. Dann hörte es auf.

„Drecksschalker? Reden wir nicht mehr drüber.“

„Immerhin nicht 1904!“

Schill lachte.

Justin zog mich hoch. Ich kannte ihn wirklich nicht mehr. Schill lachte, Wu hingegen wirkte nervös.

„Wir haben keine Zeit!“

Meine Rippen schmerzten. Ich stemmte meine Arme in die Hüften. Einmal Luft holen. Worum ging es überhaupt? Und wieso war ich an die Oberfläche gekommen. Hier herrschte Krieg. Jeder gegen jeden. Justin hatte es mir eindrucksvoll demonstriert. Auf diese Wucht war ich nicht vorbereitet. Wie auch. Die Woche forderte ihren Tribut. Schill drückte mir ein Schulle in die Hand.

„Ne Ausnahme. Wir brauchen Dich.“

Und ich brauchte das Schulle. Ich stürzte es runter. Hagenberg-Scholz blickte finster. Er war erschrocken. Er war kein Fan von körperlicher Gewalt. Ich aber hatte eine Grenze überschritten, ihn zu einer Reaktion genötigt. Er war enttarnt.

Wu schwieg. Sie verzweifelte. Aber sie wusste: Nur wir konnten den BVB retten. Und die DFL wollte den BVB nicht fallen lassen. Doch sie stand kurz davor. Damit stand alles auf der Kippe. China, der Pulisic-Vertrag und somit der Siegeszug in den USA, der Ruf der Liga, das soziale Gewissen des Fußballs, denn das war der BVB.

„Reißt Euch zusammen. Dietfried, Du fliegst nach Dortmund. Cessna ab Tegel. Ich habe Dir was zusammengestellt. Leg Dich nochmal hin. Und sei pünktlich.“


Schlaf jedoch war mir fremd geworden. Schill schlug mein Notlager auf. Unter der Bahn. Neben der Kreuzung. Alles andere hätte ich mir nur verstört. Ich schlief ein. Langsam, ganz langsam. Der Schlaf holt Dich sowieso.

Irgendwann war ich in Tegel. Davon hatte ich nichts mitbekommen. Schnell noch ein Schulle. Die Citation CJ4 stand an D. Ein langer Weg bis auf Rollfeld. Der graue Vorhang reichte beinahe bis auf den Boden des Flughafens. Ich genoss die Dunkelheit, besser grau als blau, dachte ich mir, und sah auf die Bildschirme vor mir. Spielszenen der Borussia. Ein Pressegespräch von Tuchel. Sky News Ultra HD. Die Meisterfeier 2011, die Jubelbilder aus Berlin. Ein Jahr später. Wembley 2013. Wolfsburg im November 2013. Im Schnelldurchlauf. Immer wieder. Was wollte Wu mir sagen?

Über die Lautsprecher lief ein schleppender Song. Piano, eine flirrende Gitarre.

„It takes so long for you to name the part…where it fell apart.“

Wolfsburg. Die 44.Minute. Es war so klar. Das war es.

Der Flug verlief unspektakulär. Ich ging noch einmal die Unterlagen durch. Wu hatte gut gearbeitet. Aber ich würde den Verein nicht bekommen. Ich brauchte ein Sperrfeuer, ich brauchte Justin Hagenberg-Scholz. Anders würden wir die Situation nie lösen können. Wu verstand sofort.

„Die Akte Weigl?“

„Ja.“

„Fantastische Idee. Darauf werden die stehen. Die Maschine pendelt. Justin und die Akte sind auf dem Weg.“


Am Dortmunder Flughafen hatten sie groß aufgefahren. Ein alter Diplomat B 2,8. Automatik. Aki, kleiner als ich in Erinnerung hatte, war mit Cramer gekommen. Cramer erzählte von Wus Anruf. Er sorgte sich. Aki schritt

„140 PS, Servolenkung. 2.753 cm³ Hubraum. Klopp wollte den nie. Jetzt fahr ich ihn. Dembowski, uns geht es hier um Tradition. Der Coach macht alles kaputt. Weide will nicht mehr. Die Mannschaft auch nicht. Ich stehe so kurz davor, Weide zum Spielertrainer zu machen.“

„Aki! Ich bitte Dich!“

Cramer wurde nervös

„Er spielt kein Skat!“

„Ich auch nicht.“

Wir passierten Aplerbeck. Die alten Kasernen rechts waren längst verschwunden, auf der südlichen Seite ein Industriepark entstanden.

Cramer telefonierte mit Wu. Er war blass. Er stotterte. Wu konnte sehr dringlich sein.

„Brackel?“, fragte ich Aki.

„Wir fahren in die Geschäftsstelle.“

„Aki. Ich muss mit Tuchel reden.“

„Wieso? Der redet nicht.“

„Weigl! Das geht nicht mehr lange gut.“

„Er ist unsere Zukunft. Dembele, Passlack, Weigl, Pulisic, Mor, Isak. Die Jungs sind unsere Zukunft. Merino auch. Aber der spielt nie.“

„Darum geht es, Aki! Merino spielt nie. Der Don aber ist die Lösung. Hagenberg-Scholz kommt nach. Der bringt die Akte mit!“

„Welche Akte?“

Wir passierten eine riesige Traglufthalle. Die Häuser waren jetzt zweigeschossig. Der alte Teil der B1. Der Westfalendamm. Zuhause.

Ich nahm all meinen Mut zusammen. Ich durfte keinen Fehler machen.

„Die Akte Weigl! Hier ist der Plan.“

Ich erinnerte Aki an Weigls Ankunft. Er war Dortmunds letzter großer Transfer. Aber jetzt liefen sie Gefahr, ihn dem Tuchelschen System zu verheizen. Weigl, das war mir klargeworden, war die Schwachstelle der Borussia. Die Schwachstelle auf dem Platz. Außerhalb gab es einhundert und mehr. Tuchel aber hatte das nicht zu interessieren.

„Wir setzen Hagenberg-Scholz auf Tuchel an. Er bringt alles mit. Erdnüsse, Champagner, guten Gin. Die werden das stemmen. Wir müssen den BVB von seinen Fesseln befreien. Wir müssen verhindern, dass der Laden in die Luft fliegt.“

„Aber wie, Dembowski? Wie stellen wir das an?“

„Ist Zorc da?“

„Der ist immer da. Transferzeit. Hat für nächsten Dienstag schon seinen gelben Anzug rausgelegt. Das ist alternativlos.“

Ich schwieg.


Aki bog in die Geschäftsstelleneinfahrt ein. Ein Ordner grüßte uns. In der Ferne sah ich ein Sky-Kamerateam rumlungern.

„Was wollen die hier?“

Immerhin war es jetzt dunkel, ich zog ein Schulle aus der Tasche. Es beruhigte mich.

„Die sind immer hier.“

„Keine Kameras. Verdammt. Keine Kameras. Hat Wu …?“

„Schon.“

Aki winkte den Ordner heran. Ich trank. Sie redeten. Er ging. Das Kamerateam fluchte. Das Kamerateam verschwand.

Wenig später blickten wir auf die B1. Ich war bei meinem vierten, fünften Schulle. Ich erspähte das Stadion. Ich sah auf den Stadtplan. Ich deute auf die Lindemannstraße, Ecke Kreuzstraße.

„Das können wir nicht machen, Dembowski. Die Fans brennen uns die Hütte nieder.“

„Wolfsburg war Euer 9/11. Ihr müsst Euch von der Vergangenheit trennen. Ihr müsst Platz machen. Ihr müsst den Kader atmen lassen, und endlich alles begraben. Ihn jetzt, Roman, Nuri im Sommer. Ihr habt den Neuanfang verschleppt.“

„Aber die Fans…“

„Die Fans? Die sind schon lange drüber. Die tanzen Euch auf der Nase rum. Den Spagat zwischen Borsigplatz und Schanghai ablehnen, jede Veränderung als Angriff auf ihre Fankultur begreifen, jede neue Entwicklung als den nächsten Tod begegnen. Die Fans sind es nicht wert, Aki. Für jeden Fan, der abspringt, warten woanders 10 neue Fans. Aber dafür müsst ihr Champions League spielen, dafür müsst ihr erfolgreich sein. Schau Dir den Kader an. Was verdienen die Jungs?“

„Ja“, sagt Watzke kleinlaut. „Die verdienen recht gut.“

„Ihr müsst die jüngere Vergangenheit endlich als Eure Vergangenheit und nicht als Teil einer Entwicklung begreifen. Hol Zorc.“

Mittlerweile war Hagenberg-Scholz gelandet. Die Akte Weigl musste Tuchel überzeugen. Allein die Laufwege. Klar, er setzte jetzt auf Dembele, aber der wurde auf den Außen gebraucht. Er musste den Don an Weigls Seite stellen. Anders war die Situation nicht zu lösen. Justin würde das erledigen. An der B1 aber ging es um alles.

„Wir haben da was aus Köln. Die wollten den Don, würden ihn aber auch nehmen. Ne Leihe!“

„Wie Badstuber, genial.“

Innerhalb weniger Minuten hatte Zorc die Nachricht durchgesteckt. Sie waren alle begeistert. BOOOOM! Der nächste Transfer-Hammer. Dortmund lieferte in diesem Januar solide ab. Der unterhaltsamste Verein der Liga. Die Zeitungen schmissen ihren Überschriftengenerator an, die Fans sangen im Netz ihre Klagelieder, ich trank Schulle, und erhaschte für einen zu langen Moment einen Blick in die Restrealität, die nun entstanden war. Der Irre kündigte den Bau der Mauer an. Deswegen war ich U-Bahn gefahren, deswegen war ich verschwunden. Ich musste verdammt sein, wenn dies nicht mein letzter Job war.

„Ich hasse das Internet!“

Ich hasste es wirklich. Es war ein Fluch. Aber ich liebte es auch, dem Netz dabei zuzuschauen, wie es langsam anrollte, und wie es sich zu einer Welle erhob, die alles überrollte. Für einen kurzen Moment waren die Menschen dort wie benommen. Sie ereiferten sich. Das Internet war kaputt, und sie retteten die Welt. Mich faszinierte das. Ich trank noch ein Schulle, und riskierte hin und wieder ein Blick auf den Chor der Empörten.

„Sie toben sich aus. Morgen können wir noch einmal nachlegen. Brief die Social-Media-Jungs.“

Mein Schulle-Vorrat war aufgebraucht.


Die Social-Media-Jungs lieferten ab.

Die Fans drehten jetzt komplett durch. „Unprofessionell“, „im Tonfall nachtragend“, „herrisch“, „unsouverän“, „pseudo-diplomatisches Gewäsch“, „völlig unnötig“, „They could have not written such a stupid tweet. As you can tell they got all bad reactions to it because they felt the need to add another later. We all know he wasn’t in their plans anymore. No need to pretend otherwise.”

Der große Knall. Wir hatten ihn provoziert, und würden ihn abfedern. Justin hatte die Nacht über Tuchel bearbeitet. Irgendwann waren sie bei einem Asiaten gelandet. „Die Frühlingsrollen sind hier nicht vergleichbar“, hatte Hagenberg-Scholz mir noch in der Nacht getextet, sonst aber zufrieden gewirkt. Als die Welle im Netz rollte dann: „Der Don steht im Kader.“

Wir hatten Neven reingeholt. Er liebte den Verein, er würde alles für ihn tun. Jetzt musste er eine Abschiedsbotschaft einsprechen. Er begann.

“Ich möchte Euch heute ganz persönlich eine schöne Mitteilung übertragen”, sagte der Verteidiger, dessen Zeit gekommen war. Watzke blickte mich entgeistert an. Das Team brach die Aufnahmen sofort ab. Aber es musste weitergehen. Der Einstieg war die Botschaft. Der Wechsel war eine schöne Mitteilung. Er war das Ende eines langen Zersetzungsprozesses, der in Wolfsburg begonnen hatte, und der nun endlich überwunden war. Der BVB war frei, der BVB hatte sich seiner Vergangenheit entledigt, um eine Zukunft zu haben.


Auf dem Weg zum Flughafen schwiegen wir. Ich boardete die Citation CJ4 und began meinen Text für den DID, Justin schlief. Der Schalker war erschöpft.


Was ist das für eine Szene? Alles dreht sich um den nächsten Superstar, den nächsten Vertrag, und die Frage nach dem Allergrößten. Alles dreht sich um die alltäglichen Verfehlungen des nächsten Superstars und das sich anschließende Scheitern, um Größenwahn, um Steuervermeidungsmodelle auf Inseln, die niemand je betreten wird. Alles dreht sich um die neuesten Snapchat-Filter und Instagram-Posts der modernen Helden. Make football great again!

Es gibt nur Sieger und Verlierer. Dazwischen die unendliche Leere eines gewöhnlichen Bundesligaspieltags, der doch wieder nur neue, sich stets reproduzierende Geschichten hervorbringt. Helden und Banditen. Die Helden, die Sieger feiern wir, die Banditen und Verlierer stampfen wir in den Boden. Auf dass sie nie wieder aufstehen. Doch mittlerweile sind wir zu müde, uns überhaupt zu etwas aufzuraffen.

Mit wachsender Verachtung blicken wir auf die Glitzerwelt des Fußballs und fragen uns: Was ist das nur für eine Szene?

Typen wie Neven Subotic, Mahnmale einer besseren Welt, wirken in ihr verloren. Sie weigern sich beharrlich, Teil der medialen Verwertungskette zu werden. Klar: Typen wie Neven Subotic sitzen in Talkshows, aber sie haben etwas zu erzählen. Wir hören ihnen gerne zu. Wir lassen uns von ihnen einnehmen, begeistern, wir kennen ihn ihren Lebensweg. Als Kleinkind vom Balkankrieg nach Deutschland gespült, von dort in die USA, auf einem Bolzplatz entdeckt, die Rückkehr nach Deutschland. Jetzt als Fußballer.

„Ich hatte bisher auch deshalb ein sehr glückliches Leben, weil andere Menschen uns bei der Integration in Deutschland und später in den USA unterstützt haben“, sagt Subotic. „Als ich dann 17 wurde, war ich endlich in der Lage etwas zurückzugeben, nicht zuletzt dank des Privilegs Profifußballer sein zu dürfen.“

Der Mensch Subotic auf der einen Seite, der Fußballer Subotic auf der anderen Seite. Um ihn war es zuletzt still geworden. Dabei war es der Fußballer Subotic, der den Menschen Subotic als Mahnmal einer besseren Welt in die Öffentlichkeit rückte.

Als er 2008 in Dortmund anheuerte, träumte er davon einmal international zu spielen und „ein Spieler wie John Terry zu werden.“ Der, so Subotic, könne „immer wieder Akzente setzen“ und „seine Mitspieler mitreißen.“ Vier Jahre später stand er vor Arjen Robben, verzog sein Gesicht und brüllte den Bayern an. Der hatte gerade einen Elfmeter verschossen. Dortmund war Meister. Subotic war ein Typ wie John Terry, auf der Höhe seiner Karriere. Er war einer der prägenden Spieler der Klopp-Ära. Er war emotional, fannah, kämpferisch. Er gab nie auf. Er grätschte in Wembley einen Ball von der Linie. Danach verschwand er. Ein Kreuzbandriss in Wolfsburg, die harte Reha, noch einmal die Runde unter seinem Mentor Klopp.

Unter Tuchel fand er nicht mehr statt. Seine Eigenschaften waren nicht mehr gefragt. Er wurde ein Europa League-Spieler, immer wieder von kleineren Blessuren zurückgeworfen. Im April eine Thrombose im Arm, ein geplatzter Transfer nach England, eine Rippenoperation.

Sein Comeback im November ist Sinnbild für das komplette Jahr. Die Amas spielten gegen Rödinghausen. Alles ging schief. Motorschaden, die Fußballschuhe eine Nummer zu klein. Aber das alles zählte nicht mehr. Er war jetzt wieder auf dem Platz, in seinem eigenen Disneyland. „Jeder Akt ist einfach geil. Jeder Zweikampf, jeder Pass, jeder lange Lauf.“ Einmal breitet er seine Arme aus, und rennt davon. Er jubelte, wie nur er jubelt. Da hatte er gerade das 1:0 erzielt. Die Rote Erde stand Kopf.

Subotic war das „echt“ in echte Liebe. Mit dem Weltenbummler verschwindet der letzte Eckpfeiler der großen Meistermannschaft. Aus sportlicher Sicht war er längst eine Altlast. Menschlich wird er fehlen. Es wird dauern, doch die Wunden werden verheilen.

„Ich möchte Euch heute ganz persönlich eine schöne Mitteilung übertragen“, sagte der leidenschaftliche Pulloverträger Subotic in seinem Abschiedsgruß an die Dortmunder Fans.  Endlich kann er wieder Fußball spielen. Dortmund, sagt er, werde ihn immer im Herzen behalten, und er Dortmund. Jetzt aber ist er Kölner. Dort können sie sich freuen. Auf den Menschen Subotic, und endlich auch wieder auf den Fußballer.


Wir landeten in Berlin. Die Sonne war zurück. Alles würde gut werden.

wie war der spieltag, dembowski?

Hallo, Herr Dembowski! Die Winterpause ist vorbei. Ihr Fazit?

Lewandowski ist ein Weltklasse-Spieler. Auf Dauer ist das zu wenig. Beim Spitzenreiter vermisse ich alles. Sie haben am Freitag einfach Glück gehabt. Das ist meine Erkenntnis. Es gab noch acht weitere Spiele. Vielleicht können wir auch über die reden?

Gerne. Der Ballspielverein gewinnt in Bremen. Bleibt Tuchel jetzt Trainer?

Wie habe ich Ihre Fragen vermisst. Ja. Tuchel bleibt Trainer. Das stand aber auch nicht zur Debatte. Aber die wenigen Zitatfetzen des ehemaligen Nationaltorhüters Weidenfeller verraten viel über das Innenleben der Mannschaft. Es sieht nicht gut aus. Wieso stellt Weide Ansprüche? Diese Frage sollten sie mal stellen, ich beantworte sie auch gerne so. Er will einen Streit mit Tuchel provozieren. Er sieht sich in einer durchaus starken Position. Die lokale Presse hat das dann runtergespielt, aber Sie können sich nicht vorstellen, wie heiß diese Aussagen sind. Das wird in Dortmund diskutiert. Das ist das Pulverfass.

Und sportlich?

Hat sich doch nichts geändert. Ein dreckiger Sieg. 2:1 gegen einen Abstiegskandidaten. Glücklich erspielt. Defensiv ist da immer noch keine Struktur zu erkennen, der junge Weigl befindet sich in einer Dauerkrise. Er ist überfordert. Und Tuchel stellt Castro und Kagawa vor ihn. Das ist nicht erfinderisch, das ist nicht revolutionär. Das zeigt nur Dortmunds Achsenprobleme. Dass Tuchel danach Götzes Abwesenheit mit Pulisicis Einsatz begründet, passt in das Bild der Dortmunder. Es läuft nicht, es passt nicht. Aber die individuelle Klasse der Spieler reicht in dieser Liga natürlich. Sie sind auf Kurs.

Und jetzt kommt auch noch Isak, der neue Ibrahimovic.

Den Transfer kann ich abschließend noch nicht beurteilen. Aber das Gütesiegel Dortmund veredelt die Ablösesumme. Sein Transferwert hat sich jetzt bereits verdoppelt. Da kann der BVB keine Fehler machen. Aber es ist ein weiterer junger Spieler, ein weiterer unerfahrener Spieler. Er ist wie alle anderen Talente auch direkt und schnell, dazu höchst kreativ. Jedoch nur auf Allsvenska-Niveau. Wissen Sie….

Was denn?

Ich glaube, der BVB übertreibt. Über all die große Perspektive vergessen sie die Gegenwart. Ein gefährliches Spiel. Pulisic zum Beispiel verlängert nur um ein Jahr. Was ist das für ein Signal? Hoffnung macht da eigentlich nur, dass Perez und Watzke weiter an der gemeinsamen Zukunft basteln. Vor unseren Augen entwickelt sich der BVB zum Farmteam der Königlichen. Das Perez/Watzke-Abkommen, was natürlich nie offiziell bestätigt werden wird, verändert den europäischen Fußball grundlegend. Der BVB gibt keine Spieler mehr nach München ab. Real kann sich auf ganz hohem Niveau bedienen. Die Spieler wechseln aus dem schönsten Stadion Europas zum erfolgreichsten Verein des Kontinents. Das ist für alle verlockend. Und das Geld bleibt quasi in der Familie. Davon können beide Seiten profitieren. Der BVB bekommt junge, hungrige Spieler und verschachert sie dann für großes Geld nach Spanien. Aubameyang wird im Sommer erst der Anfang sein.

Der geht? Steht das fest.

Da lege ich mir gerne fest. Deal done!

Hertha und Frankfurt stolpern. Brechen die Überraschungsteams jetzt ein?

Hertha wird sich fangen, und auch in der Rückrunde eine gute Rolle spielen. Schauen Sie nur auf Pal Dardai. Er ist der ewige Trainer des Jahres. Ein Obersympath. Er will jetzt der böse Pal werden, sagt er, aber wie soll ich mir das vorstellen? Dardai kocht seine ungarische Fischsuppe zuhause auf der Terrasse überm offenen Feuer. Dazu ein Wein, hin und wieder eine Rinderhälfte aus der familieneigenen Zucht. So ein Mensch kann kein böser Mensch werden. Da kann er sich noch so bemühen. Frankfurt hingegen ist ohne Marco Fabian nur die Hälfte wert. Aber der Mexikaner fällt jetzt auf unbestimmte Zeit aus. Eine Entzündung im Lendenwirbelbereich. Das klingt nicht nur schmerzhaft, sondern auch verdammt hartnäckig. Mit Frankfurt können wir trotz Großmeister Kova nicht mehr rechnen. Das Team drehte sich um Fabian, und jetzt ist da nur noch Leere. Nächste Niederlage am Freitag. Da lege ich mich fest.

Da geht es nach Gelsenkirchen. Die mit Minusrekord und neuen Bierpreisen.

Sie legen das sehr tendenziös aus. Ich sage Guido Burgstaller. Der Österreicher kann Bälle lesen, die nicht einmal seine Mitspieler so spielen wollen. Er antizipiert die Fehler seiner Teamkameraden. Das hat er in Nürnberg gelernt, das wird er in Gelsenkirchen perfektionieren. Er ist der bisherige Wintertransfer des Jahres! Christian Heidel gehört für mich nach ganz oben. Da ändern auch die neuen Bierpreise nichts.

Dort aber steht Ralf Rangnick. Das zumindest schreibt das englische Magazin Four Four Two in seiner aktuellsten Ausgabe.

Ja. Das muss ich dann aber auch nicht weiter kommentieren. Das ist die Sicht der Engländer. Nicht meine.

Okay. Machen wir weiter. Rummenigge kündigt eine Revolution an.

Und das obwohl er kein Blut sehen kann, und Revolutionen doch immer blutig enden. Aber der Fußball ist in Gefahr. Und Rummenigge muss ihn verteidigen. Das macht er mit dem FC Bayern auch mal in Katar, startet dort unausweichliche Dialoge, verbessert die Menschenrechte. Dazu muss er nur auf seine Uhr blicken. Jetzt aber reicht es: Die FIFA will weiter Geld verdienen. Mit ihrer WM. Dabei sind es doch Kalles Spieler. Grindel schaut sich das an. Er kann dazu nicht sagen. Die DFL hat im deutschen Fußball längst die Macht übernommen. Das werden wir dann im Sommer auch sehen. Stichwort: Confed Cup.

Stichwort DID POWER RANKING. In Italien ist die Liga bereits entschieden?

Das sagen Sie! Juventus marschiert vorne, verliert mal ein Spiel, aber meist gewinnen sie. 80 Prozent aller Spiele. Das ist eine starke Bilanz. Blicken wir aber nach unten, dann sehen wir ein erschreckendes Bild. Crotone, Palermo, Pescara. Oder: 16,67%, 15,87% und 15%. Die sind verloren. Juve mit einem Minimalwert von 42,11%. Crotone mit einem Maximalwert von 56,14%, Palermo gar nur mit 53,51%. Die Rückrunde hat dort gerade begonnen. Empoli mit 33.33% auf 17. Das ist einfach erschreckend. Der Abstiegskampf ist entschieden. Wir wissen, was das in Italien bedeuten kann. Müssen wir nicht näher drauf eingehen.

Gibt es sonst noch interessante Geschichten?

Gibt es immer. Das ist natürlich eine bescheuerte Frage. Aber behalten Sie in den nächsten Wochen einmal Espanyol, Schalke und auch Metz im Blick. Das sind die großen Teams der Rückrunde. Leicesters dramatischer Absturz in Liga 2. Der fantastische Abstiegskampf in Frankreich. Valencias Wiederaufstehung. Diesmal versenken sie das U-Boot mit Treffern von Carlos Soler und Santi Mina. Das hat Substanz. Das ist die Comeback-Story des Jahres. Sie sind das spanische Wolfsburg.

Herr Dembowski, vielen Dank für das Gespräch. Haben wir was vergessen?

Ja. Alle sind jetzt so politisch. Was ich mir wünschen würde: Finden wir doch endlich einmal unsere eigene Sprache. Wir sollten wieder mit positiven Begriffen agieren. Wir sollten uns nicht mehr vor uns hertreiben lassen, und das durchschaubare Spiel mitspielen. Wir sollten im Fußball darauf verzichten, Geschichten zu erfinden. Wir sollten darauf verzichten, Behauptungen ungeprüft zu übernehmen. Das passiert viel zu selten. Der Fußball ist das Labor dieser Welt. Hier können wir unsere neuen Methoden testen. Wir sollten alle ehrlicher sein. Auch wenn das schmerzt.