sie wollten schweigen, dembowski!

Ein grauer Tag im Soldiner Kiez. Der Wetterdienst verspricht ein wenig Abkühlung für die Hauptstadt.  Über den Dächern der Soldiner rauschen die Flieger in Richtung Tegel. Heute landen sie. Deutschland hat sich vor 9 Tagen von der WM verabschiedet. Seit seinem Rückzug aus dem Tagesgeschäft wurde Dietfried Dembowski nicht mehr gesichtet.

Wir sehen Miriam Wu im DID-Büro, Ecke Prinzenallee. Die Internationalisierungsikone sitzt vor ihrem Monitor. Sie schaut sich eine Pressekonferenz an. Es ist die vom 15.06.2018, zwei Tage vor dem WM-Start der deutschen Nationalmannschaft. Es sprechen Joshua Kimmich und danach Oliver Bierhoff, DFB-Scout Christofer Clemens, SAP-Vorstand Stefan Ries und Sven Schwerin-Wenzel, der Senior Development Manager des deutschen Softwaregiganten.

Eine irre Verkaufsshow. Wu spult vor und zurück. Sie ist begeistert. SAP und die App. Vorsprung durch Technik! Dann spult sie erneut vor und zurück. Die Internationalisierungsexpertin will keine Aussage verpassen. Hier ist alles wichtig.

Vorstand Ries verteilt Infokladden, natürlich mit dem fünften Stern. Oliver Bierhoff sagt: „Das ist alles kein Blabla-Marketinggag.“ Aber bereits hier gibt der DFB-Manager erste Hinweise auf das spätere Scheitern.

Der Ex-Stürmer warnt: „Am Ende ist der Mensch entscheidend. Do the unexpected. Sie machen Dinge, die man nicht voraussagen können.“ An diesen unerwartet menschlichen Auswüchsen wird Die Mannschaft, wie Bierhoff sie liebevoll nennt, zerbrechen. Wie er dort auf dem Podest sitzt, denkt Wu, da ist ihm das bereits klar.

Diese PK ist aber auch darüber hinaus der Türöffner in die Welt der größten Zukunftsprobleme des deutschen Fußballs.

„Fußball,“ sagt Schwerin-Wenzel, „ist eine ideale Spielwiese für Machine Learning, Deep Learning und Künstliche Intelligenz.“  Und Christofer Clemens ergänzt: „Wir wollen Trendsetter sein. Es gibt aber durchaus andere Verbände, den englischen Verband zum Beispiel, die sich Gedanken machen.“

Da liegt der Hund begraben, denkt Wu. Denn wenn der englische Fußball jetzt nicht nur in der Liga sein Geld sinnvoll in Köpfe und erst dann Beine investiert, sondern der Verband zusätzlich auf dem Gebiet der Technik am DFB und den an SAP angeschlossenen Vereinen vorbeizog, was bliebe dem deutschen Fußball überhaupt noch übrig?

Darauf hat Wu keine Antwort. Aber sie muss liefern. Im Sekundentakt klingelt ihr Posteingang. Die Chinesen. Sie wollen nicht nur darauf eine Antwort, sondern auch auf den Marketing-Spruch der Schalker. „The Spirit Of Miners – The Soul Of Football“

Wu verzweifelt und über ihr rauscht eine A330 der Turkish Airlines in Richtung Landebahn. Der Flieger ist halb gefüllt. Doch er demonstriert die Stärke der türkischen Flotte.

Das Telefon klingelt.

DID ist der DID! Miriam Wu hier. Wie kann ich Ihnen helfen?

Dembowski!

Dembo?

Sach ich doch.

Sie wollten nicht mehr reden! Sie wollten schweigen, Dietfried.

Nach all den Jahren der engen Freundschaft liegt immer noch eine große Distanz zwischen der Expertin und dem Ermittler. Sie respektieren sich, doch bedienen sie sich am Telefon einer großen Professionalität.

Ich wollte für immer schweigen, aber wir müssen über Bierhoff reden.

Das macht doch ohnehin jeder, Dietfried. Was können Sie zu dieser Debatte noch beitragen?

Bierhoff ist nervös. Der DFB ist nervös. Ich habe, wie es meine Art ist, schon vor langer Zeit einen harten, achtjährigen Winter vorausgesagt.

Exakt. Wie es eben Ihre Art ist, Herr Dembowski. Sie sind sehr deutsch. Sie spielen immer sämtliche Untergangsszenarien durch.

Irgendwer muss das tun. Nur so lassen sich die Dinge, wie sie dann später geschehen, bereits im Vorfeld vernünftig einordnen. Das Aus kommt ja nicht überraschend. Es gab so viele Anzeichen. Man hätte sie nur deuten müssen. Das hat niemand getan. Meine Stimme hat gefehlt.

Deswegen sind Sie wieder da. Weil Sie glauben, jemand habe Sie vermisst? Machen Sie sich nichts vor, Dembowski, wir sind alle ersetzbar. Für Sie macht die Welt da keine Ausnahme.

Und wenn schon. Dieser Irrsinn vom besten Trainingslager aller Zeiten. Was mich gewundert hat: Löw spricht recht früh eine Stammplatzgarantie für Manuel Neuer aus. Das haben alle bemerkt, notiert und diskutiert. Dass er damit auch das Leistungsprinzip ausgehebelt hat, auch. Aber niemand hat im Vorfeld davon geschrieben, dass mit Jerome Boateng und Mesut Özil zwei Leistungsträger aus langen Verletzungen kamen, dass sie bereits davor nicht in WM-Form waren. Indem Löw aber Neuer eine Stammplatzgarantie erteilt, macht er dies auch für Boateng und Özil.

Den man, so sagt Bierhoff jetzt, überhaupt nicht hätte mitnehmen sollen. Aus sportlichen Gründen, die im politischen liegen.

Ja. Das mit den sportlichen Gründen habe ich auch nicht verstanden. Ohnehin gab es genug Exit-Strategien vor der WM. Özil, der ohnehin angeschlagen war, hätte man doch noch bei der finalen Kadernominierung aus Verletzungsgründen nach Hause schicken können. Oder die Dinge benennen können. Dass ein Spieler, der Erdogan unterstützt nicht für die Nationalmannschaft auflaufen kann.  Hätte ich mich auch aufgeregt. Aber es wäre im Vorfeld des Turniers passiert. Es wäre eine Haltung gewesen, wenngleich eine fragwürdige.

Hat man alles nicht getan, vielmehr den Medien die Schuld an dieser Diskussion gegeben, die ja längst entglitten war. Die zu Gesprächen mit Steinmeier und Merkel geführt hat. Staatskrise eben.  Und dann hat mit im Verlaufe des Turniers den Medien für alles die Schuld gegeben hat.

Und jetzt Mesut Özil?

Dieser Verdacht liegt doch nahe. Man stößt den Türken in den Abgrund, damit der deutsche Fußball leben kann. Muss man sich eben nur vorstellen, was da alles für Attacken kam und aus welchem Lager die kam. Hat sich niemand vor die Spieler gestellt. Hat sich niemand für interessiert. Hat jeder seine eigene Haut retten wollen. Und den anderen die Schuld gegeben, und wenn es keine anderen gab, dann waren es die Medien. Das zieht immer. Man findet immer etwas, was einem gerade nicht passt. Das war schon hart an der Lügenpresse dran. Und aus diesem Blickwinkel muss man das lesen.

Welchen Blickwinkel meinen Sie, Herr Dembowski?

Schauen Sie sich doch das allgegenwärtige politische Klima hier in Deutschland an. Es ist verkommen. Unsere Art der Kommunikation ist auf allen Ebenen gescheitert. Wir kennen nur noch laut. Niemand ist mehr leise. Wir werden nicht gehört, wenn wir leise sind. Dann können wir auch gleich schweigen. Wenn wir aber gehört werden wollen, müssen wir schreien, müssen wir die extremsten Positionen vertreten, die Wahrheit beugen, unsere eigene Wahrheit schaffen, darauf hoffen, dass wir so laut sind, mit dieser eigenen Wahrheit gehört zu werden, um dann gemeinsam noch viel lauter zu werden.

Dass die Menschen zu laut sind, haben Sie bereits häufiger erwähnt, Dembowski.

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen: Ich habe neulich vor einem Supermarkt gesessen. Dort auf einer Mauer ein Bier getrunken. Ereignet sich folgende Situation: Ein Mann tritt in mein Blickfeld. Er trägt eine dreckige Hose, an der sich die Spuren zu vieler Nächte auf der Straße deutlich zeigen. Seine Haut ist die eines Alkoholikers, glatt, rot, erweiterte Adern im Wangenbereich. En paar Meter weiter liegt jemand im Blumenbeet. Er schläft, vielleicht lebt er auch schon nicht mehr. Das interessiert niemanden.

Ein paar Meter donnern die Autos die Hauptstraße entlang. Jetzt sehe ich noch einen Mann. Er ist klein, hat einen rundlichen Bauch. Er trägt ein schwarzes Hemd. Security. Jemand hat ihm diese Macht gegeben. Die spielt er nun aus. Er schreit den Mann mit der zerrissenen Hose an. „Hausverbot. Hau ab, Du Lump!“ Diese Dinge. Der eine Mann geht. Was soll er sonst auch machen?

Der andere Mann, der mit dem Security-Shirt und der Macht, schimpft jetzt. „Die sollte man alle in ein Boot setzen, aufs Meer fahren. Gewichte ans Bein. Und dann reinschmissen. Dass diese Parasiten versinken. Niemals mehr auftauchen.“ Er unterhält sich jetzt mit einem zufälligen Passanten. „An der Grenze bauen die jetzt Lager. Diese Menschen dürfen nicht mehr in unser Land. Richtig so!“

Ich bin dann aufgestanden. Ich bin dann gegangen.

Tolle Geschichte, Dietfried. Aber was hat die mit Özil, was hat die mit Bierhoff zu tun?

Ich will Ihnen nur darlegen, in welchem Klima wir leben. Das hat sich ja nicht irgendwo ereignet.  Das hat sich in Berlin-Mitte ereignet. Bis dahin, bis in die geschützte Mitte des Landes hat sich das vorgearbeitet. Seit Jahren bereits setzen einige Politiker hier auf die externe Bedrohung, die unser System einstürzen lassen könnte.

Und jetzt nehme ich ein paar Abkürzungen. dann bin ich hier: Dagegen, sagen diese Politiker, müsse man sich wehren. Und dann schreien sie wieder, drohen mit dem totalen Chaos, wenn sie ihren Willen nicht bekommen. Der wird ihnen dann gewährt. Ist ja besser als Chaos. Was ohnehin schon herrscht. Sie lähmen das Land, in dem sie es mit ihrer Angst vor einer fiktiven Bedrohung überziehen. Und dieses Kniffes bedient sich Bierhoff jetzt. Bewusst oder unbewusst. Das ist seine Sache. Die Wucht seiner Aussage wird ihm bewusst gewesen sein. Hier bedroht der Fremde das Konstrukt Die Mannschaft. Hier reißt der Fremde alle anderen Spieler mit in den Abgrund. Deswegen muss er verstoßen werden.

Das sind ein paar Abkürzungen zu viel. Da sagt Bierhoff nicht, Herr Dembowski.

Natürlich nicht. Aber ich schreie! Und er baut sich da Fluchtwege ein. Er wird sagen, dass er es so nicht gemeint hat, und dass er da nur falsch interpretiert worden sei. Woher kennen Sie das?

Von den neuen Populisten.

Genau. Von denen kenne wir das. Und das macht alles so gefährlich. Wir müssen wieder zu einer Klarheit in der Sprache finden. Wir müssen Dinge wieder eindeutig benennen. Das tut Bierhoff nicht, nicht einmal in diesem Interview mit all seinen Andeutungen. Hier wird nichts benannt, außer der Hauptschuldige. Zwischen den Zeilen. Und mit doppelter Absicherung.

Was muss denn jetzt passieren?

Bierhoff muss zurücktreten.

Und dann? Lassen wir Özil die Geschichte einfach so durchgehen? Und sägen Bierhoff ab? Was macht das mit der Spaltung, wenn der Deutsche gehen muss, weil er vor dem Türken nicht gekuscht hat.

Was zum Teufel?

So wird doch die Erzählung sein, Herr Dembowski. Machen Sie sich nichts vor.

Die Erzählung der Rechten.  Die hat uns nicht zu interessieren. Wir müssen unsere eigene Erzählung schreiben. Wir müssen leiser werden. Wir müssen nicht mehr Sender memekompatibler Worte sein, sondern unsere Sprache wiederfinden.

Herr Dembowski. Gewonnen hat hier doch eigentlich nur Erdogan?

Das ist korrekt.

Danke für den Anruf, Herr Dembowski.

Ich melde mich bestimmt nochmal.

did war die empörung – das internet gegen malte dürr

Eine neue, lose Serie über die alltäglichen Erregungen im Internet. Solide Einschätzungen aufregender Sachverhalte. 

 

TL; DR

Im Internet gibt es Ärger. Virtuelle Störer mischen ein Treffen in der Nähe des Dortmunder Westfalenstadions auf. Auf Twitter kommt es zu einem Showdown der Extraklasse. Gesamtwertung: 2/10.

 

Das Kult-Treffen

Im Umfeld des Dortmunder Westfalenstadions treffen sich am vergangenen Wochenende zahlreiche Menschen im Rahmen eines größeren Stammtisches. Dies geschieht zum vierten Mal. In den Vorjahren traf man sich in Köln, Hamburg und München. 2018 in Dortmund. Das Treffen holt einige Nutzer der Plattform Twitter aus einer Nische ab. Es signalisiert ihnen Verständnis. Es bietet ihn eine Heimat für ein Wochenende. Das Treffen hat den Hashtag tkschland. Der zentrale Programmpunkt ist der Hasscup. Weil man doch immer was mitbringt, vielleicht nur Hass, Hass, Hass. Es ist kultig, es ist kuttig. Unter dem Hashtag tkschland geben sich die Besucher des Treffens ein Gesicht. Sie verehren Neven Subotic, die Nazirausausdenstadien-Kampagne und stehen grundsätzlich auf der richtigen Seite.

 

Der Aufkleber

Am Anreisetag lädt die Gruppierung zu einem ersten Treffen im Strobels unweit der Nordtribüne ein. Beseelt von der großen Liebe zwischen Anhängern der unterschiedlichsten Fußballvereine, klebt ein Schalker Schlachtenbummler einen Aufkleber an einen Pfosten außerhalb des Stadions. Dafür fordert er in den sozialen Netzwerken pflichtgemäß Lob ein. Rivalität gehört eben dazu.  Und natürlich war alles nicht so gemeint. Ein Spaß. Für ein paar Likes mehr.

 

Der Vorwurf

Cultural Appropriation. Die feiernde Masse hatte sich gedankenlos eines der Rituale zumeist in Gruppe reisender Fußballfans bedient. Verschönere Deine Stadt. Im Rahmen eines Hippie-Treffens jedoch verkommt das Kleben des Aufklebers zu einer kulturellen Aneignung. Sie bedienen sich der Elemente einer anderen Fußballkultur, und provozieren durch den Schritt in die Öffentlichkeit eine Reaktion.

 

Die Reaktion

Vereinzelte Tweets erzürnter Dortmund-Fans. Sie fühlen sich in ihrer Ehre verletzt. Das Westfalenstadion ist ihr Wohnzimmer. Dort braucht es kein doppelt ironisch gebrochenes Hippie-Treffen vereinzelter Fans verschiedener Vereine. Und es braucht kein öffentliches Abfeiern für Aufkleber des verhassten Nachbars. Anstatt zu schweigen, weisen einige Anhänger des Ballspielvereins auf mangelnden Respekt hin. Ein Twitter-Nutzer fordert eine sofortige Selbsttötung. Das ist übertrieben. Twitter schließt den Nutzer für einige Stunden aus. Ein anderer Nutzer, der es nach einem heroischen Kampf mit Twitter-Ikone Diekmann zu bescheidenem Ruhm brachte, blökt ebenfalls ein wenig lauter, fordert im nächsten Schritt noch Solidarität mit Karius.  Zu einer direkten Konfrontation der beiden Parteien kommt es nicht.

 

Die Gegenreaktion

Die breite Masse verstößt ihre Kritiker. Überbietet sich in immer neuen Attacken auf die Integrität derer, die ihr Spiel nicht mitspielen wollen. Man habe diese Störer schon immer als Störer erkannt. Auf 1 Kritiker kommen erst 10, bald 20, später 100 Verteidiger der Aktion. Der tskchland hat mit Aufklebergate nun einen zweiten Hashtag. Der fortan die Gespräche auf der Twitter-Plattform dominiert.  Für einen der Nutzer basteln sie Memes. In Dortmund wollten sie für ein Wochenende aus ihrer Netz-Nische ausbrechen, Liebe verströmen, der Subotic-Stiftung ein paar Euro ins Sparschwein werfen und über Twitter von ihrer Bewegung berichten. Dabei haben sie ungeschriebene Regeln verletzt. Jetzt haben sie ein weiteres Thema. Und natürlich auch ihren Spaß. Sie sind nicht allein. Das ist auch eine Message. Eine vermutlich seltene. Am Ende des Wochenendes werden sie ein Video mit 10 Störer-Tweets produziert haben. Ihr Treffen haben sie sich vom neuen Hashtag nicht verderben lassen.

 

Die Expertenmeinung

Rüdiger Rabe, dem meist alles egal ist, erklärt: „Es ist mir egal, aber die Kritiker der Kritiker sind nicht besser als die Kritiker der Aufkleber. Eher schlimmer. Sie haben sich verrannt. Sich in ihren Reaktionen überboten, jedes Maß verloren. Sie haben bewiesen, dass es ihnen nicht um Inhalte, sondern vielmehr um eine Empörung und Zusammenrottung geht. Aber auch die Herren Dürr und Quambusch müssen sich einen Tadel abholen. Durch die harte Tonalität gelang es ihnen nicht, berechtigte Kritik an den Mann zu bringen.“

 

Dembos Einschätzung

Auf dem Karneval der Gefühle sind mal wieder alle Sicherungen komplett durchgeknallt.  Hier treten sie in die bittere Rest-Realität, provozieren, können mit den Reaktionen nicht leben. Es ist ein wilder Ritt. Geschickt platzierte Ansagen vereinzelter Nutzer bringt sie komplett aus der Fassung. Doch sie sind nicht allein, sie sind viele und sie bringen die Liebe! Wer dies nicht akzeptiert, muss mit den Konsequenzen leben und wird verstoßen. Die Besucher des tkschland sind somit allesamt durch den Schill-Test gefallen und erhalten bis auf weiteres Hausverbot. Schill mag keine Hippies. Weitere Konsequenzen auf den Lauf der Dinge sind ausgeschlossen. Die Vorurteile beider Seiten wurden verstärkt. Die, die sich mögen, werden sich weiter mögen. Die, deren Existenz nicht davon abhängt, von allen gemocht zu werden, werden ihr Verhalten nicht ändern. Der Kampf Twitter versus Dürr wird weitergehen. Quambusch wird weiterhin bellen. Er spricht die Sprache einer Straße, die er nie gesehen hat.

 

 

 

was ist der schönste platz im all, herr dembowski?

Herr Dembowski, vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit nehmen.

Das steht so in meinem Vertrag. Dafür müssen Sie mir nicht danken. Aber okay. Hier bin ich. Bald aber nicht mehr.

Wie die Saison 2017-2018. Die ist auch weg. Eintracht Frankfurt holt zum Abschluss den DFB-Pokal.

Das hat mich gefreut. So richtig gefreut. Der DFB-Pokal bleibt ein einzigartiger Wettbewerb. Für mich ist er die neue Bundesliga. Klar, auch hier dominieren die Bayern. Sie scheitern vor dem Finale nur am BVB, der wiederum nur an den Bayern scheitert. Das ist die Realität. Aber mit Schalke, Dortmund, Bayern, Wolfsburg und jetzt Frankfurt gab es in den vergangenen acht Spielzeiten immerhin fünf verschiedene Gewinner. An einem Tag ist es also möglich, jede Mannschaft der Welt zu schlagen. Das macht KO-Spiele so besonders. Tut natürlich auch dem deutschen Fußball gut. Auch weil Leipzig mit neuem Trainer in die EL-Quali muss.

Der 3:1 Sieg kam jedoch erst durch eine zweifelhafte Entscheidung von Schiedsrichter Felix Zwayer zustande. Sogar von einer Fehlentscheidung war die Rede. Dieser Sieg hat ein Geschmäckle.

Die Medaille hat zwei Seiten, da haben Sie mit Sicherheit recht. Aber das hat nichts mit Felix Zwayer zu tun, da muss ich Sie dann doch enttäuschen. Wir reden hier das ganze Jahr über klare und offensichtliche Fehlentscheidungen. Die lag hier aber überhaupt nicht vor. Für mich war das nicht unbedingt ein Foul. Andere Experten haben da andere Meinungen. Aber ausschlaggebend ist hier Felix Zwayers Meinung. Der sieht es wie ich. Jetzt reden wir uns alle wieder in einen Rausch, Fröhlich fordert direkt eine öffentliche Abstimmung bei zukünftigen Entscheidungen. Was nicht passt, wird passend gemacht.

Weil die Bayern benachteiligt wurden?

Nein. Das ist Quatsch. Das sind Verschwörungstheorien. Das war eben kein strafwürdiges Foul. Wir reden hier die ganze Zeit von der neuen Gerechtigkeit durch den VAR, die ja in Wahrheit eben nur eine Schuldverschiebung ist. Jetzt sind wir durch Zwayers Entscheidung zurück beim Schiedsrichter. Da dessen Gesicht ohnehin niemandem passt, wird er zum Opfer, ja fast zum Straftäter gemacht. Das ist absurd. Die Straftäter sitzen ganz woanders.

Kevin-Prince Boateng sprach von einem klaren Foul.

Diese im Siegesrausch getroffene Aussage wird überinterpretiert. Boateng hat da einfach einen Brocken hingeschmissen. Mehr nicht. Hätte er so nach einer eventuellen Niederlage nicht gesagt.

Dafür erzählte der Prince die Rebic-Anekdote.

Hach, der Prince. Das ist schon einer. Satz für die Ewigkeit. Wie Reichs Text über Frankfurts Sieg. Da geht es nur am Rande um Fußball.

Sie meinen den bei den 11 Freunden?

Genau. Extreme Emotionen schreiben die besten Texte. Gacinovics Lauf in die Pokalgeschichte und das, was das Spiel mit uns macht. Besser geht es nicht. Eine extreme Verdichtung. Das ist Fußball. Und nicht ein 7:1 gegen Brasilien.

Anders als die Brasilianer 2014 blieben die Bayern zur Siegerehrung nicht auf dem Platz.

Das ist anstandslos! Und jede Entschuldigung hat die Bayern da noch tiefer reingerissen. Konnte man dann aber noch steuern. Erst ging es auf einmal um ein Spalier. Das ist natürlich grober Unfug. Dann ging es eben um den VAR. Alles schnell vergessen. Jetzt sind die Bayern eben keine schlechten Verlierer mehr, sondern eher die, die von einem Menschen betrogen worden sind. Ist dann eben so. Werden wir, wie alles, schnell vergessen.

Die Kritik war heftig.

Wer jahrelang gedemütigt wird, reagiert ein wenig heftiger. Das ist jetzt nicht wirklich…

…aber auf Twitter, Herr Dembowski…

…machen sie doch eine Klickstrecke. Ich möchte mit Ihnen jetzt auch nicht mehr über das Finalspiel reden.

Themenwechsel. Der BVB wird in LA von 15 Fans empfangen. Ist die USA-Reise ein Flop?

Sollen die jetzt die Immigration passieren und mit Bengalos empfangen werden? Der BVB ist einer von mindestens 98 europäischen Vereinen, die auf den amerikanischen Markt abzielen. Der Verein kann das schon einschätzen. Wenn man dann nach so einer Saison mit einer Rumpftruppe in den USA aufschlägt, dazu noch vier Stunden Verspätung hat: Wer soll da auf die warten?

Die Bild schreibt von einem Peinlich-Empfang!

Was ist das überhaupt für eine Sprache? Niemand hat auf den BVB gewartet. Die sind nicht die Dallas Mavericks, die mit Dirk Nowitzki in München vorbeischauen. Das ist ein langer beschwerlicher Weg da drüben. Vollkommen okay, dass man den gehen will. Machen andere Vereine auch.

Mario Götze ist mit den USA, steht nicht im WM-Kader. In einem bemerkenswerten Kommentar aus dem Jahr 2016 lesen wir unter „Götze, 24:  Karriere auf der Kippe“ vom sich ankündigenden Absturz des damaligen Dortmund Rückkehrers. Sie schrieben: „Aber Mario Götze bleibt der, der keine Tattoos trägt. Der, der Wärme braucht und Kälte ausstrahlt. Der, dessen Karriere […] auf der Kippe steht.“ Was wird nun aus ihm?

Ist das nicht tragisch? Manche Dinge sehen wir kommen, wir können sie nicht, noch wollen wir sie stoppen. Sie passieren, weil die Hoffnung tief in unserer Seele verankert ist, und das Leben sie uns immer wieder nimmt. Das sehen wir bei Götze. Wir wollten ihn auf der richtigen Seite sehen. Sein Tor in Brasilien ist Teil der deutschen Geschichtsschreibung. Für ihn ist es ein Standbild. Ist es sein Greatest Hit. Er ist der erste WM-Siegtorschütze nach Gerd Müller, der das nachfolgende Turnier verpasst. Ich habe ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung, was mit ihm passieren wird. Man wird ihn immer an seiner ersten Dortmunder Zeit und an dem Tor messen. Götze war immer nur ein Versprechen auf eine goldene Zukunft. Das Versprechen hat er eingelöst. Vielleicht war das seine Aufgabe im Fußball. Die hat er vor vier Jahren erfüllt. Jetzt muss er die Zeit bis zum Karriereende rumkriegen. Es werden quälende Jahre voller Spott. Das stimmt mich traurig.

Lucien Favre wird neuer Trainer der Borussia. Wird jetzt alles gut?

Der BVB spielt seit Jahren in der Champions League. Hat zwei unfassbar schwere Jahre mit Bravour bewältigt. Haben den Pokal geholt, sind dann in einem 2-Trainer-Jahr gerade noch so auf Platz 4 gelandet. Jetzt wollen sie etwas ändern. Neben Favre kommt noch Sammer, kommt noch Kehl. Manche erwarten eine Zeit der Zauderer. Gerade wegen Kehl, gerade wegen Favre. Ich erwarte sportlichen Aufschwung. Ich erwarte eine Abkehr von große Namen. Ich erwarte eine bessere Atmosphäre rund um den Borsigplatz. Fans, die wieder für etwas einstehen und nicht gegen etwas sind.

Sie reden wie Pit Gottschalk. Der DID-Kolumnist nannte die Ultras die Verlierer des Jahres.

Diese Hysterie. Ich ertrage das nicht mehr. Auf allen Seiten. Nach dem Hamburger Abstieg und Kai Dittmanns Kommentar live auf Sky aber überrascht mich das auch überhaupt nicht mehr. Da werden Bilder gezeigt, die suggerieren könnten, dass andere Fans in Gefahr geraten könnten. Wenngleich das überhaupt nie der Fall ist. Aber Angst ist ein guter Verkäufer. Angst triggert uns. Aus Angst wächst Empörung über die, die uns mit dieser Angst überziehen. Das funktioniert doch auf der Flüchtlingsebene genauso. Das sind die Mechanismen der Angstindustrie. Verstörend. Aber zwangsläufig.

Weil?

Das unsere Zeit ist. In immer kürzeren Abständen werden überall die größten Bedrohungen skizziert. Aber wissen Sie was?

Nein.

Ich habe keine Angst mehr.

Das freut mich für Sie. Haben Sie denn noch eine Meinung?

Noch schon. Das ändert sich bald.

Legen wir los. Trainer des Jahres?

Julian Nagelsmann. Er hat sich nach einer kurzen Phase der Selbstüberhöhung auf seinen Job konzentriert. Und eine unterlegene Mannschaft in die Champions League geführt. Dass Spieler wie Vogt jetzt mit Bayern in Verbindung gebracht werden, ist allein sein Verdienst. Das war beeindruckend. Hatte ich so nicht erwartet. Freut mich daher umso mehr.

Mannschaft des Jahres?

Der Hamburger SV. Natürlich nicht am Anfang der Saison. Aber der HSV unter Titz. Die sind mit Würde abgestiegen. Haben Fußball gespielt. Haben sich bis zum letzten Moment nicht aufgegeben. Das kam überraschend. Alle wollten sie gehen sehen, und in dem Moment, in dem sie gehen müssen, gehen sie mit Anstand, mit einer Mannschaft und nicht mit einer zerfallenden Gruppe. Das wurde zu wenig gewürdigt.

Spieler des Jahres?

Max Kruse. Er macht den Unterschied. Bei Werder Bremen. Er ist der Mann in Bremens Offensive. Und anders als Sandro Wagner auch ein angenehmer Zeitgenosse. Er ist der Netzer der Neuzeit. Nur ohne Weltkarriere. Das erspart ihm in der Folge dann auch größere Skandale.

Europäische Mannschaft des Jahres.

Real Betis mit Coach Quique Setien. Mal sehen, ob der Prince da jetzt auch anheuert.

Vielen Dank bis hierhin. Herr Dembowski, Sie haben es bereits mehrfach angedeutet. Dies ist der letzte Fragebogen aller Zeiten. Wir bedauern diesen Abschied. Aber wieso gehen Sie?

Da gibt es nicht viel zu erklären. Everything is temporary. Gerade das letzte Jahr war wunderbar. Wir waren ein perfektes Team. Im Zusammenspiel haben wir die dunkelsten Ecke des Sportspiels Fußball ausgelotet. Doch muss man sich bewegen. Das habe ich immer gemacht. Vielleicht erinnern Sie sich noch an DerSamstag!? In den Jahren 2013 und 2014 haben wir damit gehörig für Furore gesorgt. Wir hatten junge, aufstrebende Schreiber. Manche von ihnen trainieren heute Profimannschaften, andere, wie ich, sitzen immer noch im Soldiner Eck, trinken Schulle, klicken die Jukebox und erklären die Welt, die aber längst zu komplex für meine einfachen Theorien geworden ist. Die Zeit hat dieses Format überholt. Wasser, Hochwasser, Untergeher.

Wir haben uns gerne aus Ihrer Welt erzählen lassen.

Das freut mich.

Eine Frage noch: Haben Sie das hier immer ernst gemeint?

Selbstverständlich. Ich habe den Spott da draußen ja mitbekommen. Aber nur weil von überwältigenden Meinungsmehrheit eine Rückkehr zu sportlichen Themen gefordert wird, muss man das doch nicht mitmachen. Messerscharfe Analysen der Gesamtlage der Liga müssen weiter erlaubt sein. Das möchte ich Ihnen noch mit auf den Weg geben: Glauben Sie den Menschen nicht, die Fußball ausschließlich über die 90 Minuten erklären wollen. Die sind wichtig, sie sind aber nur ein kleiner Teil dieses Spiels. Und nur in Ausnahmefällen überhaupt von Bedeutung.

Bevor Sie später sicher stärker zurückkommen werden: Wie werden Sie den Sommer verbringen, Herr Dembowski? Die WM steht vor der Tür.

Ich werde nun rausgehen, am Wasser sitzen. Ein paar Steine flitschen lassen. Mein Rekord liegt da bei 23. Da geht noch mehr. Irgendwann werde ich aufstehen. Ein paar Schritte gehen. Mich wieder ans Wasser setzen. Ich werde die Sonne auf meinem Gesicht spüren. Kaltes, klares Wasser trinken. Ich werde Vögel beobachten, und Jungfische markieren. Am Abend werde ich mit Dörte auf der Veranda sitzen. Wir werden Gitarre spielen und Wein trinken. Wir werden uns selbst genügen und ohne andere Menschen sein.

Herr Dembowski, passen Sie auf sich auf.

Und Sie auch!