sie bleiben ein schwätzer, herr dembowski.

Herr Dembowski! Die Hitze dauert an.

Da sagen Sie was. Wieso rufen Sie überhaupt an? Wollen Sie mit mir über die Ernteausfälle reden?

Fußball, Herr Dembowski. 

Fußball ist alles, meine Damen und Herren. Fußball ist die Welt, verpackt in einer familienfreundlichen Hülle. Eine echte Maschine. Entertainment, Ersatzreligion, Spiegel der Zeit.

Wieviel Schulle haben Sie denn jetzt schon drin?

Während dieser Hitzewelle bevorzuge ich Wasser. Kommen Sie doch auch mal ins Oderbruch. Dort, wo abends herrliche 15 Grad herrschen und die Rehe faul auf den Felder liegen. Dort, wo Kranich und Storch zuhause sind und es kaum Menschen gibt. Koi macht sich ausgezeichnet. Ich drehe jeden Tag ein paar Runden mit ihm. Wenn wir abtauchen, gründelt dieser Schelm mir Boden in die Augen. Trage jetzt Taucherbrille.

Interessant. Zurück zum Fußball. Sie haben sich rar gemacht. Die WM ging vorbei, die Saisonvorbereitung endet bald. Wie schlägt sich der BVB bislang?

Hat noch keinen Stürmer, obwohl ständige welche auf dem Alten Markt rumhängen und auf Michael Zorc warten. Der ist aber weiter mit dem Neuanfang beschäftigt. Das Team bekommt ein neues Gesicht. Ohne Stürmer. Mit einem ordentlichen Mittelfeld. Und einem Jahrhundertalent weniger.

Andre Schürrle war schon lange kein Talent mehr, Herr Dembowski.

Um Schürrle geht es hier nicht.

War nur ein Spaß. Es ist Sommerpause.

Ja. Und Transferzeit. Die wichtigste Zeit des Jahres. Hole ich also noch einmal aus. Der BVB wird sich bereits in diesem Sommer von Christian Pulisic verabschieden. Seine gute Leistung gegen Liverpool hat da den Ausschlag gegeben. Ist aber auch okay. Der 19-jährige US-Amerikaner hätte nur für Unruhe gesorgt. Nicht weil er aus drauf anlegen würde, aber weil das der vorgezeichnete Weg ist. Dass der BVB verhandlungsbereit ist, konnte man bereits Anfang des Sommers im kicker lesen. Und dann vergessen. Und jetzt überrascht sein. Das alte Spiel.

Ein echter Transfer-Hammer also. Da kann man sich auf die Überschriften freuen. Wird der BVB Pulisic noch ersetzen?

Nein. Im nächsten Jahr dann beginnt das Wettbieten um Jadon Sancho. Die BVB-Fans sollten sich da keine Hoffnungen machen. Das ist das Geschäftsmodell des Vereins. Er lebt von Transfererlösen. Ist doch auch okay.

Wo werden die Borussen am Ende der Saison landen?

Das kann doch seriös niemand beantworten. Es wird auch darauf ankommen, ob Mario Götze endlich wieder konstant abliefern kann. Gerne nahe am Strafraum, und nicht in der Iniesta-Rolle, die er für sich vorgesehen hat. Seine größte Stärke sind diese kleinen Pässe, sind diese unscheinbaren Berührungen im letzten Drittel. Wenn das klappt, wird sich vorne schon jemand finden, der den Ball reindrückt.

Und damit, so schreibt die FAZ, wäre auch in der Nationalmannschaft der Weg frei für den Özil-Nachfolger Götze?

Geschickte Überleitung. Muss ich Ihnen lassen. Die Situation habe ich komplett falsch eingeschätzt. Für mich war das Bild kein Thema. Ich hatte wohl vergessen, in welchem Land, in welcher Zeit wir mittlerweile leben.

Özil hat sich mit Erdogan fotografieren lassen. Das müssen wir als Zivilgesellschaft aufs Schärfste verurteilen. Dass es da ein paar rechte Aussetzer gibt, darf doch nicht den Blick auf den Auslöser dieser Debatte trüben. Mesut Özil, Herr Dembowski, badet jetzt aus, was er diesem Land eingebrockt hat.

Interessanter Ansatz, wirklich interessanter Ansatz. Ist das der Stand der Diskussion?

Wir sind schon viel weiter, Herr Dembowski. Im Internet gibt es Ärger. Einige Leute berichten unter dem Hashtag metwo von ihren Alltagserfahrungen. Rassismus in Deutschland. Können Sie sich das vorstellen?

Ja.

Dann sind Sie ein Träumer. Da werden alltägliche Streitigkeiten nun in einem rassistischen Licht ausgeleuchtet. So bekommt das eigene Leiden endlich wieder sind. Kritiker aber werden in die Arme der Rechten getrieben. Der weiße Mann wird durch diese Kampagne zu einem Fan der AfD. Da müssen sich die Altparteien nicht wundern.

Sind wir hier bei Deutschland spricht?

Wieso? Das verstehe ich nicht.

Kommt mir so vor. Erkläre ich Ihnen kurz, wieso Sie hier dummes Zeug reden. Der weiße Mann ist in dieser Debatte nicht Opfer, sondern Täter. Dann sollte er eben schweigen, auch wenn er sich nicht als Täter fühlt. Er sollte sich nicht zum Opfer machen. Das nämlich, dieses Abdriften in eine erträglichere Fiktion, ist das Grundübel unserer Zeit. Diese Verschiebung begann mit dem Privatfernsehen. Er hat uns eine Realität geführt, in der der es nicht mehr darum geht, uns um ein Zusammenleben zu bemühen. Zusammenleben bedeutet Rücksichtnahme. Gibt es nicht mehr. Wir dösen weg. Wir freuen uns darüber, dass es, obwohl es uns schlecht geht, es vielen anderen Menschen noch schlechter geht.

Sie sollten nur über Fußball reden.

Jetzt rede ich mit Ihnen. Was Özil passiert ist, das hatte sich seit langer Zeit hier angedeutet. Es hat sich alles verschoben. Auch im Fußball. Spiegel der Zeit, erinnern Sie sich?

Ja. Sie sprachen davon.

Wir haben die Proteste doch das ganze Jahr gehabt. Schauen Sie nach Babelsberg. Erinnern Sie sich daran, was in Frankfurt passiert ist, als sich Fischer gegen die AfD positionierte. Es gab große Freude in der Zivilgesellschaft und in den Fangruppen. Babelsberg, Frankfurt muss man sich da als Eisbrecher vorstellen. Aber sie konnten nichts erreichen.

Wieso?

Die Personen, denen es nicht mehr um die Wahrheit geht, sondern vielmehr um die Entwicklung alternative Versionen verschiedener Angstszenarien, erreichst Du damit nicht. Die erklären sich dann schnell zum Opfer und machen weiter. Sie verschieben das Land in die Ewigkeit, in der es keine Zukunft und keine Vergangenheit mehr gibt. Es gibt nur noch diese eine Bedrohung – der Andere, der Flüchtling, der Muslim – und die gilt es zu bekämpfen. Dabei nehmen sie uns mit in ihre Empörungsspirale. Egal, was wir in der Folge machen: Wir haben bereits verloren. Wir geben denen den Raum.

Das hat mit Özil aber nichts zu tun.

Doch. Alles. In dem Moment, in dem wir dieses Bild zu diesem Thema gemacht haben, hatten wir verloren. Da gab es keinen Ausweg mehr. Wir waren drin in der Spirale, die sich dank des dilettantischen Verhaltens des DFB immer schnell drehte. Wird Gauland in Badehosen fotografiert, ist die Menschenwürde in Gefahr. Betreibt Pocher über Wochen Blackfacing, interessiert das keine Sau. Die Bilder, nicht die ersten dieser Art, wurden nicht nur skandalisiert. Sie wurden gezielt genutzt, um weiter an den Feindbildern zu arbeiten. Da passte dieser Junge aus Gelsenkirchen gut ins Bild. Nach seiner Erklärung war er dann fremdgesteuert, und einer, der durch sein Gehalt alle Rechte verloren hatte.

Özils Erklärung war dünn, pauschal, populistisch. Er hat durch seine Schuldumkehr der Sache keine Gefallen getan.

Er hätte doch nur Selbstkritik äußern können, wenn es aus seiner Position einen Anlass dafür gegeben hätte. Hat es aber nicht. Vielleicht ist er Erdogan in die Falle gegangen. Aber, wie gesagt, die Erdogan-Bilder wurden erst durch unsere Empörung zu diesem Monster. Der türkische Präsident kennt diese Tricks auch. Ein wenig mehr Gelassenheit, mehr wünsche ich mir gar nicht. Wir sind nicht alle gleich. Müssen trotzdem miteinander auskommen. Momentan aber wirkt dieses Land wie ein ewiges Scheunenfest, auf dem wir uns seit Monaten die Köppe einschlagen, und nicht mehr merken, was um uns herum passiert.

Was sollen wir denn machen, Herr Dembowski?

Wir sollten das Scheunenfest verlassen. Und uns mal wieder mehr Mühe geben. Kann doch nicht sein: Nur weil ich nur eine Prellung und mein Gegner einen gebrochenen Arm hat, bin ich doch nicht der Gewinner. Was ist das für eine Denke.

Gibt es auch konkrete Vorschläge?

Das ist nicht meine Aufgabe. Ich kann nur mehr Gelassenheit einfordern. Es gibt sehr viele Empörungsjunkies da draußen. Hören wir den Süchtigen nicht mehr zu. Kehren wir in die Normalität zurück.

Sie bleiben ein Schwätzer.

Ich gehe jetzt eine Runde mit Koi schwimmen. Der wartet bereits. Später höre ich Tocotronic.

sie wollten schweigen, dembowski!

Ein grauer Tag im Soldiner Kiez. Der Wetterdienst verspricht ein wenig Abkühlung für die Hauptstadt.  Über den Dächern der Soldiner rauschen die Flieger in Richtung Tegel. Heute landen sie. Deutschland hat sich vor 9 Tagen von der WM verabschiedet. Seit seinem Rückzug aus dem Tagesgeschäft wurde Dietfried Dembowski nicht mehr gesichtet.

Wir sehen Miriam Wu im DID-Büro, Ecke Prinzenallee. Die Internationalisierungsikone sitzt vor ihrem Monitor. Sie schaut sich eine Pressekonferenz an. Es ist die vom 15.06.2018, zwei Tage vor dem WM-Start der deutschen Nationalmannschaft. Es sprechen Joshua Kimmich und danach Oliver Bierhoff, DFB-Scout Christofer Clemens, SAP-Vorstand Stefan Ries und Sven Schwerin-Wenzel, der Senior Development Manager des deutschen Softwaregiganten.

Eine irre Verkaufsshow. Wu spult vor und zurück. Sie ist begeistert. SAP und die App. Vorsprung durch Technik! Dann spult sie erneut vor und zurück. Die Internationalisierungsexpertin will keine Aussage verpassen. Hier ist alles wichtig.

Vorstand Ries verteilt Infokladden, natürlich mit dem fünften Stern. Oliver Bierhoff sagt: „Das ist alles kein Blabla-Marketinggag.“ Aber bereits hier gibt der DFB-Manager erste Hinweise auf das spätere Scheitern.

Der Ex-Stürmer warnt: „Am Ende ist der Mensch entscheidend. Do the unexpected. Sie machen Dinge, die man nicht voraussagen können.“ An diesen unerwartet menschlichen Auswüchsen wird Die Mannschaft, wie Bierhoff sie liebevoll nennt, zerbrechen. Wie er dort auf dem Podest sitzt, denkt Wu, da ist ihm das bereits klar.

Diese PK ist aber auch darüber hinaus der Türöffner in die Welt der größten Zukunftsprobleme des deutschen Fußballs.

„Fußball,“ sagt Schwerin-Wenzel, „ist eine ideale Spielwiese für Machine Learning, Deep Learning und Künstliche Intelligenz.“  Und Christofer Clemens ergänzt: „Wir wollen Trendsetter sein. Es gibt aber durchaus andere Verbände, den englischen Verband zum Beispiel, die sich Gedanken machen.“

Da liegt der Hund begraben, denkt Wu. Denn wenn der englische Fußball jetzt nicht nur in der Liga sein Geld sinnvoll in Köpfe und erst dann Beine investiert, sondern der Verband zusätzlich auf dem Gebiet der Technik am DFB und den an SAP angeschlossenen Vereinen vorbeizog, was bliebe dem deutschen Fußball überhaupt noch übrig?

Darauf hat Wu keine Antwort. Aber sie muss liefern. Im Sekundentakt klingelt ihr Posteingang. Die Chinesen. Sie wollen nicht nur darauf eine Antwort, sondern auch auf den Marketing-Spruch der Schalker. „The Spirit Of Miners – The Soul Of Football“

Wu verzweifelt und über ihr rauscht eine A330 der Turkish Airlines in Richtung Landebahn. Der Flieger ist halb gefüllt. Doch er demonstriert die Stärke der türkischen Flotte.

Das Telefon klingelt.

DID ist der DID! Miriam Wu hier. Wie kann ich Ihnen helfen?

Dembowski!

Dembo?

Sach ich doch.

Sie wollten nicht mehr reden! Sie wollten schweigen, Dietfried.

Nach all den Jahren der engen Freundschaft liegt immer noch eine große Distanz zwischen der Expertin und dem Ermittler. Sie respektieren sich, doch bedienen sie sich am Telefon einer großen Professionalität.

Ich wollte für immer schweigen, aber wir müssen über Bierhoff reden.

Das macht doch ohnehin jeder, Dietfried. Was können Sie zu dieser Debatte noch beitragen?

Bierhoff ist nervös. Der DFB ist nervös. Ich habe, wie es meine Art ist, schon vor langer Zeit einen harten, achtjährigen Winter vorausgesagt.

Exakt. Wie es eben Ihre Art ist, Herr Dembowski. Sie sind sehr deutsch. Sie spielen immer sämtliche Untergangsszenarien durch.

Irgendwer muss das tun. Nur so lassen sich die Dinge, wie sie dann später geschehen, bereits im Vorfeld vernünftig einordnen. Das Aus kommt ja nicht überraschend. Es gab so viele Anzeichen. Man hätte sie nur deuten müssen. Das hat niemand getan. Meine Stimme hat gefehlt.

Deswegen sind Sie wieder da. Weil Sie glauben, jemand habe Sie vermisst? Machen Sie sich nichts vor, Dembowski, wir sind alle ersetzbar. Für Sie macht die Welt da keine Ausnahme.

Und wenn schon. Dieser Irrsinn vom besten Trainingslager aller Zeiten. Was mich gewundert hat: Löw spricht recht früh eine Stammplatzgarantie für Manuel Neuer aus. Das haben alle bemerkt, notiert und diskutiert. Dass er damit auch das Leistungsprinzip ausgehebelt hat, auch. Aber niemand hat im Vorfeld davon geschrieben, dass mit Jerome Boateng und Mesut Özil zwei Leistungsträger aus langen Verletzungen kamen, dass sie bereits davor nicht in WM-Form waren. Indem Löw aber Neuer eine Stammplatzgarantie erteilt, macht er dies auch für Boateng und Özil.

Den man, so sagt Bierhoff jetzt, überhaupt nicht hätte mitnehmen sollen. Aus sportlichen Gründen, die im politischen liegen.

Ja. Das mit den sportlichen Gründen habe ich auch nicht verstanden. Ohnehin gab es genug Exit-Strategien vor der WM. Özil, der ohnehin angeschlagen war, hätte man doch noch bei der finalen Kadernominierung aus Verletzungsgründen nach Hause schicken können. Oder die Dinge benennen können. Dass ein Spieler, der Erdogan unterstützt nicht für die Nationalmannschaft auflaufen kann.  Hätte ich mich auch aufgeregt. Aber es wäre im Vorfeld des Turniers passiert. Es wäre eine Haltung gewesen, wenngleich eine fragwürdige.

Hat man alles nicht getan, vielmehr den Medien die Schuld an dieser Diskussion gegeben, die ja längst entglitten war. Die zu Gesprächen mit Steinmeier und Merkel geführt hat. Staatskrise eben.  Und dann hat mit im Verlaufe des Turniers den Medien für alles die Schuld gegeben hat.

Und jetzt Mesut Özil?

Dieser Verdacht liegt doch nahe. Man stößt den Türken in den Abgrund, damit der deutsche Fußball leben kann. Muss man sich eben nur vorstellen, was da alles für Attacken kam und aus welchem Lager die kam. Hat sich niemand vor die Spieler gestellt. Hat sich niemand für interessiert. Hat jeder seine eigene Haut retten wollen. Und den anderen die Schuld gegeben, und wenn es keine anderen gab, dann waren es die Medien. Das zieht immer. Man findet immer etwas, was einem gerade nicht passt. Das war schon hart an der Lügenpresse dran. Und aus diesem Blickwinkel muss man das lesen.

Welchen Blickwinkel meinen Sie, Herr Dembowski?

Schauen Sie sich doch das allgegenwärtige politische Klima hier in Deutschland an. Es ist verkommen. Unsere Art der Kommunikation ist auf allen Ebenen gescheitert. Wir kennen nur noch laut. Niemand ist mehr leise. Wir werden nicht gehört, wenn wir leise sind. Dann können wir auch gleich schweigen. Wenn wir aber gehört werden wollen, müssen wir schreien, müssen wir die extremsten Positionen vertreten, die Wahrheit beugen, unsere eigene Wahrheit schaffen, darauf hoffen, dass wir so laut sind, mit dieser eigenen Wahrheit gehört zu werden, um dann gemeinsam noch viel lauter zu werden.

Dass die Menschen zu laut sind, haben Sie bereits häufiger erwähnt, Dembowski.

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen: Ich habe neulich vor einem Supermarkt gesessen. Dort auf einer Mauer ein Bier getrunken. Ereignet sich folgende Situation: Ein Mann tritt in mein Blickfeld. Er trägt eine dreckige Hose, an der sich die Spuren zu vieler Nächte auf der Straße deutlich zeigen. Seine Haut ist die eines Alkoholikers, glatt, rot, erweiterte Adern im Wangenbereich. En paar Meter weiter liegt jemand im Blumenbeet. Er schläft, vielleicht lebt er auch schon nicht mehr. Das interessiert niemanden.

Ein paar Meter donnern die Autos die Hauptstraße entlang. Jetzt sehe ich noch einen Mann. Er ist klein, hat einen rundlichen Bauch. Er trägt ein schwarzes Hemd. Security. Jemand hat ihm diese Macht gegeben. Die spielt er nun aus. Er schreit den Mann mit der zerrissenen Hose an. „Hausverbot. Hau ab, Du Lump!“ Diese Dinge. Der eine Mann geht. Was soll er sonst auch machen?

Der andere Mann, der mit dem Security-Shirt und der Macht, schimpft jetzt. „Die sollte man alle in ein Boot setzen, aufs Meer fahren. Gewichte ans Bein. Und dann reinschmissen. Dass diese Parasiten versinken. Niemals mehr auftauchen.“ Er unterhält sich jetzt mit einem zufälligen Passanten. „An der Grenze bauen die jetzt Lager. Diese Menschen dürfen nicht mehr in unser Land. Richtig so!“

Ich bin dann aufgestanden. Ich bin dann gegangen.

Tolle Geschichte, Dietfried. Aber was hat die mit Özil, was hat die mit Bierhoff zu tun?

Ich will Ihnen nur darlegen, in welchem Klima wir leben. Das hat sich ja nicht irgendwo ereignet.  Das hat sich in Berlin-Mitte ereignet. Bis dahin, bis in die geschützte Mitte des Landes hat sich das vorgearbeitet. Seit Jahren bereits setzen einige Politiker hier auf die externe Bedrohung, die unser System einstürzen lassen könnte.

Und jetzt nehme ich ein paar Abkürzungen. dann bin ich hier: Dagegen, sagen diese Politiker, müsse man sich wehren. Und dann schreien sie wieder, drohen mit dem totalen Chaos, wenn sie ihren Willen nicht bekommen. Der wird ihnen dann gewährt. Ist ja besser als Chaos. Was ohnehin schon herrscht. Sie lähmen das Land, in dem sie es mit ihrer Angst vor einer fiktiven Bedrohung überziehen. Und dieses Kniffes bedient sich Bierhoff jetzt. Bewusst oder unbewusst. Das ist seine Sache. Die Wucht seiner Aussage wird ihm bewusst gewesen sein. Hier bedroht der Fremde das Konstrukt Die Mannschaft. Hier reißt der Fremde alle anderen Spieler mit in den Abgrund. Deswegen muss er verstoßen werden.

Das sind ein paar Abkürzungen zu viel. Da sagt Bierhoff nicht, Herr Dembowski.

Natürlich nicht. Aber ich schreie! Und er baut sich da Fluchtwege ein. Er wird sagen, dass er es so nicht gemeint hat, und dass er da nur falsch interpretiert worden sei. Woher kennen Sie das?

Von den neuen Populisten.

Genau. Von denen kenne wir das. Und das macht alles so gefährlich. Wir müssen wieder zu einer Klarheit in der Sprache finden. Wir müssen Dinge wieder eindeutig benennen. Das tut Bierhoff nicht, nicht einmal in diesem Interview mit all seinen Andeutungen. Hier wird nichts benannt, außer der Hauptschuldige. Zwischen den Zeilen. Und mit doppelter Absicherung.

Was muss denn jetzt passieren?

Bierhoff muss zurücktreten.

Und dann? Lassen wir Özil die Geschichte einfach so durchgehen? Und sägen Bierhoff ab? Was macht das mit der Spaltung, wenn der Deutsche gehen muss, weil er vor dem Türken nicht gekuscht hat.

Was zum Teufel?

So wird doch die Erzählung sein, Herr Dembowski. Machen Sie sich nichts vor.

Die Erzählung der Rechten.  Die hat uns nicht zu interessieren. Wir müssen unsere eigene Erzählung schreiben. Wir müssen leiser werden. Wir müssen nicht mehr Sender memekompatibler Worte sein, sondern unsere Sprache wiederfinden.

Herr Dembowski. Gewonnen hat hier doch eigentlich nur Erdogan?

Das ist korrekt.

Danke für den Anruf, Herr Dembowski.

Ich melde mich bestimmt nochmal.

did war die empörung – das internet gegen malte dürr

Eine neue, lose Serie über die alltäglichen Erregungen im Internet. Solide Einschätzungen aufregender Sachverhalte. 

 

TL; DR

Im Internet gibt es Ärger. Virtuelle Störer mischen ein Treffen in der Nähe des Dortmunder Westfalenstadions auf. Auf Twitter kommt es zu einem Showdown der Extraklasse. Gesamtwertung: 2/10.

 

Das Kult-Treffen

Im Umfeld des Dortmunder Westfalenstadions treffen sich am vergangenen Wochenende zahlreiche Menschen im Rahmen eines größeren Stammtisches. Dies geschieht zum vierten Mal. In den Vorjahren traf man sich in Köln, Hamburg und München. 2018 in Dortmund. Das Treffen holt einige Nutzer der Plattform Twitter aus einer Nische ab. Es signalisiert ihnen Verständnis. Es bietet ihn eine Heimat für ein Wochenende. Das Treffen hat den Hashtag tkschland. Der zentrale Programmpunkt ist der Hasscup. Weil man doch immer was mitbringt, vielleicht nur Hass, Hass, Hass. Es ist kultig, es ist kuttig. Unter dem Hashtag tkschland geben sich die Besucher des Treffens ein Gesicht. Sie verehren Neven Subotic, die Nazirausausdenstadien-Kampagne und stehen grundsätzlich auf der richtigen Seite.

 

Der Aufkleber

Am Anreisetag lädt die Gruppierung zu einem ersten Treffen im Strobels unweit der Nordtribüne ein. Beseelt von der großen Liebe zwischen Anhängern der unterschiedlichsten Fußballvereine, klebt ein Schalker Schlachtenbummler einen Aufkleber an einen Pfosten außerhalb des Stadions. Dafür fordert er in den sozialen Netzwerken pflichtgemäß Lob ein. Rivalität gehört eben dazu.  Und natürlich war alles nicht so gemeint. Ein Spaß. Für ein paar Likes mehr.

 

Der Vorwurf

Cultural Appropriation. Die feiernde Masse hatte sich gedankenlos eines der Rituale zumeist in Gruppe reisender Fußballfans bedient. Verschönere Deine Stadt. Im Rahmen eines Hippie-Treffens jedoch verkommt das Kleben des Aufklebers zu einer kulturellen Aneignung. Sie bedienen sich der Elemente einer anderen Fußballkultur, und provozieren durch den Schritt in die Öffentlichkeit eine Reaktion.

 

Die Reaktion

Vereinzelte Tweets erzürnter Dortmund-Fans. Sie fühlen sich in ihrer Ehre verletzt. Das Westfalenstadion ist ihr Wohnzimmer. Dort braucht es kein doppelt ironisch gebrochenes Hippie-Treffen vereinzelter Fans verschiedener Vereine. Und es braucht kein öffentliches Abfeiern für Aufkleber des verhassten Nachbars. Anstatt zu schweigen, weisen einige Anhänger des Ballspielvereins auf mangelnden Respekt hin. Ein Twitter-Nutzer fordert eine sofortige Selbsttötung. Das ist übertrieben. Twitter schließt den Nutzer für einige Stunden aus. Ein anderer Nutzer, der es nach einem heroischen Kampf mit Twitter-Ikone Diekmann zu bescheidenem Ruhm brachte, blökt ebenfalls ein wenig lauter, fordert im nächsten Schritt noch Solidarität mit Karius.  Zu einer direkten Konfrontation der beiden Parteien kommt es nicht.

 

Die Gegenreaktion

Die breite Masse verstößt ihre Kritiker. Überbietet sich in immer neuen Attacken auf die Integrität derer, die ihr Spiel nicht mitspielen wollen. Man habe diese Störer schon immer als Störer erkannt. Auf 1 Kritiker kommen erst 10, bald 20, später 100 Verteidiger der Aktion. Der tskchland hat mit Aufklebergate nun einen zweiten Hashtag. Der fortan die Gespräche auf der Twitter-Plattform dominiert.  Für einen der Nutzer basteln sie Memes. In Dortmund wollten sie für ein Wochenende aus ihrer Netz-Nische ausbrechen, Liebe verströmen, der Subotic-Stiftung ein paar Euro ins Sparschwein werfen und über Twitter von ihrer Bewegung berichten. Dabei haben sie ungeschriebene Regeln verletzt. Jetzt haben sie ein weiteres Thema. Und natürlich auch ihren Spaß. Sie sind nicht allein. Das ist auch eine Message. Eine vermutlich seltene. Am Ende des Wochenendes werden sie ein Video mit 10 Störer-Tweets produziert haben. Ihr Treffen haben sie sich vom neuen Hashtag nicht verderben lassen.

 

Die Expertenmeinung

Rüdiger Rabe, dem meist alles egal ist, erklärt: „Es ist mir egal, aber die Kritiker der Kritiker sind nicht besser als die Kritiker der Aufkleber. Eher schlimmer. Sie haben sich verrannt. Sich in ihren Reaktionen überboten, jedes Maß verloren. Sie haben bewiesen, dass es ihnen nicht um Inhalte, sondern vielmehr um eine Empörung und Zusammenrottung geht. Aber auch die Herren Dürr und Quambusch müssen sich einen Tadel abholen. Durch die harte Tonalität gelang es ihnen nicht, berechtigte Kritik an den Mann zu bringen.“

 

Dembos Einschätzung

Auf dem Karneval der Gefühle sind mal wieder alle Sicherungen komplett durchgeknallt.  Hier treten sie in die bittere Rest-Realität, provozieren, können mit den Reaktionen nicht leben. Es ist ein wilder Ritt. Geschickt platzierte Ansagen vereinzelter Nutzer bringt sie komplett aus der Fassung. Doch sie sind nicht allein, sie sind viele und sie bringen die Liebe! Wer dies nicht akzeptiert, muss mit den Konsequenzen leben und wird verstoßen. Die Besucher des tkschland sind somit allesamt durch den Schill-Test gefallen und erhalten bis auf weiteres Hausverbot. Schill mag keine Hippies. Weitere Konsequenzen auf den Lauf der Dinge sind ausgeschlossen. Die Vorurteile beider Seiten wurden verstärkt. Die, die sich mögen, werden sich weiter mögen. Die, deren Existenz nicht davon abhängt, von allen gemocht zu werden, werden ihr Verhalten nicht ändern. Der Kampf Twitter versus Dürr wird weitergehen. Quambusch wird weiterhin bellen. Er spricht die Sprache einer Straße, die er nie gesehen hat.