wie war der spieltag, dembowski?

Herr Dembowski! Da sind sie ja endlich.

Genau. Der Sommer ist vorbei, der Herbst ist da. Meine Jahreszeit. Legen wir los. Was wollen Sie wissen?

 

Alles. Wir haben so lange nicht gesprochen.

Gut. Fangen wir an. Der BVB schießt 17 Tore in drei Spielen, insgesamt 22 Treffer in sechs Pflichtspielen. 14 Spieler haben schon getroffen. Komplett verrückt. Die stellen sich ne komplett neue Mansnchaft hin und machen einfach weiter. Guerreiro ist der bessere Gündogan, Dembélé eine Gefahr für Freund und Feind, Pulisic der absolute Superstar in den USA. Das kostet er auch aus. Und ziert sich bereits jetzt. Castro spielt kaum, ist trotzdem an jedem Treffer beteiligt. Bartra spielt Pässe, die Hummels nicht einmal auf der Playstation beherrscht und Bürki wird bald Welttorhüter. Und das geht ja immer weiter. Dieser Kader. Diese Tiefe. Ein Wunderwerk des Scoutings. Wie jedes Jahr verdreht der BVB der Welt den Kopf. Dieser Klub lebt, dieser Klub macht auf dem Platz alles richtig.

 

Und abseits?

Da sind sie die Maschine mit Herz. Das ist natürlich ein Widerspruch. Und derart gestaltet sich dann auch das aktuelle Geschäft. Tuchel serviert die alten Spieler ab. Das gab es immer und an allen Orten. Schauen Sie nur nach Manchester. Dort Schweinsteiger, da Yaya Toure. Aber der Ballspielverein, weil er so nahe ist, kann das nicht so einfach machen. Er hat ganz offensichtlich seine Probleme. Dann reden sich Watzke und Tuchel um Kopf und Kragen, überbieten sich in Erklärungen, warum Kuba abgegeben wurde, und warum er gehen wollte. Das wird alles nicht so klar. Im Winter kommt dann wieder ein Trainingslager und irgendwann vielleicht ein neuer Investor. Dann geht es in die USA, wenn Pulisic noch da ist, was bei ihm keineswegs als selbstverständlich angesehen werden kann.

 

Was für Probleme! OMG! Schalke verliert jedes Spiel. Das sind Probleme. Ist Weinzierl schon gescheitert?

Nach dieser Sommerpause musste jedem klar sein, dass Schalke Zeit brauchen wird. Um sich von Tönnies abzusetzen, um sich von Heldt abzusetzen, musste Heidel ständig auf das neue Schalke verweisen. Das ist anders, und diese Mauer wurde durchbrochen und jener Weg beschritten. Die Transfers wurde allesamt inszeniert. Die Fachpresse jubilierte, weil sie immer entzückt aufschreit, wenn ein Spieler, und es ist egal welcher, von A nach B wechselt. Da wird ein alternder Naldo schon einmal zu einem Transfercoup. Der bei Tottenham ausgemusterte Bentaleb ist der Heilsbringer im Mittelfeld, Konoplyanka ist jetzt bereits wieder vergessen, und Embolo hat man direkt bei der Spielervorstellung verbrannt. Das neue Schalke ist das alte Schalke. Aber das werden auch sie bald sehen.

 

Bayern München hingegen marschiert schon wieder Richtung Titel.

Haben Sie ernsthaft etwas Anderes erwartet? Kalle Rummenigge baut weiter an dem Fußball der Zukunft. Da hat die Bundesliga keinen Platz mehr. Gewonnen wird sie natürlich trotzdem. Und dann ab 2018/2019 fließt noch mehr Geld für noch weniger Vereine. Und Bayern gehört natürlich dazu. Sie sind ein Superverein und müssen auch so entlohnt werden. Für die Show, die immer lärmender und lähmender wird. Am Ende der Saison gibt es ein paar Spiele, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Die Zeit davor wird genutzt, um neue Rekorde aufzustellen oder Jahrestage dieser Rekorde zu feiern, um neue Pläne zu schmieden, wie man dem Zuschauer die paar wirklich interessanten Spiele am Ende der Saison noch besser verkaufen kann. Bayerns Glück entscheidet sich nicht auf Schalke und nicht gegen Berlin. Lassen Sie uns die Bayern doch bitte einfach bis zum April ignorieren. Die Liga, kurz vor ihrem Untergang, hat mehr Geschichten.

 

Die bald auch in China erzählt werden könnten. Das erklärt der scheidenden adidas-Chef Herbert Hainer im Gespräch mit dem Fachmagazin Sport Bild.

Fachmagazin? Klar. Egal. Das ist natürlich ein Testballon. Hainer sitzt noch bis 2018 im Aufsichtsrat der Bayern, und trifft dort bald wieder auf seinen alten Freund Uli Hoeneß. Das tut aber nichts zur Sache. Hainer schicke ich die Tage einmal ein paar Aufzeichnungen vom International Champions Cup und gerne auch vom französischen Supercup, der in diesem Sommer in Österreich ausgetragen wurde. Davon wusste jedoch niemand etwas. Die als „Internationales Fußball-Spektakel in Klagenfurt“ beworbene Veranstaltung wurde vor weniger als 10.000 Zuschauern ausgetragen. Ich bezweifle, dass dies Werbung für den Fußball ist. Auch im TV.

 

Hainer will das Eröffnungsspiel der Liga in China austragen. Das bestreitet traditionell der Meister. Hand aufs Herz, Herr Dembowski, wann wird das der Klub aus Leipzig sein?

Diese Frage stellen Sie jetzt nicht wirklich? Gut. Das wird noch lange dauern. Die ersten Schritte sind immer einfach. Gerade auch, wenn Du dann den BVB schlägst, und die Gegner sich in der Vorbereitung jedes Mal noch mit den eigenen Fans auseinandersetzen können. Die einen protestieren so, die anderen so. Das ist auch wichtig, spielt jedoch den Leipzigern in die Karten. Aber das wird sich legen. Sie werden mit dieser Mannschaft maximal um eine Platzierung in der oberen Hälfte mitspielen, und müssen danach wieder Geld reinfeuern. Der Weg bis nach ganz oben ist noch sehr lang. Aber natürlich: Mittelfristig kommen die in Europa an. Und im Zweifel steckt man sie dann direkt in die Super League. Damit wäre allen geholfen. Die Bundesliga hätte ihre Ruhe, der Osten würde blühen, der Sponsor könnte sich global vermarkten. Das macht er bislang ja auch schon. Durch gezielte Medienarbeit.

 

Erläutern Sie das mal?

In der englischsprachigen Presse sind in den letzten Wochen viele Lobeshymnen über das Leipziger Modell erschienen. Man wunderte sich über die Proteste, erkannte ihre Berechtigung zwar an, aber nur in einem niedlichen deutschen Rahmen. Das Alleinstellungsmerkmal 50+1 wird von außen weiter ausgehöhlt, nahezu verhöhnt. Teilweise von etablierten Schreibern, die sich mal hier und da verdingen. Die von Red Bull bezahlt werden und für den Guardian Lobeshymnen über Red Bull schreiben, die protestierende Fans verspotten, weil sie für eine Sache einstehen, weil sie nicht einverstanden sind, die also überhaupt nicht an einem Dialog interessiert sind. Ihr da unten, sagen sie, habt auf der Tribüne zu stehen, und nur dort wollen wir euch hören. Ihr Fans, ihr seid das hübsche Beiwerk. Mehr nicht. Versteht das, und haltet die Schnauze! Guter Fußball, erfolgreicher Fußball, der Fußball also der mit Verstand gespielt und abseits vorbereitet wird, rechtfertig also diese stillschweigende Vereinbarung zur Abschaffung der letzten Grundpfeiler des deutschen Fußballs. Der Wettbewerb findet nicht mehr diesseits der Landesgrenzen statt, sondern in einem globalen Verdrängungswettbewerb. Wer es nicht schafft, der fällt raus. Der hat schlecht gearbeitet, und es nicht verdient. Rummenigge nannte die Reform der Champions League eine Evolution. Struggle for existence, survival of the fittest. Mir ist, als gestehe ich einen Mord. Alles hängt mit allem zusammen. Das sage ich seit Jahren. Red Bull repräsentiert alles, was einem am Fußball momentan missfällt. Die klare, kalte, kalkulierte Ausrichtung auf Erfolg, dessen Glanz auf die Marke, den Inhaber ausstrahlen soll. Das Ausnutzen sämtlicher Lücken ohne jede Moral, ohne jeden Anstand. Alles im Rahmen. Alles innerhalb der Statuten. Aber alles ohne Rücksicht auf den Nebenmann. Das Aufgeben der Solidargemeinschaft.

 

Herr Dembowski. Vielen Dank für das Gespräch. Eine letzte Frage noch: Was machen Sie da?

Ich bastel ein Kastanienmännchen. Das mache ich jedes Jahr im Herbst.  Am Montag schauen wir hoffentlich mal nach Europa. Stichwort: DID POWER RANKING! Ich gehe jetzt saufen.

Endlich Krieg

Geht gut los diese Spielzeit. Dank Länderspielpause konnte sie sich aller Zwänge entledigen. Die 90 Minuten? Zählen nicht, wenn es sie nicht gibt. Deswegen: Aufbruchsstimmung hier! Abgesänge da! Willkommen im Internationalisierungsprozess!

 

„Europa zerbricht“, schlagzeilt der kicker am Montag, und zeigt die neuen Wege der Champions League auf. Noch mehr Geld für noch weniger Vereine. Das finden diese wenigen Vereine natürlich super, und der große Rest weniger. Diese wenigen Vereine sind die größten Traditionsklubs ihrer Länder: Bayern München, Barcelona, Juventus, Real, Manchester United. Sie alle haben in der Vergangenheit Pokale gewonnen. Sie alle werden in der Zukunft dafür bezahlt. Sie sind die Champions League.

 

Noch mehr Geld für noch weniger Vereine bedeutet auch mehr Geld für alle Vereine, sagen die wenigen Vereine, die in Zukunft noch mehr Geld bekommen werden als die Vereine, die mehr Geld aber eben nicht noch mehr Geld bekommen sollen.  Deswegen profitiere doch jeder, rechnet Karl-Heinz Rummenigge am nächsten Tag vor, und bittet alle, ihm zu glauben. „Denken Sie an Gent!“, fleht er.

 

Das Problem: Niemand außerhalb seiner Kreise glaubt ihm. Sogar der Express fordert nun den Rauswurf der Bayern. „Sollen die Großen doch ihre eigene Liga gründen“, sagt auch SC Freiburg-Präsident Fritz Keller im kicker. Anders als die Champions League-Vereine wird der Bundesliga-Neuling nicht mehr Geld bekommen, sondern nur etwas mehr Geld, vielleicht sogar etwas mehr als nur etwas mehr Geld, dafür muss der Liga-Verband jedoch erst die lästigen Zweitligisten ruhigstellen, die auch zumindest ein wenig mehr Geld bekommen wollen, und sich dabei auf die Solidargemeinschaft berufen wollen, dabei jedoch auf den Widerstand der Erstligisten stoßen, die trotz des neuen Millliardenvertrags ihre Arbeit nicht ausreichend honoriert sehen. Jeder will mehr. Viel mehr. Weil es immer mehr gibt. Nicht nur in Deutschland, auch in England, Spanien und in Europa. Die, die weniger als die wenigen Vereine bekommen werden, drohen mit einem Aufstand.

 

Schnappschuss:

 

Marketing-Fachmann Oliver Bierhoff kritisiert die Kritik der Liga-Platzhirsche an den ausufernden Marketingaktivitäten der Nationalmannschaft.

 

Szenenwechsel:

 

Innerhalb zweier Ausgaben veröffentlicht die Sport Bild zehn Seiten voller vermeintlicher Insights über den aufstrebenden Getränkehersteller Red Bull, der sich nicht nur im Fußball und der Formel 1 um den Sport verdient gemacht hat. Jede dieser Seiten bekommt einen kleinen Bullen geschenkt.

 

In der zweiten Ausgabe ruft das wenig respektierte Fachmagazin den neuen Klassenkampf aus. RB Leipzig gegen den BVB aus. Transferminusrekord gegen Transferrekord. Geld gegen Echte Liebe. Der moderne Fan gegen den Ultra-Fan. Die Zeitung spart an nichts, schon gar nicht an Zitaten besorgter BVB-Fans, die die Ultras als Wurzel aller Probleme ausgemacht.

 

Die, und viele andere Fans, hören sich am Samstag das Spiel in der Roten Erde an. Weil sie Fußball lieben.„Wir sind der Volksssport Fußball“, sagen sie und werden von wieder anderen, die fragen, ob es nur eine Art gibt, den Fußball zu lieben, nicht verstanden. Die Wiedereinführung des Begriffs Volkssport, und ihr Verein, der erste börsennotierte Verein der Liga, der den Spagat zwischen Borsigplatz und Shanghai schaffen will, immer neuen Umsatzrekorden nachjagt, um noch mehr Geld und nicht nur mehr Geld zu bekommen, um zu überleben im Zeitalter der Superclubs.

 

Das Red Bulletin verkündet: Alles okay! Es war schon immer so! Mehr Geld! Mehr Spaß!

 

Die Süddeutsche sieht den Wettbewerb gefährdet.

 

Schnappschuss:

 

Der FC Barcelona eröffnet ein Büro in New York.

 

die rückkehr der kraniche

Justin Hagenberg-Scholz stöhnte einmal, hielt sich den Rücken, und stand auf. Er öffnete die Tür und blickte auf die Straße. Er war ganz allein.  Rechts erhob sich das BER-Hauptgebäude, links von ihm ging der Melli-Beese-Ring erst in den Hugo-Junkers-Ring, dann in den Elly-Beinhorn-Ring und bald auch in die Schönefelder Allee über. Hin und wieder sah er ein paar Baustellenfahrzeuge die Straße entlangfahren. Dann stand er auf.  Aber meist saß er. Auf einem kleinen Tisch neben ihm lag Claudia Kornmeiers Standardwerk „Der Einsatz von Drohnen zur Bildaufnahme: Eine luftverkehrsrechtliche und datenschutzrechlichte Betrachtung“ und daneben, noch ohne einen Makel, Gregoire Chamayous „Ferngesteuerte Gewalt: Eine Theorie der Drohne.“ Manchmal schaute er auf seinen iPad. Das hatte er hinüberretten können. Dann las er die neuesten Nachrichten aus Gelsenkirchen. Weinzierl und Heidel machen einen verdammt guten Job, dachte er in diesen seltenen Momenten, und dass die Schalker an der Schwelle zu einem goldenen Jahrzehnt standen. Von Mario Götze hielt er wenig, Tuchel, so sagte er sich, hatte die Kontrolle verloren.

 

Ridley Ferundula betrachtete das Ufer des Saatwinkler Damms. Der Sommer war weitestgehend an ihm vorbeigezogen. Wieder einmal hatte er alle Hoffnung in das Transferfenster gelegt. Doch fielen mittlerweile nicht mehr Brotkrumen für ihn ab. An manchen Tagen klickte er sich auf transfermarkt.de durch die Spielerlisten seiner Mitbewerber.  Ihm hatte man den Eintrag ganz gestrichen. Er war Geschichte. Noch einmal die Hosenträger richten, noch einmal die letzten Ersparnisse in Lebensmitteln tauschen. Lange würde er es nicht mehr aushalten. Damit waren Schmerzen verbunden, Ängste, Sorgen. Aber es war ihm bereits egal. Einmal würde er aufwachen, und ablegen. Deutschland gab es für ihn schon lange nicht mehr.

 

Hauke Schill saß in seiner neuen Bar.  Das Soldiner Eck hatte er endlich hinter sich gelassen. Die wenigen Gäste hatten ihn nur noch genervt, die Jukebox war ihm seine größter Feind geworden.  Die Gäste wollten anschreiben, in der Jukebox drückten sie nur die alten Lieder, in denen es um Liebe, Aufbruch, Landflucht ging. Einmal, als jemand gerade Revolverheld drückte, war die Situation eskaliert. Er hatte den Trinker, es waren jetzt meist jüngere Trinker, die hier ihren Touren ausklingen ließen, mit seiner HSV-Tasse beworfen. Die Tasse war zerbrochen, sein Gast spazierte mit einer Platzwunde aus dem Laden. Er hatte ihn dann geschlossen. Endgültig. Für immer. Kein Schulle mehr. Auch kein Fußball mehr. Die letzte Sky-Erhöhung wollte er nicht mehr akzeptieren. Seine Hamburg-Tasse war nicht mehr, und der Transferrausch seines Vereins ihm ohnehin reichlich unangenehm. Er war jetzt Barbetreiber, kein Kneipier. Anstatt Schulle schenkte er Craft Beer aus. 215 Sorten aus aller Welt. Er saß jetzt südlich der Osloer Straße und nicht mehr nördlich der Osloer Straße. Manchmal verirrten sich ein paar Studenten in seinen Laden. Sie blieben. Und nicht weil sie tranken, sondern weil sie ihre eigene Individualität feierten, und ihre Biere in einer App hinterlegten. Einer hatte schon über 1.000 verschiedene Biersorten getrunken. Ein anderer trug ein Andrea-Pirlo-Shirt und zeigte sich besonders begeistert vom Cerveza Ceriux Rubia mit Weißweinmost. Es war Schill eine Freude, diesen erlesenen Tropfen zu servieren. Nie wieder Schulle, nie wieder diese versiffte Kneipe. Aus der Küche schleppte er einige gedämpfte Weichtiere herbei, servierte diese neben einem schmackhaften Brotteller mit Tomaten und einem Hauch Olivenöl. Sein Gast, Pedro, war begeistert. Das hatte Schill später auf TripAdvisor nachgelesen. Der Gesundbrunnen war angesagt, und er würde davon profitieren. Irgendwann.

 

Miriam Wu eilte von Rekord zu Rekord. Die Auslandsvermarktung lief immer besser. Im Sommer waren die Bayern nach Amerika, die Dortmunder nach China gereist. Einmal hatte ein asiatischer Sponsor nach einem Werbedreh mit allen 18 Bundesliga-Maskottchen gefragt. Nur Oliver Bierhoff bereitete ihr ein wenig Sorgen. Er wollte nicht sehen, was alles sahen: Der Vereinsfußball dominierte den Verbandsfußball. Die intakten Strukturen: DFL, ECA. Die zerstörten Strukturen: DFB, UEFA, FIFA. Die Verbände starben. Nur ihre Events lebten weiter. Weil sich diese aus den in den Vereinen entwickelten Talenten speisten. Die Bundesliga, das wusste Miriam Wu, war die beste Liga der Welt. Neulich hatte sie einen Amerikaner getroffen. Der war auch dieser Meinung. Der Amerikaner hieß Martin Nystad. Und sollte die Liga jetzt da entwickeln. Die Bayern waren bereits da, Dortmund würde kommen und sogar Michael Henke reiste nun durch das Land der großen Hoffnung. Nystad war Wus Mann. Manchmal war Schill eifersüchtig, doch zumeist verstanden sie sich gut. Am Abend, wenn sie in der Stadt war, gönnte sich ein Craft Beer. Einmal, als sie gerade aus Barcelona kam, sah sie Justin Hagenberg-Scholz am Flughafen, aber sie wollte ihn nicht ansprechen. Er sah traurig aus.

 

Der Chinese im MSV Duisburg-Trikot war mir von Anfang an suspekt. Ich traf ihn im Sommer in einem Danziger Vorort, also nicht unbedingt an einem Ort, an dem man einen Chinesen in einem MSV Duisburg-Trikot erwarten würde, dazu noch mit Ivica Grlic-Beflockung. Ich sah ihn an der Galerya Baltycka, diesem Konsumfrachter an der Aleja Grunwaldzka nahe des zum Verkehrsknotenpunkt ausgebauten Bahnhof Wrzeszcz, aus dem man eine gute Sicht auf die alte Brauerei hat, die nach Berliner Vorbild zu einem hochwertigen Lebensmittelpunkt für den wohlhabenden Teil der Danziger Bevölkerung umgebaut wurde.

 

Abends machte sich Justin Hagenberg-Scholz auf den langen Weg zurück in den Gesundbrunnen. Mit dem Fahrrad über den gesperrten Teil der Jürgen-Schumann-Allee bis hin zum Bahnhof Schönefeld. Schumann war damals nicht aus Aden zurückgekehrt, und immer wenn er an die Landshut dachte, und daran, wie er es hätte verhindern können, vergaß er den langen Weg über die ja eigentlich gesperrte Straße, er vergaß die Lügen, die er glaubte, und die ihm so viel Anerkennung gebracht hatten. Er vergaß seinen letzten Tag im Institut, und er vergaß RaRa und er vergaß das, was ihr plötzlicher Tod mit Berenice gemacht hatte. Einmal sah er Miriam Wu am Bahnhof, da beeilte er sich, und rannte in den vorderen Wagen der S-Bahn. Niemand durfte ihn hier sehen. Seine Deckung durfte nicht auffliegen, dann wäre alles vorbei, das wusste er.  Später, an der Baude, traf er manchmal auf Dietfried Dembowski. Der Ermittler trank wieder mehr. Manchmal konnte Hagenberg-Scholz ihn kaum verstehen. Von ihm ging keine Gefahr aus. Aber der DID war in Gefahr. Sie hatten schon lange keine Texte mehr veröffentlicht.

 

Den Sommer über hatte ich mich dem Fußball verweigert. Mich interessierte der Europameister nicht, noch war es mir nach Live-Spielen aus China, Amerika, Schweiz, Österreich. Olympia boykottierte ich aus Tradition. Auch wenn meine Stimme keinen Unterschied machen würde, war mir der Boykott Ausrede genug, endlich wieder einmal alte Platten zu hören, andere Orte zu sehen, und tagelang bei Koi zu sitzen. Mir war es egal, wer bei der Borussia unterschrieb und wieso Ancelotti nicht mehr mit Beratern sprechen wollte. Die Transfers der Blauen registrierte ich amüsiert, wenn der kicker mir wieder einmal eine aufgeregte Push-Meldung an meinen See lieferte. Dörte schrieb wieder neue Lieder, manchmal tranken wir Wein und an den besonders warmen Tagen sprangen wir zu Koi ins Wasser und schwammen mit ihm einige Runde. Er zeigte mir sein Gründelparadies und sprang behäbig über Dörtes Beine. Wir spielten coming up for air und immer gewann Koi. Wir waren keine Karpfen, aber glücklicher als je zuvor. Auf der nahen Wiese stand das Kranichpaar unter einer Weide. Es wartete auf den Herbst. Es wartete auf die Rückkehr ihrer Artgenossen. Abends zerfiel im Fernsehen die Welt. Wir sangen „Hey, bist Du auch aus Kürbis?“ und „Du bist wie ein Leguan“, Dörte rezitierte die „Lamafarm“. Sie konnte alle Strophen. Sie war die Verfasserin.

 

Lange hält es Dietfried hier nie aus, dachte Dörte.

 

Sein Boot überwachte Ferundula mit einer Kamera. Sobald er aufwachte, legte er ab. Nur ein paar Meter vom Ufer entfernt. Er wollte mit diesem Land nichts mehr zu tun haben, doch gerade in den Morgenstunden marschierten sie auf, und wollten ihn holen. Immer war jemand hinter ihm her. Doch er berief sich auf seine Rechte. Er war der Herrscher über sein Land. Er war der Kapitän seiner Republik. Wenn er sich bis zu seinem Briefkasten vorwagte, fand er dort die gelben Briefe. Dann richtete er sich seine Hosenträger und heftete die Infopost der Gerichte in Ordner. Ordner, die mittlerweile eine ganze Wand ausfüllten. Dieses Land akzeptierte er nicht mehr.

 

Lange hielt ich es auf der Lamafarm nicht aus. Ich trank jetzt wieder. Meist Schulle. Das musste ich mir jetzt im Supermarkt kaufen. Die Steini-Flaschen bei Schill waren nicht mehr. Und so saß ich in meiner Wohnung gegenüber der alten Kneipe und hing meinen Gedanken nach. Ich hörte die neue Dinosaur, und ich konnte die Kritiken nicht unterschreiben. Es war nicht einmal ihr bestes Album seit ihrer Reunion. Kein Song blieb haften. Dafür las ich von der Evolution der Champions League. Kalle preschte voran. Kalle sagt dies, Watzke dachte das. Niemand da, um ihnen Einhalt zu gebieten. Niemand da. Die Gier. Die Reichen werden reicher, der Rest verharrt auf Los und wartet auf den einen Investor, auf den Fall von 50+1. Schockstarre. Bier. Ain’t no sunshine when you’re gone. Also immer. Bis der Chinese auftauchte, unten an der Tür. Er schlug gegen Schills alte Scheiben. Ich trank Schulle. Hörte CCR. Wie damals in Schills Kneipe. Da die Jukebox, hier Vinyl. Der Chinese schlug fester. Ich stand hinter ihm, über ihm. Ich sah sein Trikot. Und trank noch ein Schulle. Gegen alles. Der Chinese gab nicht auf.

 

Genevieve Heistek hatte schon lange nichts mehr von Dembowski gehört. Beim Kongress hat sie ihn gesehen. Und wie er dort das Ende aller Zeiten verkündete. Es war die Zeit der Kraniche. Jetzt zogen die ersten Gänse über ihre Dachterrasse. Bald würden die Kraniche folgen. Der Ermittler war ihr immer sympathisch gewesen. Down to earth-Ermittlungen. Doch jetzt hieß es DID hier und DID da. Das war nicht ihre Welt.

 

Ferundula blickte noch einmal auf Transfermarkt.de. Er fand keinen Eintrag. Er war ausgelöscht. Er blickte auf den Monitor. Er war jetzt ganz allein. Auf einem Bild an der Wand lächelte er. Neben ihm der Prince. Hinter ihnen das Ufer. Die große Zeit. Er sah die Ordner. Das war nicht mehr sein Land. Er sprang, jetzt hielt ihn nur noch das Seil.

 

„Irgendwann werden wir alle ersticken“, dachte ich.  „Brot und Spiele. Fußball, 24 Stunden am Tag. Die erste kasachische Liga, die Endspiele um die Copa Libertadores. Der Fußball als modernes Event. Die Klagen hier hinein, das DAZN-Abo dort hinein. 22 Mann, die einem Ball hinterherrennen, und am Ende analysieren wir das. Wir kennen die Spieler. Wir haben mit ihnen auf FIFA gespielt, wir sehen sie, wie sich in Sekundenclips in Halbräume verschieben. Sie bedeuten uns nicht. Sie sind ihre Avatare. Und wenn einer von ihnen zum Avatar wird, fühlen wir uns persönlich beleidigt. Wir wollen, dass sie Mensch sind, dass sie Fleisch sind.  Wir wollen, dass sie liefern. Im Fernsehen. 24 Stunden lang. Damit wir uns beschäftigen können, damit wir träumen können, vom nächsten Spieltag. Irgendwann werden wir alle ersticken.“ Ich sah den Chinesen, der vor der geschlossenen Tür saß. Ich hörte Chokebore. Anything near water. Ich schrieb einen Text über Götze. Und der ging so:

 

Was waren das für Glücksmomente. Andre Schürrle stürmt die linke Seite entlang, sieht Mario Götze, der sich in den freien Raum schiebt. Der den Ball, der in diesem Moment auf ihn zufliegt, sieht, der sich instinktiv entscheidet, der den Ball von der Brust abtropfen lässt, der sich dreht, der den Ball mit links in die lange Ecke schiebt, der den größten Titel im Weltfußball sichert. „Mario Götze. Das ist doch Wahnsinn. Und da ist gekommen dieser eine Moment für Mario Götze, da ist alles andere egal. Irre. Das nächste Jokertor für Deutschland. Helmut Rahn, Gerd Müller, Andy Brehme, Mario Götze. Ist das die Viererreihe? Diese Technik, die er gelernt hat bei Borussia Dortmund, bei Volker Pröpper in der Jugend.“, das sind die unvergessene Worte, die eine unvergessen Nacht einleiten.

 

Joachim Löw, der sich die Haare richtet. Müller-Wohlfahrt, der die Hände jubelnd in die Luft hält, Angela Merkel, der für einen Moment die Gesichtszüge entgleiten. Gauck, der aufsteht. Deutschland, das feiert. Deutschland, das im Freudentaumel erstmals seine hässliche Fratze zeigt. Deutschland, das on top of the world ist. Deutschland, das Land, das über allen anderen steht. Hier beginnt das: Das Tor von Mario Götze.

 

Aber Götze spielt nicht mehr bei Borussia. Dort ist er nicht mehr willkommen. Er wird ausgepfiffen, beschimpft. Für das, was er tat und für das, was er zerstörte. Götze ist müde. Tired of all the hatin. Tired of all the injuries. Er verletzt sich. Er bleibt eine Verheißung. Er bleibt der Spieler, der das wichtigste Tor der letzten 26 Jahre schoss und der daran zerbrach. Sein Trainer, Pep Guardiola, ignoriert ihn, hält ihn klein, gewährt ihm immer wieder Spielpraxis, aber erst nachdem er ihn gebrochen hat. Sein Förderer Matthias Sammer spielt da schon keine Rolle mehr. Er hatte ihn zu den Bayern gelockt. Um Dortmund zu schwächen, um Dortmund zu zerstören, um den Fans ihren Traum zu nehmen.

 

Aber Sammer ist nicht mehr. Und Guardiola auch nicht. Nur die Muskeln, die Kilos, die fehlende Leichtigkeit. Die sind alle noch da. Ungebetene Gäste. Unangenehme Begleiter. Andere werden verstoßen. Die Berater, die Agenturen, die ihn zu einer Werbefläche gemacht haben. Die ihn zu einer Weltikone aufbauen wollten. Doch er blieb der kleine Junge, der von seinem Vater nach Hause geschickt wurde. Doch dort will niemand was von ihm wissen. Sie haben ihm nicht verziehen. Sie werden ihm nie verzeihen. Der Rest zeigt mit dem Finger auf ihn. Das mahnende Beispiel für den tiefen Fall in ein locker gespanntes Sicherheitsnetz. Es ist der Wucht des Aufpralls nicht gewachsen. Er sitzt auf der Tribüne. In der Nationalmannschaft auf dem Platz. Dort wird er geschnitten. Die Abstrafung dafür, dass er Müller, Özil, Kroos, Khedira ihren großen Moment raubte. Für Löw ist er ein Bauernopfer, für Tuchel war er der Schlüsseltransfer. Ohne ihn kein Schürrle. Ohne Schürrle die Unruhe.

 

Aber Mario Götze bleibt der, der keine Tattoos trägt. Der, der Wärme braucht und Kälte ausstrahlt. Der, dessen Karriere schon am Samstag in Leipzig auf der Kippe steht.